Oliver Washington: «Journalisten müssen physisch vor Ort sein»

Publiziert am 4. September 2019 von Matthias Zehnder

Das Fragebogeninterview mit Oliver Washington, Inlandredaktor bei Radio SRF, über seinen persönlichen Mediengebrauch, seinen Umgang mit sozialen und anderen Medien sowie Zustand und Zukunft des Journalismus in der Schweiz. Er sagt, dass «viele Medienunternehmen mit einer strategischen Orientierungslosigkeit kämpfen». Bei aller Digitalisierung komme es nach wie vor darauf an, an welchem geographischen Ort Journalisten arbeiten. Das gelte auch für Moderatoren, weil die Lebensrealität den journalistischen Blick mitpräge. Er ist überzeugt, dass es noch lange gedruckte Zeitungen geben wird, «weil seriöser Journalismus unabdingbar ist für die Demokratie».

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Das Frühstuck beginnt bei mir immer schon am Abend davor. Die «Süddeutsche Zeitung» etwa, die FAZ oder auch «Le Monde» veröffentlichen die elektronische Ausgabe ihrer Zeitungen immer schon am Tag davor, also die Mittwochs-Ausgabe beispielsweise bereits am Dienstag-Nachmittag/-Abend. Ich finde das wunderbar. So lese ich praktisch jeden Tag zu später Stunde bereits die ausländischen Zeitungen des nächsten Tages. Am Morgen selber höre ich dann vor allem Radio und lese die Schweizer Zeitungen durch.

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram?

Instagram spielt bei mir keine Rolle, Facebook konsumiere aus voyeuristischen Gründen, Twitter hingegen ist ein wichtiges Informationsmedium. Ich war bis Mitte Juli EU-Korrespondent in Brüssel; und in Brüssel werden viele Neuigkeiten oder auch Entscheide mehr und mehr zuerst über Twitter kommuniziert.

Es passiert etwas ganz Schlimmes wie 9/11. Wie informierst Du Dich?

Ich war EU-Korrespondent in Brüssel als am 22. März 2016 Attentäter am Flughafen und in einer U-Bahn Bomben zündeten und einen Anschlag verübten, bei dem 35 Menschen ums Leben kamen. Es war so gegen 8:00 Uhr morgens, ich war zu Hause und frühstückte als ich auf dem Handy die Kurzmitteilung und Bilder sah, welche Rauch über dem Brüsseler Flughafen zeigten. Ich dachte sofort, das könnte ein Anschlag sein und fuhr umgehend mit dem Velo ins Büro. Dort angekommen schaltete ich das Fernsehen und das Radio ein. Kurz darauf tauchten weitere Bilder auf Twitter auf mit einer U-Bahn-Station, aus welcher Rauch aufstieg. Die U-Bahn-Station war in unmittelbarer Nähe meines Büros, so verliessen (meine Radiokollege von RTS und ich) das Büro und gingen nach draussen – wir wollten mit eigenen Augen sehen was los war. So informierte ich mich auch in den folgenden Stunden: eigene Eindrücke, TV, Radio, Twitter, Medienkonferenzen, Experten.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Ich habe aktuell den Eindruck, dass viele Medienunternehmen mit einer strategischen Orientierungslosigkeit kämpfen. Die Unübersichtlichkeit der heutigen Welt, das Tempo der Veränderungen, der digitalen Veränderungen vor allem, werden als eruptiv wahrgenommen. Damit kämpfen meines Erachtens viele Medienunternehmen; das Resultat ist ein oftmals nicht nachvollziehbarer Aktionismus.

Insofern war es früher einfacher und damit vielleicht auch besser.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Unbedingt. Ohne geht es nicht. Wer – wie Journalisten – die Welt verstehen und die eigenen Gedanken mitteilen will, kann diese mit Bildern kommunizieren oder er fasst die Gedanken in Worte. Das kann man mit der gesprochenen Sprache oder dem geschriebenen Wort.

Was muss man unbedingt gelesen haben?

