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Die Anomalie

Publiziert am 12. Oktober 2021 von Matthias Zehnder

Der Flug AF006 Paris–New York gerät südlich von Neuschottland in einen fürchterlichen Hagelsturm. Die Gewitterfront schüttelt nicht nur Crew und Passagiere fürchterlich durch und beschädigt das Flugzeug. Noch etwas passiert: Das Flugzeug wird über dem Atlantik verdoppelt. Ein Flugzeug landet flugplangemäss im März 2021, das andere Flugzeug taucht überraschend drei Monate später, im Juni 2021, vor New York auf und wird dann auf den Militärstützpunkt umgeleitet. Da werden die Passagiere zunächst in einem Hangar festgehalten und das Flugzeug aufs genaueste untersucht. Wissenschaftler spekulieren drüber, was zur Verdoppelung des Flugzeugs geführt haben könnte. Militärs fürchten die Implikationen auf die Sicherheit. Öffentlichkeit und Passagiere werden vorerst nicht informiert. Nicht nur das Flugzeug, auch Besatzung und Passagiere sind absolut identisch mit jenen, die drei Monate zuvor in New York gelandet sind. Es beginnt eine Geschichte, die man als psychologischen Roman mit ironisch-absurder Wendung oder auch als groteske Komödie über eine absurde Welt bezeichnen könnte. Grossartig.

Südlich von Neuschottland über dem Atlantik türmt sich vor dem Air-France-Flug AF006 Paris–New York eine riesige Gewitterwolke auf. Die Wolke breitet sich im Norden und im Süden über mehrere hundert Kilometer aus und erreicht eine Höhe von 45’000 Fuss. Die Boeing 787, die schon zum Landeanflug auf New York ansetzte, wird der Wolke nicht mehr ausweichen können. Der Flugkapitän befürchtet schlimme Turbulenzen und warnt seine Fluggäste, sie sollen sofort ihre Plätze einnehmen, ihre Taschen unter dem Sitz verstauen und sich anschnallen. Tatsächlich gerät das Flugzeug noch vor der Wolke in ein riesiges Luftloch. Der Flugkapitän schafft es zwar, die Maschine nach einem schwindelerregenden Sturzflug aufzufangen, der Sturm rüttelt und schüttelt aber das Flugzeug und seine Insassen aufs heftigste durch. Eine der Turbinen erleidet einen Leistungsabfall, die Instrumente spielen verrückt, der Flugkapitän schiebt die Regler von Hand auf Vollgas und mobilisiert seine ganze Erfahrung, um die Boing sicher durch den Sturm zu bringen. Riesige Hagelkörner schlagen Löcher in die äussere Windschutzscheibe. Es dröhnt und prasselt in der Maschine. Vermutlich kreischen und schreien die Passagiere.

Dann, nach fünf Minuten Sturzflug und Achterbahn, leuchtet plötzlich die Sonne strahlen hell ins Cockpit. Die Maschine fliegt perfekt auf 30’000 Fuss, die Motoren summen gleichmässig, aber alle Instrumente sind aus dem Takt. Das Flugzeug ist stark vereist, Höhenmesser, Fahrtenmesser und Radar sind ausgefallen. Der Flugkapitän gibt den Notfallcode 7700 in den Transponder ein und setzt einen «Mayday»-Funkspruch ab. Die Flugsicherung im Tower von Kennedy reagiert überrascht und stellt einige seltsame Fragen. Der Funk wird vom Militär übernommen. Kurze Zeit später zwingen zwei Kampfflugzeuge, die Boing auf einer Militärbasis zu landen.

Der Grund: Der Air-France-Flug AF006 Paris–New York ist drei Monate zuvor bereits einmal in New York gelandet. Nicht nur die Flugnummer sind identisch, sondern auch das Flugzeug bis auf die letzte Hageldelle. Im Flugzeug sitzen derselbe Flugkapitän und die identischen Passagiere. Das Flugzeug hat sich mit anderen Worten im Sturm verdoppelt. Es ist eine in jeder Beziehung verrückte Geschichte. Verrückt, aber spannend. 

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Diese Woche: «Die Anomalie» von Hervé Le Tellier.

Der Flug AF006 Paris–New York hat sich im Hagelsturm südlich von Neuschottland über dem Atlantik verdoppelt. Ein Flugzeug landet flugplangemäss im März 2021, das andere Flugzeug taucht überraschend drei Monate später, im Juni 2021, vor New York auf und wird dann auf den Militärstützpunkt umgeleitet. Da werden die Passagiere zunächst in einem Hangar festgehalten und das Flugzeug aufs genaueste untersucht. Wissenschaftler spekulieren drüber, was zur Verdoppelung des Flugzeugs geführt haben könnte. Militärs fürchten die Implikationen auf die Sicherheit. Öffentlichkeit und Passagiere werden nicht informiert.

