Maude Rivière: «Früher waren die Nachrichtenmedien präsenter in unserem Alltag.»
Das 352. Fragebogeninterview, heute mit Maude Rivière, Geschäftsführerin des fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft. Sie sagt, die zunehmende News-Deprivation, also die Unterversorgung von Menschen mit Nachrichten, sei ein Problem, «weil die Forschung zeigt, dass ein tiefer Newskonsum auch mit einer tieferen politischen Teilhabe zusammenhängt.» Wer wenig Nachrichten konsumiere, habe «tendenziell auch ein geringeres Interesse an Politik und ein tieferes Vertrauen in die Regierung. Darum ist die Medienkompetenzförderung an Schulen ein Thema, das uns wichtig ist und für das wir uns am fög seit Jahren einsetzen.» Die Forschung des fög zeige aber auch: «Es sind nicht nur die Jungen, die kaum News nutzen, sondern zunehmend auch ältere Generationen. Das sollte uns noch mehr zu denken geben.» Dazu komme, dass «die Digitalisierung das Geschäftsmodell der Medien im Kern bedroht.» Trotzdem beschleunige sich die Digitalisierung der Medien in der Schweiz, das zeige etwa die Einstellung der gedruckten Ausgabe von «20 Minuten». «Printzeitungen sind hierzulande nach wie vor die Hauptinformationsquelle für rund 10 Prozent der Menschen – das ist international ein relativ hoher Wert.» Weil bisher der «Journalismus sein Geschäftsmodell im digitalen Zeitalter nicht neu erfinden» konnte, brauche es «mehr öffentliche Medienförderung.»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Ich scrolle durch die wichtigsten Schweizer Nachrichtenportale. In den Ferien gönne ich mir zudem eine gedruckte Wochenzeitung, zum Beispiel «Die Zeit», oder das Magazin «Reportagen».
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Ich bin auf den meisten dieser Plattformen präsent. Zurzeit nutze ich LinkedIn und Instagram am häufigsten.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Vor meiner Tätigkeit am fög war ich im Bereich Kommunikation tätig, somit hatten journalistische Medien schon immer einen grossen Stellenwert in meinem Alltag. Am Anfang meiner Karriere waren Printzeitungen präsenter und natürlich auch das lineare Radio und Fernsehen. Am Wochenende hatte über viele Jahre eine gedruckte Sonntagszeitung ihren festen Platz auf dem Küchentisch. Das ist heute nicht mehr der Fall. Dafür nutze ich eine grössere Vielfalt von Medien und Plattformen.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Was früher besser war, sind sicherlich die Ressourcen, mit denen die Medien ausgestattet waren. Da gab es viel mehr Zeit für Recherchen. Diese wurden über die Zeit, in der ich in der Kommunikation tätig war, merklich abgebaut.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Ja auf jeden Fall! Es gibt nichts, das in der Lage ist, das «Kopfkino» anzuwerfen wie ein Buch oder eine gut geschriebene Reportage.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Ich lese fast ausschliesslich Bücher auf Französisch oder Englisch. Ich rede mir ein, dass meine Sprachkenntnisse dadurch weniger verkümmern. Aktuell lese ich den Klassiker von Paul Auster «The New York Trilogy». Davor habe ich den roman noir «Taormine» von Ives Ravey gelesen – empfehlenswert! Gerne lese ich auch Sachbücher oder Biografien. Es ist aber nicht so, dass ich in der Freizeit oder am Abend immer Bücher lese. Nach anstrengenden Tagen scrolle ich manchmal auch nur ein bisschen durch meinen Instagram-Feed.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Es fällt mir schwer, daher lese ich meist schon mindestens ein Drittel – man muss Geschichten auch die Chance geben, sich zu entwickeln. Dann ist aber auch gut. Die Lebenszeit ist zu kostbar, um sie mit schlechten Büchern zu verbringen.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Ich bin generell ein neugieriger Mensch. Am ehesten erfahre ich solche Dinge im Gespräch mit Menschen, die sich mit einem Thema auskennen, das mir fremd ist. Das finde ich immer äusserst spannend und anregend, weil es neben neuen Einblicken manchmal auch neue Perspektiven eröffnet.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Schon als ich noch im Studium war – und das ist eine Weile her – hat man den Tod der Printzeitungen vorausgesagt, und es gibt sie noch heute. So schnell sind sie also nicht tot zu kriegen. Vor dem Hintergrund der jüngsten Druckereischliessungen und der Einstellung von Printtiteln wie «20 Minuten» sieht es aktuell danach aus, als beschleunige sich die Digitalisierung der Medien in der Schweiz. Prognosen sind aber schwierig zu treffen. Printzeitungen sind hierzulande nach wie vor die Hauptinformationsquelle für rund 10 Prozent der Menschen – das ist international ein relativ hoher Wert. Allerdings entwickelt sich die Printnutzung auch in der Schweiz seit Jahren rückläufig.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Beides. Gefährlich, weil sie generell das Vertrauen in Informationen untergraben und den Rechercheaufwand erhöhen. Andererseits ist die zunehmende Verbreitung von Fake News auch eine Chance für die Medien, sich als zuverlässige und glaubwürdige Informationsquellen zu profilieren.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Ich bin kein grosser Radio-Mensch, das war ich noch nie. Der einzige Ort, wo ich live Radio höre, ist im Auto. Da wir selber keins haben, kommt das relativ selten vor. Und wenn, dann muss ich das Programm mit meiner Familie aushandeln.
