Priscilla Imboden: «Die Medienvielfalt hat stark gelitten»

Publiziert am 28. August 2019 von Matthias Zehnder

Das Fragebogeninterview mit Priscilla Imboden, Bundeshausredaktorin für Radio SRF, über ihren persönlichen Mediengebrauch, ihren Umgang mit sozialen und anderen Medien sowie Zustand und Zukunft des Journalismus in der Schweiz. Sie sagt, als sie vor zwanzig Jahren als Journalistin begonnen habe, da «gab es weit mehr Zeitungen als heute, sie waren dicker und informativer.» Das Internet sei zwar eine Alternative, die Frage sei aber, «ob hintergründige, lange Artikel, die heute in Zeitungen stehen, im Netz noch zu finden sein werden. Internet-Medien sind auf kurze Aufmerksamkeit ausgerichtet.» Eine direkte Demokratie wie die Schweiz lebe nur, wenn die Bürgerinnen und Bürger umfassend informiert seien. «Sonst stimmen sie nach Bauchgefühl oder vagen Vermutungen und Ängsten ab.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Keines. Beim Frühstück rede ich mit meinen Kindern.

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram?

Unterschiedlich. Twitter schätze ich sehr, es macht mich auf spannende Themen, Artikel und Leute aufmerksam. Das nutze ich professionell regelmässig. Facebook und Instagram hingegen sind reiner Zeitvertrieb. Ich bin selten auf diesen Plattformen.

Es passiert etwas ganz Schlimmes wie 9/11. Wie informierst Du Dich?

Radio SRF. Ich halte mich an die klassischen Medien, die nach journalistischen Standards arbeiten. Je nachdem wo das Ereignis stattfindet, lese ich die Medien des entsprechenden Landes online, sofern ich sie verstehe. Oder halte mich an CNN und BBC.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Es war früher besser, aber nicht nur: Früher dinierten die Bundeshausredaktoren am Freitag abend mit dem Bundesrat und besprachen, was sie die Woche darauf publizieren sollten. Das wäre heute unmöglich. Aber als ich vor bald zwanzig Jahren meine erste Stelle als Journalistin antrat, gab es weit mehr Zeitungen als heute, sie waren dicker und informativer. Die Medienvielfalt hat stark gelitten und damit auch die Aussichten in unserem Beruf.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Absolut. Lesen bleibt der beste Weg, sich rasch und umfassend zu informieren, gerade wenn es um komplizierte Themen geht. Es wird immer Menschen geben, die das schätzen und suchen. Die Frage ist, wie viele das sind.

Was muss man unbedingt gelesen haben?

«1984» von George Orwell, «Eichmann in Jerusalem» von Hannah Ahrendt, «Der Name der Rose» von Umberto Eco, «Jazz» von Toni Morrison.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Ich lege sie weg, denn meine Lebenszeit reicht auch so nicht aus, alle Bücher zu lesen, die mich interessieren.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Durch Gespräche. Im Radio. In Büchern. In Podcasts, die mir empfohlen werden.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Nicht mehr sehr lange. Zehn Jahre vielleicht. Wenn der Journalismus dafür im Netz verfügbar ist, ist mir das egal. Die Frage ist aber, ob hintergründige, lange Artikel, die heute in Zeitungen stehen, im Netz noch zu finden sein werden. Internet-Medien sind auf kurze Aufmerksamkeit ausgerichtet.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Eher eine Gefahr. Sie stiften Verwirrung und Unsicherheit und verbreiten sich rasanter als sorgfältig recherchierte Geschichten. So hat sich im letzten US-Präsidentenwahlkampf gezeigt, dass sich erfundene Geschichten wie etwa jene über einen angeblichen Kinderhandelsring von Hillary Clinton x-Mal stärker verbreiteten als echte Enthüllungsgeschichten über Donald Trumps Geschäftsgebaren etwa. Das gibt mir zu denken. Die Flut von Falschmeldungen hat aber auch zur Folge, dass verlässliche Informationsquellen an Wert gewinnen.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Radio höre ich manchmal linear, öfters aber als Podcast oder zeitversetzt auf der SRF-App. Fernsehsendungen schaue ich selten und dann im Internet.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ja. Ich höre regelmässig den «Echo der Zeit»-Podcast, «Samstagsrundschau» oder «International». Aus den USA gefallen mir vor allem «The Daily» der NYTimes, «Today explained» von Vox sowie der vom Tondesign und Abmischung brillant gemachte Podcast «Radiolab» von WNYC Studios.

Die Schweiz ist ein föderalistisches Land – muss das auch die Medienschweiz sein?

Wenn die Medien den Anspruch haben, der Vielfalt dieses Landes gerecht zu werden, müssen sie in allen Landesteilen präsent sein. Sie sind damit auch näher beim Publikum und geniessen bei den Bürgerinnen und Bürgern mehr Respekt und Rückhalt. Realistischerweise kann es sich aber nur noch die SRG leisten, die Schweiz in ihrer Vielfalt weitgehend abzudecken.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 53 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehört?

