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Ascona

Publiziert am 19. August 2021 von Matthias Zehnder

Ich gebe Ihnen jede Woche einen Lesetipp: ein Buch das ebenso intelligent wie unterhaltend ist.

Diese Woche: «Ascona» von Edgar Rai.

Hier gibt es die ausführliche Fassung dieses Buchtipps auf Youtube:

In einer kalten Nacht Ende Januar 1933 erwacht Schriftsteller Erich Maria Remarque im Hotel Majestic in Berlin. Obwohl er erst zwei Bücher veröffentlicht hat, ist er schon ein Weltschriftsteller: Sein erster Roman «Im Westen nichts Neues» war nicht nur in Deutschland ein Bestseller. Im August 1931 hatte in Porto Ronco bei Ascona am Lago Maggiore eine Villa gekauft, im April 1932 hatte er seinen Hauptwohnsitz in die Schweiz verlegt. Den Nazis war er besonders verhasst, weil er in seinem Roman die Sinnlosigkeit des Krieges vor Augen geführt hatte. 

Jetzt also erwacht Remarque 1933 mitten in der Nacht im Hotel Majestic. Seine damalige Geliebte, die Schauspielerin Ruth Albu, steht am Fenster des Hotelzimmers und schaut auf die Strasse. Remarque steht auf, tritt zu Ruth ans Fenster und fragt, was los sei. Ruth zeigt auf die Schergen der SA, die durch die Strassen patrouillieren, dreht sich zu Remarque um und sagt, er müsse das Land verlassen. Jetzt, sofort. Remarque wehrt sich. Es sei Nacht, zehn Grad minus, das habe doch sicher noch Zeit, Deutschland sei eine Demokratie, die Nationalsozialisten nur eine von mehreren Parteien. Nein, sagt Ruth und hat schon seinen Koffer aufs Bett gelegt. Sie packt ihm Kleider ein, drängt ihn zur Eile und schiebt ihn praktisch aus der Tür seines eigenen Hotelzimmers. Remarque lässt es kopfschüttelnd geschehen, steigt in seinen geliebten Lancia und fährt mitten in der Nacht los. Über Tausend Kilometer fährt er durch. Vierzehn Stunden später trifft er durchfroren in Ascona ein. Sein erster Weg führt ihn ins Café «Urbino» an der Via Borgo, er will sich aufwärmen nach der langen Fahrt. Im «Urbino» wird er immer herzlich begrüsst, wenn er auftaucht. Doch diesmal dreht sich niemand um nach ihm: Gäste und Personal beugen sich über einen Radioempfänger: Hitler ist soeben zum Reichskanzler ernannt worden.

Mit dieser Szene beginnt der Roman «Ascona» von Edgar Rai. Die Erzählung umspannt die Zeit von Remarques Flucht nach Porto Ronco 1933 bis 1939, als er, ähnlich überstürzt, in Porto Ronco aufbricht, wieder 1000 Kilometer fährt mit seinem Lancia, nach Cherbourg, wo er die «Queen Mary» besteigt und in die USA flüchtet. Edgar Rai ist es gelungen, die surreale Zeit im Paradies am Lago Maggiore einzufangen: Er zeichnet Remarque nicht als Star-Schriftsteller, sondern als zutiefst ratlosen Mann, der nicht nur mit seinem nächsten Manuskript ringt, sondern auch mit seinem Schicksal, das nicht nur sein Heimatland verschlingt, sondern ganz Europa, ja die ganze Welt an den Abgrund bringt.

Ich muss Ihnen gestehen: Erich Maria Remarque ist in meinem Büchergestell einer meiner Hausheiligen. Zuvorderst steht bei mir dabei nicht «Im Westen nichts Neues», sondern «Arc de Triomphe», der Roman über Ravic, einen nach Paris geflüchteten Arzt. Ich kenne die Biographie von Remarque relativ gut, wenigstens so gut, wie man sie kennt, wenn man sich mit einem Schriftsteller beschäftigt. Wilhelm von Sternburg hat mit «Als wäre alles das letzte Mal» eine sehr lesenswerte Biographie von Remarque vorgelegt. Ich war deshalb gespannt, was Edgar Rai aus der Zeit macht, die Remarque vor dem Krieg in Ascona respektive in Ronco verbracht hat. Und ich bin fasziniert.

Sternburg beschreibt in seiner Biographie die Fakten: 1931 zeichnet sich das Scheitern der Regierung in Deutschland ab. Kommunisten und Nationalsozialisten liefern sich Strassenschlachten. Ruth Albu warnt Remarque vor dem Kommenden. Die Schauspielerin sieht die politischen Verhältnisse viel klarer als der Schriftsteller und drängt ihn, das Land zu verlassen. Gemeinsam reisen sie ins Tessin und suchen da ein neues Domizil für Remarque. Aufs Geld müssen sie nicht achten: «Im Westen nichts Neues» hat Remarque reich gemacht. Am Ufer des Lago Maggiore finden sie die Villa, in der Remarque, wenn auch mit grossen Unterbrüchen, bis zu seinem Tod 1970 wohnen wird: die  «Casa Monte Tabor» in Porto Ronco. Ruth Albu richtet ihm das Haus ein, Ex-Frau Jutta Zambona soll ebenfalls helfen. Im April 1932 verlegt Remarque seinen Wohnsitz von Berlin an den Langensee. Er ist kein Flüchtender, er ist ein Weltbürger, der sich an einem schönen Ort niederlässt. Sein Vermögen transferiert er rechtzeitig in die Schweiz. 1933 reist er für ein paar Wochen nach Berlin – 24 Stunden, bevor die Nazis die Macht übernehmen, steigt er in seinen Lancia und fährt ohne Halt durch bis nach Ronco. Da setzt der Roman von Edgar Rai ein.

Im Roman nennt Rai Remarque durchgehend nur Erich. So persönlich das klingt, ist es auch. Die schieren Fakten treten in den Hintergrund. Erich sitzt auf der Terrasse seiner Villa am Lago Maggiore, vor sich den See und die Berge, ein Paradies. Und zu Hause in Deutschland geht die Welt unter und mit ihr viele Freunde. Erich ist in Sicherheit und doch verloren im Paradies. Er ringt mit seinem neuen Roman, der zu diesem Zeitpunkt noch «Pat» heisst. Eigentlich ist er fertig, hätte sogar schon erscheinen sollen, aber Erich schreibt den Roman neu, vertröstet seinen Agenten mit immer neuen Abgabeterminen, von denen er schon, als er sie verspricht, weiss, dass er sie nicht einhalten wird. 

«Der Roman, Pat, etwas stimmte nicht mehr mit ihm. Zwei Jahre lang hatte er Erich so viel abverlangt. Ihn niederzuschreiben war eine Mühe gewesen. Nein, es war anders: Die Welt um den Roman herum stimmte nicht mehr. Die Geschichte der drei Kriegskameraden, die trotz allem Bemühen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, ihr Leben nicht wieder in den Griff bekamen. Sie sollte die Leser betreffen, etwas angehen, unmittelbar. Doch wen kümmerte noch, was der Krieg aus den Menschen gemacht hatte? (S. 27)

Später wird der Roman unter dem Titel «Three Comrades» zuerst auf Englisch erscheinen – die Deutsche Ausgabe erscheint erst zwei Jahre danach. 

Erich kämpft mit seinem Manuskript und er kämpft mit seinem Leben. «Der Himmel kennt keine Günstlinge» wird später einer seiner Romane heissen. Auch wenn seine Freunde und vor allem seine Freundinnen ihn wohl als Günstling des Himmels betrachten, fühlt sich Erich in Ascona nie so. Er ist eingesperrt im Paradies, seine Villa ein goldener Käfig. Anderen geht es ähnlich. Etwa Emil Ludwig, damals ähnlich berühmt wie Erich, die Biographien, die er schreibt, sind Bestseller. Emil besitzt auch eine Villa in Ascona, Erich ist häufig bei ihm und seiner Frau Elga zu Gast. Auch an jenem Abend, als in Berlin die Nazis die Bücher verbrennen. Die beiden Männer hören live im Radio, wie sie verfemt werden. «Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer grossen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit», schreit Goebbels in Berlin, «Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig Cohn.» Kurz danach ist Erich dran: «Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geiste der Wehrhaftigkeit!», verkündet der Rufer. «Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.» Erich und Emil hören sich die Verbrennung ihrer eigenen Bücher im Radio an, sie trinken und trauern um ihr Land. Tucholsky, Ossietzky, Seghers, Zweig, Thomas Mann, Klaus Mann, Feuchtwanger, Toller, Einstein, Zuckmayer – Deutschland vernichtete seinen Geist.

