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Letzter Tipp: Was wir scheinen

Das Damengambit

Publiziert am 10. Juni 2021 von Matthias Zehnder

Ich gebe Ihnen jede Woche einen Lesetipp: ein Buch das ebenso intelligent wie unterhaltend ist.

Diese Woche: «Das Damengambit» von Walter Tevis.

Hier gibt es die ausführliche Fassung dieses Buchtipps auf Youtube:

Als sie acht Jahre alt ist, verliert Elizabeth Harmon ihre Eltern durch einen Autounfall. Sie kommt ins Methuen-Kinderheim in Kentucky – also ins Waisenhaus. Da macht sie mit zwei Dingen Bekanntschaft, die ihr Leben verändern: mit Beruhigungsmitteln und mit Schach.

Die Beruhigungsmittel erhalten alle Kinder im Heim zweimal am Tag. Die kleinen, grünen Pillen sollen ihnen zu einem «ausgeglichenen Gemüt» verhelfen. Soweit sich das beurteilen lässt, ist mit Beths Gemüt alles in Ordnung, doch sie schluckt die kleinen Pillen gern, weil sich danach tief im Magen etwas lockert.

Schach lernt sie im Keller des Kinderheims beim mürrischen Mr. Shaibel. Da sitzt er neben dem Heizkessel auf einem Metallhocker und brütet über Schachpartien. Beth begegnet ihm, als sie im Keller die Tafelwischer ausklopfen muss. Sie ist sofort fasziniert vom Brett mit den schwarz-weissen Feldern und den seltsam geformten Plastikfiguren drauf.

Schach wird zur Faszination und zur Fluchtmöglichkeit für Beth. Sie kann die Figuren lesen wie kaum jemand. Für sie haben Springer, Läufer, Turm und Dame Kraftfelder, die sich über das ganze Feld spannend. Abends liegt sie in ihrem Bett, schluckt die aufgesparte, grüne Pille und löst Schachpartien an einem imaginären Schachbrett, das sie an der Zimmerdecke sieht.

«Das Damengambit» ist ein wunderbarer Roman von Walter Tevis, der 1983 in New York erschienen ist. Netflix hat die Geschichte in sieben Teilen verfilmt: «The Queen’s Gambit» mit Anya Taylor-Joy in der Hauptrolle hat weltweit einen Schachboom ausgelöst. Bei Diogenes ist jetzt die Romanvorlage von Walter Tevis in einer neuen, präzisen Übersetzung von Gerhard Meier erschienen. Mir hat das Buch noch besser gefallen als die Netflix-Serie.

Beth Harmon ist aussergewöhnlich. Ihr selbst ist das aber kaum bewusst, auch nicht, als sie im Alter von acht Jahren zuerst den Hausmeister und den Trainer des High-School-Schachteams und später das ganze Schachteam locker in Simultanpartien besiegt. 

Im Waisenhaus werden die Kinder mit Beruhigungsmitteln und mit harten Disziplinarmassnahmen ruhig gehalten – ruhig und klein.

Das grösste Mädchen ist Jolene, ein schwarzes Mädchen, 12 Jahre alt. Beim Anstehen für die täglichen Pillen dreht sich Jolene zu Beth um und fragt:

«Echte Waise oder Bastard»? Beth wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte Angst. Sie standen weit hinten in der Schlange und durften nicht weg, bis sie an das Ausgabenfenster gelangten, hinter dem Mr. Fergusson stand. Beth hatte mitbekommen, wie ihre Mutter den Vater einen Bastard nannte, aber sie wusste nicht, was das zu bedeuten hatte.
«Wie heisst du, Kleine?» fragte Jolene.
«Beth.»
«Ist deine Mutter tot? Und dein Vater?»
Beth starrte sie an. Die Wörter «Mutter» und «tot» waren unerträglich. Sie wollte davonlaufen, konnte aber nirgends hin.
«Deine Eltern», sagte Jolene, und es klang beinahe mitfühlend, «sind die tot?»
Beth brachte nichts heraus. Wie versteinert stand sie in der Schlange und wartete auf ihre Pillen. (S. 14)

Die Textstelle zeigt deutlich: Beth ist auch unter den Kindern allein. Sie muss selber mit ihrer Situation fertig werden. Im Waisenhaus behandeln die Erzieherinnen die Kinder so, als wären sie selbst schuld an ihrer Situation. Als wäre es verwerflich, ein «Bastard» zu sein, also das Kind unverheirateter Eltern, oder die Eltern verloren zu haben. Für Beth ist es ein Kampf mit einer Welt, die sie nicht versteht. Das Buch schildert diesen Kampf aus der Sicht von Beth, trocken, lakonisch, in kurzen Kapiteln. 

Beth ist zwar sehr gut in der Schule, gefördert wird sie deswegen nicht. Sie bleibt auch unter den Schülern eine Aussenseiterin. Bloss am Schachbrett fühlt sie sich wohl. Bei Mr. Shaibel lernt sie das Spiel. Er schenkt ihr auch ein Buch: «Moderne Schacheröffnungen». Für Beth wird das Buch zur Eintrittstür in die Welt der grossen Schachspieler. 