Beim Fernsehen kommt es selten vor, dass ich durch das lineare Programm zappe. Meistens schaue ich gezielt ein Angebot aus dem Replay. Vor dem Fernsehen lege ich nicht selten ein «Second-Screen» Verhalten an den Tag, nutze also parallel das Smartphone, während ich ein Angebot im TV schaue.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Weil ich kein ausgesprochener Radio-Mensch bin, nutze ich auch kaum Podcasts. Wenn, dann punktuell, um bestimmte Informationen oder Hintergründe zu recherchieren.
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Früher war die «Tagesschau» am Abend in vielen Familien fester Teil des Tagesprogramms. Die Nachrichtenmedien waren präsenter in unserem Alltag. Heute werden die Menschen nicht mehr zwingend mit journalistischen Medien sozialisiert. Die zunehmende News-Deprivation ist schon ein Problem, gerade weil die Forschung zeigt, dass ein tiefer Newskonsum auch mit einer tieferen politischen Teilhabe zusammenhängt. Wer wenig News nutzt, hat tendenziell auch ein geringeres Interesse an Politik und ein tieferes Vertrauen in die Regierung . Darum ist die Medienkompetenzförderung an Schulen ein Thema, das uns wichtig ist und für das wir uns am fög seit Jahren einsetzen.
Unsere Forschung zeigt aber auch: Es sind nicht nur die Jungen, die kaum News nutzen, sondern zunehmend auch ältere Generationen. Das sollte uns noch mehr zu denken geben.
Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?
Sicher zu einem gewissen Grad, wenn es zum Beispiel um Routineberichterstattung geht wie das Wetter oder Sportergebnisse. Das wird ja im Journalismus seit längerer Zeit gemacht und KI hat diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt. Das muss nicht per se schlecht sein, wenn dafür mehr Ressourcen für andere Aufgaben wie zum Beispiel Recherchen frei werden. Generell kann ich mir nicht vorstellen, dass wir zukünftig Einschätzungen und Kommentare zur Weltlage oder Reportagen lesen wollen, die von Robotern geschrieben werden – auch wenn es technisch möglich ist. Da wird der Mensch meiner Meinung nach immer eine wichtige Rolle spielen.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Im Moment scheint, wenn man den Zustand der Medienbranche anschaut, eher das erste der Fall zu sein, weil die Digitalisierung das Geschäftsmodell der Medien im Kern bedroht. Andererseits entstehen auch neue Möglichkeiten, zum Beispiel für investigative Recherchen, wie sie Bellingcat und andere machen, für Datenjournalismus oder innovative Formate. Um diese nutzbar zu machen, braucht es allerdings genügend Know-how und Ressourcen.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Noch konnte der Journalismus sein Geschäftsmodell im digitalen Zeitalter nicht neu erfinden. Es liegt in unserem Interesse, dass die Medien weiterhin über genügend Ressourcen verfügen, um eine qualitativ hochwertige Berichterstattung in allen Regionen sicherzustellen. Insofern ja, es braucht mehr öffentliche Medienförderung.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Gelegentlich, ja. Es hilft mir beim Denken.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Schlecht und gefährlich für die Medien ist die Abneigung Trumps gegenüber etablierten, kritischen Medien. Bereits in seiner ersten Amtszeit hat er immer wieder versucht, die Glaubwürdigkeit der Medien gezielt zu untergraben. Der Druck auf Journalist:innen hat in der zweiten Amtszeit nicht abgenommen, mit Drohungen, Klagen wie jüngst gegen die New York Times oder dem Ausschluss ungeliebter Medien von offiziellen Medienveranstaltungen. Wenn man etwas Positives sehen will, dann vielleicht dass Trump in seiner ersten Amtszeit einigen Medien zu höheren Zugriffszahlen verholfen hat. In der zweiten Amtszeit blieb ein erneuter «Trump Bump» jedoch aus.
Wem glaubst Du?
Schwierige Frage. Es kommt wohl darauf an 😉. Generell lege ich grossen Wert auf die Meinung von Personen, die ich gut kenne und schätze.
Dein letztes Wort?
Vielen Dank!
Maude Rivière
Maude Rivière ist seit 2020 Geschäftsführerin des fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft. Vor ihrer Tätigkeit am fög arbeitete sie in verschiedenen Funktionen im Bereich Kommunikation. Sie hat Publizistik, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Zürich studiert und verfügt über verschiedene Weiterbildungen in Unternehmensführung.
Basel, 24.09.2025, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Universität Zürich
Seit Ende 2018 sind über 330 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
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Quellen
Printnutzung in der Schweiz: Udris, L., Rivière, M., Vogler, D. & Eisenegger, M. (2025). Reuters Institute Digital News Report 2025: Länderbericht Schweiz. fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft/Universität Zürich. https://doi.org/10.5167/uzh-279367
Vertrauen in die Regierung: Udris, L., Schneider, J., Vogler, D., Keller, T. R. & Golder, L. (2022). Mediennutzung und politische Partizipation. Die Bedeutung von Newsrepertoires bei Volksabstimmungen. https://doi.org/10.5167/uzh-224738
Trump Bump: Reuters Institute for the Study of Journalism (2025). Reuters Institute Digital News Report 2025. Oxford. University of Oxford. https://doi.org/10.60625/risj-8qqf-jt36
Ein Kommentar zu "Maude Rivière: «Früher waren die Nachrichtenmedien präsenter in unserem Alltag.»"
Die Aussage der Frau Forscherin „Unsere Forschung zeigt aber auch: Es sind nicht nur die Jungen, die kaum News nutzen, sondern zunehmend auch ältere Generationen. