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Das Elch-Paradoxon

Publiziert am 11. Januar 2023 von Matthias Zehnder

Das Times Magazine hat Antti Tuomainen als den lustigsten Schriftsteller Europas bezeichnet. Und dies, obwohl die Bücher im zuweilen düsteren Finnland spielen. Tatsächlich wird Antti Tuomainen seinem Ruf auch im neusten Roman gerecht: «Das Elch-Paradoxon» heisst die Geschichte. Wieder dreht sich das Buch um Henri Koskinen, einen ehemaligen Versicherungsmathematiker, der das Leben für berechenbar hält. Bis er seinen Job verliert und einen Vergnügungspark erbt. In der neuen Folge kämpft er gleich mit einer ganzen Reihe von Herausforderungen. Gemeinsam ist ihnen: Henri Koskinen kann kalkulieren, wie er will, die Lösung für seine Probleme lassen sich nicht berechnen. In meinem 136. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, ob Antti Tuomainen die Auszeichnung des Times Magazine verdient und das Buch wirklich lustig ist.

Henri Koskinen kann rechnen. Und zwar wirklich gut. Schliesslich war er Versicherungsmathematiker, bevor plötzlich sein Bruder starb und ihm einen Vergnügungspark und horrende Schulden bei kriminellen Kreditgebern vermachte. Inzwischen hat Koskinen seinen Park auf solide Füsse gestellt. Ein austariertes Sparprogramm sorgt dafür, dass die Firma den Kopf wieder über Wasser hat. Dafür hat Koskinen einen der Kriminellen, die ihn bedrohten, endgültig entsorgt und sich nebenbei in eine Frau verliebt, die ihm ein Rätsel ist. Erzählt hat Antti Tuomainen diese Vorgeschichte in «Der Kaninchenfaktor».

Im zweiten Buch rund um den Mathematiker im Abenteuerpark steht Henri Koskinen vor neuen Herausforderungen. Denn obwohl er seinen Bruder Juhani selbst bestattet hat, steht der eines Tages quicklebendig in seinem Büro, klopft ihm auf die Schultern und will seinen Park zurückhaben. Juhani findet, Henri habe beim Aufräumen einen guten Job gemacht, aber jetzt sei es an der Zeit, dass die Freude (und damit er selbst) wieder in den Park zurückkehre.

Henri ist entsetzt. Er hat an alles gedacht. Hat vorgesorgt, kurzfristig, mittelfristig und langfristig, Hat alles mehrfach durchgerechnet und allen wahrheitsgemäss berichtet. Er ist der Eigentümer des Parks und trägt die Verantwortung. Und jetzt steht sein Bruder auf der Matte und reisst die grossen Sprüche, er, der keine Budgetkalkulation hatte, sich wahnsinnig verschuldete, unseriöse, ja kriminelle Kredite aufnahm, haltlose Entscheidungen fällte, leere Versprechen machte, lebensgefährlich improvisierte, nur um dann den Verschwindibus zu machen. Und damit Henri in Lebensgefahr brachte.

Natürlich eskaliert die Situation auch im neuen Roman. Die Lieferfirma bedient sich mafiöser Methoden. Henri kann sich nur wehren, indem er selbst auch zu improvisieren beginnt. Er, der Mathematiker, der jeden Menschen in Zahlen einschätzen kann, sieht sich plötzlich unkalkulierbaren Risiken ausgesetzt und muss um sein Leben kämpfen. Es ist diese Spannung zwischen den Polen, die das Buch interessant macht: Auf der einen Seite der Mathematiker, der das Leben im Allgemeinen und das Geschäftsleben im Besonderen für berechenbar hält, auf der anderen Seite die Mafia, ein ungerechtes Schicksal und eine chaotische Welt, in der sein Bruder lebensgefährlich improvisiert.

Das alles ist absurd und deshalb komisch. Die Geschichte nimmt, wie ein Film von Aki Kaurismäki, langsam Fahrt auf. Wir erleben die Geschichte zwar aus der Perspektive von Mathematiker Henri Koskinen, wie in einem Film sehen wir aber dabei nicht wirklich in ihn hinein, sondern schauen ihm nur über seine Schultern, deshalb überrascht er uns im Laufe der Geschichte. Die steigert sich mit einem langsamen Crescendo in einen wirklich lustigen Thriller. Ja, ich weiss, das ist eigentlich ein Widerspruch. Wäre es nicht so lustig und unterhaltend, könnte man auf die Idee kommen, dass der konstruktiv rechnende Mathematiker Henri und sein destruktiv improvisierender, kreativer Bruder Juhan für die beiden Pole unserer Welt stehen. Die Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen, überwindet Henri erst, als er eine gehörige Prise Improvisation und Wagnis in sein Leben lässt. Wäre es nicht so lustig, könnte man das glatt als Lehre fürs Leben nehmen.

Ich weiss nicht, ob Antti Tuomainen wirklich der lustigste Schriftsteller Europas ist, seine Bücher sind jedenfalls ebenso lustig wie intelligent. Aber der Humor liegt bekanntlich wie die Schönheit in den Augen der Leserin.

Antti Tuomainen: Das Elch-Paradoxon. Rowohlt, 336 Seiten, 25.90 Franken; ISBN 978-3-498-00262-6

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783498002626

Weitere Buchtipps gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/

Basel, 11. Januar 2022, Matthias Zehnder

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

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