Und Erich sitzt im Paradies, trinkt Rotwein und ringt mit seinem Manuskript. Doch Sicherheit allein ist noch kein Segen. Als Erich sich eines Tages in Nellys Bar an den Tisch von Leonhard Frank sitzen will, scheint er zu stören:
«Verzeihen Sie…» Erich wollte sich abwenden.
«Sie wissen es noch nicht, oder?»
Erich überlegte.
«Tucholsky.»
«Tot?»
Die Frage war überflüssig.
«Ich dachte, er sei in Schweden, in Sicherheit.»
«Vor sich selbst ist man nirgends sicher», erwiderte Frank.
«Er hat sich umgebracht?»
«Allem Anschein nach. Man fand ihn gestern in seinem Haus. Setzen Sie sich doch.»
Sie tranken. Erich erinnerte sich an die Nacht der Bücherverbrennung, Elga, Emil und er vor dem Radioapparat. «Gegen Frechheit und Anmassung», hatte der Rufer geschmettert, bevor er Tucholskys Bücher ins Feuer warf.
«Manchmal», sagte Frank, «erscheint einem die Ausweglosigkeit so gross, dass der Tod zu einem Versprechen wird.» (S. 122)

Ein Versprechen, das auch Erich lockt. Aber seine Frauen halten ihn davon ab. Jutta Zambona, seine Ex-Frau, taucht in Ascona auf und schlüpft bei ihm unter. Sie ist in Deutschland nicht mehr sicher. Damit die Schweizer Behörden sie nicht ausweisen können, heiratet Erich seine Ex-Frau sogar noch einmal. Ruth, die kluge Ruth Albu, meldet sich nur schriftlich. Sie hat sich nach England abgesetzt. Aber in Venedig begegnet Erich Marlene Dietrich. Und der Spiess kehrt sich um: Normalerweise spielt er mit den Frauen – jetzt ist es die Dietrich, die mit ihm spielt. Er schreibt schmachtende Liebesbriefe – und hasst sich selbst dafür. 

Und immer wieder der Kampf mit seinem Manuskript.

«Den Glauben an die fundamentalen Werte nicht aufzugeben, um nichts anderes ging es. Das galt für Drei Kameraden wie für das Leben allgemein und Erichs Leben im Besonderen. Und das so vieler anderer. Mensch bleiben. In Zeiten wie diesen war das schon politischer Ansage genug. Die wahren Helden in Drei Kameraden waren die, die selbst dann ihr Vertrauen in den anderen nicht aufgaben, nachdem sie alles verloren hatten. Daraus würde der Roman trotz all seiner Tragik seine positive Kraft ziehen. Das sah Erich inzwischen ganz klar. Doch die richtigen Worte dafür zu finden erforderte oft mehr Kraft und Zuversicht, als er aufzubringen imstande war.» (S. 128)

Edgar Rai hat die richtigen Worte gefunden, für Erich Maria Remarque, und sein Leben in Ronco, für die Zeit von der Machtergreifung der Nazis bis zum Kriegsausbruch, von der Flucht Remarques aus Berlin bis zu seiner Flucht in die USA. Es ist eine intensive Zeit. In seinem Tagebuch notiert Erich: «Als wäre alles das letzte Mal: der Sommer; – das Haus; – der Friede; – das Glück; – Europa; – das Leben vielleicht.» 

Edgar Rai: Ascona. Roman. Piper Verlag, 256 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-492-07068-3

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783492070683

Weitere Buchtipps gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/

Basel, 19. August 2021, Matthias Zehnder

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