Als die Schulleiterin herausfindet, dass Beth mit dem Hausmeister im Keller Schach spielt, verbietet sie es ihr. Also spielt Beth nur noch mit dem Buch und in ihrem Kopf. Als sie Dreizehn ist, wird sie überraschend adoptiert und kann dem Waisenhaus entfliehen. Sie zieht zu den Wheatleys – oder besser gesagt: zu Alma Wheatley, denn Mr. Wheatley ist immer auf Geschäftsreise.

Mit hartem Sparen und ein paar Tricks beschafft sich Beth Geld für Schachbücher und eine Schachzeitschrift. So findet sie heraus, dass es Schachturniere gibt – und dass man dabei Geld gewinnen kann. Sie meldet sich an – und gewinnt das Turnier.

Von da an geht es aufwärts: Beth gewinnt Turnier um Turnier und reist mit Alma Wheatley, die sie mit 10% an ihren Einnahmen beteiligt, in ganz Amerika herum. Sie merkt, dass sie den Druck an den Turnieren besser aushält, wenn sie wieder von den kleinen, grünen Pillen nimmt. Mit der Zeit entdeckt sie, dass Alkohol eine ähnliche Wirkung haben kann. Das wohlige Gefühl, dass sich etwas löst im Bauch.

Sie gewinnt und gewinnt , ihr Selbstvertrauen wird dadurch aber nicht grösser – grösser wird nur der innere Abgrund. Den man so einfach mit Pillen und Alkohol füllen kann.

Dann fliegt sie mit Alma Wheatley an ihr erstes internationales Turnier nach Mexico City. Im Endspiel verliert sie gegen den russischen Grossmeister Vasily Borgov – und findet nach ihrer Rückkehr Alma Wheatley tot im Hotelzimmer. Beth ist wieder allein.

Sie macht trotzdem ihren Weg. Als sie 16 Jahre alt ist, spielt sie um die US-Meisterschaft – und gewinnt gegen eine ganze Reihe von erfahrenen, erwachsenen Spielern den Titel. Der innere Abgrund aber wird grösser. Borgov wird zur grossen Nemesis: In Paris trifft sie wieder auf ihn – und verliert wieder. Und dann wird sie nach Moskau eingeladen. 

Netflix hat mit der Serie «Queen’s Gambit» die Geschichte von Walter Tevis wieder bekannt gemacht. Walter Tevis, geboren 1928, gestorben 1984, war ein amerikanischer Schriftsteller. Er arbeitete lange als Lehrer und Universitätsdozent. Tevis hat sechs Romane geschrieben. Drei von ihnen sind bereits verfilmt worden: «The Hustler» mit Paul Newman, auf Deutsch «Die Haie der Grossstadt», «The Color of Money» unter der Regie von Martin Scorsese mit Tom Cruise, auf Deutsch «Die Farbe des Geldes», und «The Man Who Fell to Earth» mit David Bowie, auf Deutsch «Der Mann, der vom Himmel fiel».

Tevis selbst hat als junger Mann Phenobarbital verschrieben erhalten und sich nicht mehr davon lösen können. Später wurde er alkoholsüchtig. In den 70er Jahren hat er mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker geschafft, seine Sucht zu überwinden. Seine Erlebnisse hat er zweifellos in der Figur von Beth Harmon verarbeitet.

Netflix hat das Buch von Walter Tevis in schönen Bildern verfilmt. Trotzdem zeigt das Buch mehr als der Film: Nur im Buch ist es uns möglich, einen Blick ins Innere von Beth Harmon zu werfen, an ihren Gedanken, ihren Ängsten und Gefühlen teilzunehmen. Und das Buch bietet mehr Schach. Wo der Film nur fancy Bilder von Schachbrettern zeigt, löst das Buch die Partien auf, erläutert einzelne Spielzüge und erklärt die Spieltaktik. Zum Beispiel auch das Queen’s Gambit, das Damengambit, das Buch und Film den Titel gab.

Ein Gambit ist im Schach ein Bauernopfer. Beim Damengambit geht es um den Damenbauern. Weiss eröffnet mit dem Bauern vor der Dame und zieht d2 nach d4. Schwarz zieht mit dem Damenbauern nach, von d7 nach d5. Weiss zieht einen weiteren Bauern vor, von c2 nach c4. Das eröffnet Schwarz die Möglichkeit, den Bauern auf c4 zu schlagen – allerdings handelt Schwarz sich damit oft einen Nachteil ein.

Beth Harmon ist, wie alle guten Schachspieler, in der Lage, solche Konstellationen auf viele Züge hinaus im Kopf durchzurechnen. Schach wird für sie zur grossen Möglichkeit – wenn sie es schafft, die grünen Pillen und den beruhigenden Stoff aus der Flasche auf Distanz zu halten. Und das schafft sie, wenn sie sich aus ihrer Selbstisolation löst, anderen Menschen öffnet und es Freunden erlaubt, ihr zu helfen.

Die Geschichte, die uns Walter Tevis mit sparsamen Worten erzählt, ist deshalb nicht einfach ein Schachroman. Es ist die universelle Geschichte über die Entwicklung eines jungen Menschen in einer oberflächlichen Welt – es ist ein Entwicklungsroman.

Wunderbar leicht zu lesen – mit langer Haftwirkung im Kopf, und im Herzen.

Walter Tevis: Das Damengambit. Roman. Diogenes, 416 Seiten, 32 Franken; ISBN 978-3-257-07161-0

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257071610

Weitere Buchtipps gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/

Basel, 10. Juni 2021, Matthias Zehnder

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