Das beunruhigt mich. Die entscheidende Frage ist, ob sich diese Menschen später zu informieren beginnen oder nicht. Das wissen wir nicht. Eine direkte Demokratie wie die Schweiz lebt nur, wenn die Bürgerinnen und Bürger umfassend informiert sind. Sonst stimmen sie nach Bauchgefühl oder vagen Vermutungen und Ängsten ab. Eine kleine Minderheit würde dann über die Geschicke des Landes bestimmen. Interessengruppen könnten dann Abstimmungen und Wahlen noch stärker als heute mit Propaganda beeinflussen.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Leider ja, aber nicht vollständig. Börsenberichte und Sportberichte werden bereits oft von Algorithmen geschrieben. Radio-Nachrichtenbulletins können heute von Computern gesprochen werden, ohne dass man merkt, dass da kein Mensch am Mikrofon ist. Die Automatisierung wird sich immer weiter ausbreiten, auch im Journalismus. Aber für die wirklich spannende Arbeit – Recherchieren, Informanten treffen, Gespräche führen, dann alles zusammentragen und daraus eine Geschichte schreiben – die werden Roboter noch lange nicht beherrschen. Der Journalismus lebt vom Menschen.

Siehst Du für professionellen Journalismus noch eine Zukunft?

Absolut. Wenn sich die heutigen Trends in die Zukunft weiterschreiben, wird sorgfältiger, relevanter Journalismus aber nur noch an einem kleinen Ort stattfinden. Es wird dann ein paar wenige, elitäre Qualitäts-Medien geben, die ein kleines, zahlendes Publikum bedienen. Und Gratis-Webportale, die über Sex, Tiere, Promis und Untaten berichten, um Klicks zu generieren und Massen erreichen.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Ja. Immer wenn ich mir Notizen mache, bei Gesprächen oder wenn ich eine Parlamentsdebatte verfolge.

Ist Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Er ist gut für die Auflage und Einschaltquoten aber schlecht für die Demokratie. Qualitätsmedien wie etwa die New York Times erfreuen sich seit seiner Wahl ein einer zahlreichen, neuen Leserschaft. Boulevard-Medien leben von Trumps irrationalen Ausfällen, Provokationen und Show-Elementen. Aber er schadet der Demokratie, weil er das Vertrauen in die Medien und die Wahrheit aktiv torpediert. Er schädigt auch der Glaubwürdigkeit der Regierung, indem er die Gewaltenteilung nicht respektiert und das Regieren zu einem Spektakel macht. Das verstärkt die Politikmüdigkeit, die in den USA schon vorher verbreitet war, noch zusätzlich. Viele Menschen wenden sich frustriert ab.

Wem glaubst Du?

Vielen Menschen meistens, niemandem immer.

Dein letztes Wort?

Nie aufgeben!


Priscilla Imboden
Priscilla Imboden (43) arbeitet als Bundeshausredaktorin für Radio SRF. Bis vor zwei Jahren war sie USA-Korrespondentin und vorher Wirtschaftsjournalistin bei Radio SRF. Ihre erste Stelle trat sie bei der Wochenzeitung «Cash» von Ringier an. Sie hat Wirtschaftswissenschaften in Freiburg und Genf studiert und ist schweizerisch-amerikanische Doppelbürgerin.
https://www.srf.ch/news


Basel, 28. August 2019, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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4 Kommentare zu "Priscilla Imboden: «Die Medienvielfalt hat stark gelitten»"

  1. Zum Titel des Beitrages:
    Mit bis zu 80% weltanschaulich einheitlich präsentierten Informationen ist nichts anderes als einseitiger „Einheitsbrei“ zu erwarten, was die Medien-/Meinungsvielfalt zerstört. Entscheidend wäre beim Journalismus die Fakten und Argumente breit und ausgewogen zu präsentieren und das Beurteilen der Sachlagen den „Konsumenten“ zu überlassen und diese nicht mit „präparierten“ Meinungen zu bevormunden.

    1. Nimmt mich wunder, woher Sie diese Zahl haben, dass bis zu 80% der Informationen in der Schweiz weltanschaulich einheitlich präsentiert sein sollen. Zwischen der NZZ und der WoZ zum Beispiel gibt es doch erhebliche Differenzen der Meinungen und die Nachrichtengefässe von SRF bieten genau das, was Sie fordern: eine ausgewogene Präsentation von Fakten und Argumenten.

      1. Von einer ausgewogenen Berichterstattung in den Medien zu reden ist sehr hoch gegriffen. Gehen Sie zum Betrag* „Eine Polemik über den heutigen (Bezahl-)Journalismus?“ und dann merken Sie was zum heutigen Journalismus zu sagen ist.

        *www.ortsfoerderung-schweiz.ch/index.php/news

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