Silvana Schreier: «Der Beruf Journalistin ist gerade in dieser prekären Zeit so wichtig und spannend wie nie.»
Das 368. Fragebogeninterview, heute mit Silvana Schreier, Bundeshausredaktorin beim «Tages-Anzeiger». Sie sagt, sie habe die «goldenen Zeiten» des Journalismus «leider nie mitbekommen». Als sie vor fast 13 Jahren in den Journalismus einstieg, «liefen die Spardiskussionen bereits. Das beschäftigt mich und beunruhigt auch.» Sie sei dennoch überzeugt, dass «die Qualität des Journalismus noch nie so hoch war wie heute!» Journalist:innen seien besser ausgebildet und «die Konkurrenzsituationen sowie Social Media und KI sorgen dafür, dass mediale Inhalte noch besser sein müssen.» Und überhaupt: «Der Beruf Journalist:in ist gerade in dieser prekären Zeit so wichtig und spannend wie nie.» Sie empfiehlt allen, «bei irgendeinem Medium ein Abo abzuschliessen.» Das könne auch nur ein Online-Abo sein. Nur so «können wir gemeinsam sicherstellen, dass qualitativ auf hohem Niveau arbeitende Medienschaffende ihre Jobs behalten können.» Sie gibt zu, dass es viele Medien nicht geschafft hätten, junge Menschen von ihrem Angebot zu überzeugen. Es gelte aber auch umgekehrt, «dass es die Gesellschaft nicht geschafft hat, der Gruppe nahezubringen, was es bedeutet, News zu konsumieren, zu verstehen und einzuordnen.»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Auf dem Weg in die Redaktion höre ich als erstes immer den SRF-Podcast «Heute Morgen». Und meist die neuste Folge des «Tagi»-Podcasts «Apropos». Daneben darf die Lektüre der verschiedenen News-Plattformen natürlich nicht fehlen. An freien Tagen oder in den Ferien konsumiere ich etwas langsamer.
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Natürlich sind die sozialen Medien wichtige Instrumente in meinem Alltag als Journalistin – ich nutze sie jedoch fast nur zur Recherche und nicht zur Informationsbeschaffung.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Es ist für mich zur Gewohnheit geworden, mehrere Medien gleichzeitig zu nutzen. Auch verfolge ich oftmals dasselbe Thema auf verschiedenen Kanälen – auch weil ich es spannend finde, wie unterschiedlich die Fakten je nach Medium aufbereitet und erzählt werden. In den Ferien versuche ich jeweils meinen News-Konsum herunterzufahren und bewusster und ausgewählter zu konsumieren.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Die «goldenen Zeiten», von denen viele ältere Journalist:innen sprechen, habe ich leider nie mitbekommen. Als ich vor fast 13 Jahren in den Journalismus eingestiegen bin, liefen die Spardiskussionen bereits. Das beschäftigt mich und beunruhigt auch. Aber dennoch bin ich überzeugt, die Qualität des Journalismus war noch nie so hoch wie heute! Journalist:innen sind besser ausgebildet, die Konkurrenzsituationen sowie Social Media und KI sorgen dafür, dass mediale Inhalte noch besser sein müssen. Und der Beruf als Journalist:in ist gerade in dieser prekären Zeit so wichtig und spannend wie nie.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Unbedingt! Auch gedruckte Bücher wurden schon vor Jahren totgesagt – und sie sind immer noch da.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Ich bin ein riesiger Fan des Schweizer Magazins «Reportagen». Die Geschichten darin sind zeitlos, unheimlich gut erzählt und von hoher Qualität. Ausserdem möchte ich allen empfehlen, bei irgendeinem Medium ein Abo abzuschliessen. Dies kann auch nur für die Online-Berichterstattung sein. Aber so können wir gemeinsam sicherstellen, dass qualitativ auf hohem Niveau arbeitende Medienschaffende ihre Jobs behalten können.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
In den vergangenen fünf Jahren habe ich viele, vielleicht nicht schlechte, aber nicht sehr gute Bücher gelesen. Und nur ein Mal habe ich ein Buch nach einem Drittel weggelegt. Meist habe ich ein zu grosses schlechtes Gewissen dafür.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
In Gesprächen mit Menschen, deren Jobs oder Lebensumstände sich von meiner Komfortzone unterscheiden.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Eine schwierige Frage. Wie schon gesagt, auch Bücher wurden schon vor Jahren totgesagt. Aber ich glaube tatsächlich, dass es in fünf Jahren deutlich weniger Tageszeitungen geben wird, als das heute der Fall ist.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Beides. Die Gefahr liegt darin, dass auch Medien auf Fake News hereinfallen können und so ihre Glaubwürdigkeit verlieren. Schaffen es die Medien aber, der Leser:innenschaft aufzuzeigen, dass sie eben Qualität und Recherche liefern, kann das eine sehr grosse Chance sein.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Beides nutze ich kaum mehr – was eigentlich schade ist: Ich bin mit Musikwünschen im Radio und Nachrichtensendungen im TV aufgewachsen.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Ich höre sehr oft und gerne Podcasts. Von News über Hintergründe zum aktuellen Geschehen: «Echo der Zeit», «Apropos», «Politbüro», «News Plus Hintergründe» oder «Artikel Sieben» von der NGO Humanrights.ch. Ausserdem liebe ich True-Crime-Podcasts, ob aus dem deutschsprachigen Raum oder aus den USA: «Zeit Verbrechen», «Mordlust» oder «Sounds Like A Cult».