Gabriel Garcia Marquez: «100 Jahre Einsamkeit» und Hannah Arendt: «Ich will verstehen»

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Ich habe kein Problem damit. Meine Freizeit ist mir zu kostbar, als dass ich mich durch schlechte Bücher quälen wollte.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Bei der täglichen Arbeit: Journalismus ist ein unglaubliches Privileg. Das Privileg, dass man sich immer wieder mit neuen Themen beschäftigen kann, auch mit solchen von denen man nicht dachte, dass sie einen interessieren könnten.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Noch lange, weil seriöser Journalismus unabdingbar ist für die Demokratie und weil das geschriebene Wort ein zentrales Ausdrucksmittel bleibt, wird es noch lange geschriebene journalistische Texte geben. Und weil lange nicht alle diese Texte nur noch via Computer, Tablet oder Smartphone lesen, wird es noch lange gedruckte Ausgaben geben, auch von tagesaktuellem Journalismus.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Eine Gefahr, weil dadurch die Glaubwürdigkeit von Medien in Frage gestellt wird. Positiv gewendet könnte man auch sagen: Fake News sind eine Herausforderung, weil man herausgefordert ist, um so seriöser zu arbeiten.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Ich schaue praktisch nie Fernsehen, schalte aber jeden Morgen den Radio ein. Ansonsten höre ich viele Radio-Sendungen oder auch Beiträge «on demand». Als Radiojournalist muss man doppelt darauf achten, dass Geschichten einen stringenten roten Faden haben. Dahinter steckt vor allem bei längeren Reportagen und Sendungen viel Denkarbeit. Ich geniesse es, wenn ich den Radio einschalten und die Denkarbeit eines Kollegen konsumieren kann.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ja, ich höre Podcasts, den ARD-Podcast aus Brüssel «punktEU» oder auch den BBC-Podcast «Brexitcast». Aber ich habe keinen Lieblingspodcast.

Spielt es im digitalen Zeitalter eine Rolle, an welchem geographischen Ort Journalisten arbeiten?

Klar. Man kann nicht über das Geschehen in Brüssel oder auch im Bundeshaus berichten, ohne physisch vor Ort zu sein, weil zum guten Journalismus persönliche Eindrücke, persönliche Kontakte und Recherchen gehören, die nur vor Ort möglich sind. Nun wird argumentiert, es gebe aber viele journalistische Aufgaben, beispielsweise die Moderation einer Sendung, bei welchen der geographische Ort keine zentrale Rolle spielt. Auch hier würde ich widersprechen, die Lebensrealität, die den journalistischen Blick mitprägt, ist anders, ob ich beispielsweise am Thunersee lebe und in Bern arbeite oder ob ich in Altstetten lebe und in Zürich arbeite.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 53 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehört?

Das ist logischerweise ein Problem, weil die hiesigen Medienhäuser den Nachwuchs verlieren. Aber müsste man die Frage nicht allgemeiner stellen: «Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn 53% der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehört?» Weil diese «News-Deprivation» ja letztlich den Zusammenhalt der Gesellschaft in Frage stellt. Das spüren die Medien offensichtlich, aber es geht weit darüber hinaus und ist ein gesamtgesellschaftliches, politisches Problem. Gleichzeitig kann man sich angesichts der Klimaproteste der Jugend die Frage stellen, ob das wirklich so ist. Oder hat es die Politik nicht vielmehr verpasst, Antworten auf die Sorgen und Probleme der Jugend zu liefern?

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Die Frage ist, was ist Journalismus. Wenn es um die banale Verarbeitung von Resultaten geht, ist das möglich. Journalismus aber ist mehr und geht weit darüber hinaus – Journalismus ist Analysieren, Recherchieren, kritischem Hinterfragen, in den Kontext stellen – ich kann mir schwer vorstellen, dass das von Robotern gemacht werden kann.

Siehst Du für professionellen Journalismus noch eine Zukunft?

Unbedingt. Man muss sich doch die Frage stellen: Was wäre, wenn es professionellen (unabhängigen) Journalismus nicht mehr gäbe? Was wäre ein politisches System, in dem es diese Profession, die politische und ökonomische Entscheide kritisch und unabhängig hinterfragt, nicht mehr gibt? Die Frage ist meines Erachtens selbsterklärend und verdeutlicht, dass es professionellen Journalismus braucht und dass dieser auch eine Zukunft hat.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Ich mache mir Notizen von Hand und ich denke oftmals «zeichnend». Wenn ich ein komplexes Thema strukturieren muss, mache ich dies oft von Hand, indem ich auf einem Blatt die Zusammenhänge mit Pfeilen und Kästchen aufzuzeichnen versuche. So kann ich Zusammenhänge oft besser und vor allem auch schneller erkennen. Den Text schreibe ich dann aber direkt am Computer.»