Hervé Le Tellier erzählt die Geschichte als Episodenroman. Er folgt kapitelweise einzelnen Passagieren und Flugkapitän Markle. Da ist zum Beispiel Blake, der zwar oberflächlich eine bürgerliche Existenz mit Frau und Kindern lebt, in Tat und Wahrheit aber als Auftragskiller arbeitet. Blake ist unterwegs in die USA, weil er da einen Auftrag erledigen soll. Der Schriftsteller und Übersetzer Victor Miesel befindet sich im Flugzeug, weil er in den USA einen Preis für eine seiner Übersetzungen erhält. Filmcutterin Lucie Bogaert befindet sich ebenso im Flugzeug wie Stararchitekt André Vannier, Anwältin Joanna und die kleine Sophie, die ihre Kröte Betty vermisst.

Gemeinsam ist den Figuren, dass sie alle auf unterschiedliche Art und Weise ein Doppelleben führen. Der nigerianische Popsänger Slimboy zum Beispiel verbirgt seinem Publikum, dass er schwul ist. Übersetzer Miesel verachtet im Grunde seines Herzens die Übersetzung, für die er einen Preis erhält. Er sieht sich vielmehr als Schriftsteller. Architekt André Vannier hat eine Affäre mit Lucie. Doch Lucie fühlt sich von ihm bedrängt und will sich von ihm lösen. Selbst die kleine Sophie hat etwas zu verbergen: Sie wird von ihrem Vater sexuell missbraucht.

All diese Doppelleben werden durch die Anomalie verdoppelt – und sie reagieren sehr unterschiedlich auf die reale Verdoppelung ihrer Existenz. Am radikalsten reagiert, natürlich, der Auftragskiller. Popsänger Slimboy geniesst die Verdoppelung, weil er sein Geheimnis endlich mit jemandem teilen kann. Auch musikalisch verstehen sich die beiden hervorragend: Er singt mit seinem Doppel ein Duett. Für Architekt André Vannier ist die Konfrontation mit sich selbst deprimierend: Er sieht erst jetzt, wie alt er wirklich ist – und wie sehr ihm Lucie fremd geworden ist. 

Und über allem schwebt die grosse Frage: Was ist da passiert? Das sollen im Auftrag des amerikanischen Militärs und des Präsidenten eine Gruppe hochrangiger Wissenschaftler herausfinden. Sie erhalten im Hangar einen Raum mit Whiteboard, Tischen und Sofas und entwickeln Hypothesen, warum sich das Flugzeug verdoppelt hat. Die wahrscheinlichste Hypothese: Die Welt ist eine Computersimulation und das Programm ist fehlerhaft. Der leitende Wissenschaftler versucht es, dem amerikanischen Präsidenten zu erklären:

«Gut, Herr Präsident. Stellen wir uns bitte einmal höhere Wesen vor, deren Intelligenz zu unserer im selben Verhältnis steht wie die unsere zu der eines Regenwurms… Unsere Nachfahren vielleicht. Stellen wir uns ausserdem vor, dass sie über so leistungsstarke Computer verfügen, dass sie mit grösster Genauigkeit in einer virtuellen Welt ihre «Vorfahren» wiederaufleben lassen können und sie dabei beobachten.. Wie sie sich auf unterschiedlichen Schicksalsbahnen entwickeln. Mit einem Computer von der Grösse eines kleinen Mondes könnte man milliardenfach die Menschheitsgeschichte von der Geburt des Homo sapiens an simulieren. Das ist die Hypothese der Computersimulation.
Wie in dem Film Matrix?, fragt der Präsident im Tonfall dessen, der nicht verstanden hat.
Nein, Herr Präsident, antwortet Wesley. In Matrix sind es Maschinen, die Energie aus Körperteilen echter Menschen ziehen, gefesselter Sklaven aus Fleisch und Knochen. Diese gestatten ihnen, in einer virtuellen Welt zu leben. In unserer Hypothese ist es umgekehrt: Wir sind keine realen Wesen. Wir glauben, menschliche Wesen zu sein, dabei sind wir nur Programme. Sehr hoch entwickelte Programme, aber dennoch Programme.
Das heisst also, ich sitze in diesem Moment nicht an einem Tisch und trinke meinen Kaffee?. Äussert sich Silveria. Was wir wahrnehmen, fühlen, sehen… auch das wäre simuliert? Alles ist falsch?
Das ändert nichts anders Tatsache, Herr General, dass Sie gerade an diesem Tisch einen Kaffee trinken, fährt Wesley fort, es ändert sich nur, woraus der Kaffee und der Tisch gemacht sind.» (S. 173)

Das hört sich vielleicht etwas kompliziert an, weil es aber hervorragend geschrieben ist, bieten die Geschichten der verdoppelten Menschen, die ratlosen Militärs und die wild spekulierenden Wissenschaftler beste Unterhaltung. Mindestens in dem Programm, in dem ich gerade ablaufe. Es ist ein psychologischer Roman mit ironisch-absurder Wendung, ein Scifi-Thriller, der sowohl den Thriller, als auch die Wissenschaft unterläuft, eine groteske Komödie über eine absurde Welt. Grossartig.

Hervé Le Tellier: Die Anomalie. Roman. Rowohlt, 352 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-498-00258-9

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783498002589

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Basel, 12. Oktober 2021, Matthias Zehnder

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