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Dass es die Medien nicht geschafft haben, diese Gruppe von ihrem Angebot zu überzeugen. Und dass es die Gesellschaft nicht geschafft hat, der Gruppe nahezubringen, was es bedeutet, News zu konsumieren, zu verstehen und einzuordnen.
Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?
Ich hoffe es nicht… KI kann mir in meinem Alltag helfen, mir das Transkribieren von einem Interview abnehmen. Aber die Einordnung eines Themas, das Gespräch mit den Menschen oder auch die kreative Arbeit des Storytellings und Schreibens, das kann sie – zumindest bis jetzt – nicht. Und hier werden wir menschlichen Journalist:innen in den nächsten Jahren gefordert sein, dass wir das noch besser machen.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Eine schwierige Frage, für die ich gerne eine Glaskugel hätte. Nur so viel: Dass die Digitalisierung dem Journalismus schaden soll, dachte man schon vor zehn, vor zwanzig und vor dreissig Jahren. Bis jetzt hatte die Digitalisierung immer auch sehr gute Seiten, die die Qualität der Medienprodukte gesteigert haben.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Ich finde, wir müssen diese Diskussion noch intensiver führen. Denn: Früher finanzierten sich die Zeitungen mit Jobinseraten oder Kleinanzeigen quer. Heute werden diese auf eigens dafür eingerichteten Plattformen publiziert. Das Geld fehlt den Medien. Wenn wir also weiterhin eine so diverse Medienlandschaft in der Schweiz wollen, müssen wir auch ernsthaft über eine staatliche Förderung nachdenken.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ich mache fast alle Notizen von Hand in schönen Notizbüchern. P.S.: Ich habe noch keines davon weggeworfen. In meinem Keller lagern alle, von 2013 bis heute.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Donald Trump ist Futter für die Medien. Er sorgt für gute Schlagzeilen, aber gleichzeitig ist auch ein gewisser Überdruss spürbar. Welche Auswirkungen Trump auf die US-amerikanischen Medien hat, darüber weiss ich zu wenig.
Wem glaubst Du?
Meinen Freundinnen und Freunden, wenn wir Geschichten aus unserem Leben austauschen.
Dein letztes Wort?
Lest, hört, schaut. Und hinterfragt.
Silvana Schreier
Silvana Schreier hat einen Bachelor in Journalismus und Kommunikation von der ZHAW in Winterthur. Sie arbeitet seit 2013 im Journalismus, unter anderem für den «Landboten», die «Aargauer Zeitung», das «Oltner Tagblatt» und zuletzt für die «bzBasel». Seit November 2025 ist sie Bundeshausredaktorin beim «Tages-Anzeiger».
Basel, 14.01.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: zvg
Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
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3 Kommentare zu "Silvana Schreier: «Der Beruf Journalistin ist gerade in dieser prekären Zeit so wichtig und spannend wie nie.»"
Das ewige Thema staatliche Förderung, Gebühren, Abgaben…
Z.Z. besonders aktuell.
Etwas vom Besten was ich darüber las unten verlinkt. Aus liberaler Sicht, weit über die Abstimmung hinaus denkend, Modelle der Zukunft, Gedanken über das System… hier (und garantiert nicht von mir…)
https://arlesheimreloaded.ch/2026/01/200-franken-sind-eine-grenze/
Hallo Herr Zweidler
Diese Argumente sind alte Kamellen.
1. Natürlich finden Sie auf einem Smart-TV über 200 Kanäle. Davon sind wahrscheinlich 190 nicht aus der Schweiz. In einem kleinen Land mit vier Sprachen lassen sich Inhalte ohne Unterstützung kaum produzieren.
2. Würde die Deutschschweiz nur für sich selbst Gebühren zahlen, würden sie etwa 200 Franken betragen. Was darüber hinausgeht, wird in die anderen Regionen verteilt. Das nennt sich in der Schweiz Solidarität. Wir haben vier Landessprachen. Diese Regionen sind viel zu klein, als dass sie selbst Medien finanzieren könnten.
Sie müssen sich im Klaren sein: Würde die Initiative angenommen, wäre es das Ende der SRG, der Schweizer Filmproduktion, von vielen Sportübertragungen und auch die Musikszene hätte es deutlich schwerer. In einem kleinen Land können grosse Produktionen wie ein Lauberhornrennen, ein Schwingfest etc. von kleinen privaten Sendern nicht gestemmt werden. Mit den Gebühren legen wir quasi alle zusammen, damit die Schweiz in allen Landesteilen eine gute Medienproduktion hat.
Wenn die Initiative angenommen wird, wird die Medienschweiz um etwa eine Dreiviertelmilliarde Franken kleiner. Ersatz ist dafür nicht in Sicht.
Aber wie der Arlesheimer schreibt: Ist ja kein Problem, es gibt genug ausländische Sender. Wollen wir das?
Mehrhundertfach inzwischen immer wieder die gleichen Fragen im Kreis der Medien, die wissen wollen, was sie wissen sollen. Hier frech und ungewohnt für einmal ein etwas anderes Interview: https://zeitpunkt.ch/friedensentwicklung-ist-gemeinschaftsentwicklung-mein-weg-als-journalistin.