Ist Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Beides. Schlecht, weil durch seine Politik bei vielen Menschen die Glaubwürdigkeit der Medien gesunken ist. Und gut, weil das die Medien herausfordert.

Wem glaubst Du?

Originaldokumenten.

Dein letztes Wort?

«Ich will verstehen» – dieses Zitat von Hannah Arendt ist mein persönlicher Antrieb bei meiner täglichen journalistischen Arbeit.


Oliver Washington

Oliver Washington (46), hat Soziologie studiert. Nach dem Studium arbeitete er zunächst vier Jahre lang in der Bundesverwaltung, als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesamt für Verkehr. 2003 wechselte er zu Radio DRS ins Regionaljournal Zürich/Schaffhausen, danach in die Inlandredaktion. Er moderierte die Samstagsrundschau. Im Sommer 2014 zog er dann mit seiner Familie nach Brüssel. Als EU-Korrespondent berichtete er während fünf Jahren aus dem politischen Zentrum Europas über die Griechenlandkrise, die Flüchtlingskrise, den Brexit, den Terror und die Beziehungen der EU zur Schweiz. Seit diesem Sommer ist er zurück in Bern und arbeitet in der Bundeshausredaktion von Radio SRF. Er wird auch wieder die Samstagsrundschau moderieren.

https://www.srf.ch/news/schweiz


Basel, 4. September 2019, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Ein Kommentar zu "Oliver Washington: «Journalisten müssen physisch vor Ort sein»"

  1. „Ist Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?“
    „(…)Schlecht, weil durch seine Politik bei vielen Menschen die Glaubwürdigkeit der Medien gesunken ist.(…)“ sagt ein Medienschaffender.
    Jetzt ist der arme Donald auch noch dafür verantwortlich, dass die Glaubwürdigkeit der Medien gesunken ist. Ein Dritter ist also verantwortlich, wenn die Empfänger (Konsumenten) den Sendern (Medien aller Art) nicht mehr das Vertrauen schenken.
    So einfach sind die eigenen Fehlleistungen vom Tisch gewischt.
    Der Punkt liegt weltweit ganz woanders: Nehmen wir als Beispiel die Waldbrände im Amazonas und wie die Medien, weltweit, damit umgehen:
    Die grössten Waldbrände finden immer in Zentralafrika statt. Und keine Medien reden/berichten über Zentralafrika.
    Wir haben viel die grösseren Waldbrände dort als jene im Amazonas. Die Regenwälder dort, welche auf der gleichen Höhe wie jene des Amazonas liegen, brennen extrem.
    Und wo liegen denn die grössten Waldbrände im Amazonasgebiet dann genau?
    In Boliven.
    Und dort ist ein Linksextremist Präsident.
    Es ist alles so durchsichtig in den Medien heute.
    Und jetzt wird der amtierende Präsident Brasiliens, Bolsonaro weltweit von den Medien in ein blödes Licht gestellt mit diesen Bränden (jedes Mittel ist den Medien recht), nur weil er eine rechte Regierung führt (welche den Medien nicht passt).
    Nochmals:
    Es hat jedes Jahr in Brasilien Waldbrände gegeben. Und alle unter linken Regierungen. Seit 40 Jahren wurden in Brasilien Abholzungen subventioniert (!!!), damit die Bauern Land gewinnen. 40 Jahre populistische linke Regierungen lang.
    Wenn man 15 Jahre zurückschaut, hat es viel grössere Waldbrände gegeben als der jetzige 2019.
    Die Medien reiten eine Kampagne gegen rechts, gegen Bolsonaro, und da ist ihnen jedes Mittel heilig. Auch Waldbrände, die zu den grössten aller Zeiten erhoben werden.
    Genau an solchen Beispielen fragt man sich: Woher soll da noch die Glaubwürdigkeit der Medien herkommen?
    Wer schaufelt sich mit solchem Tun sein eigenes Grab?
    Die Antwort ist wohl sonnenklar.
    Und eins ist wohl auch glasklar: Trump hat damit so weinig zu tun wie ein Fisch mit Radfahren.
    *Bonus-Track zum Thema: Podcast „Roger gegen Markus“, von Roger Schawinski und Markus Somm auf Radio 1, Sendung vom 26.8.2019. Empfehlenswert.

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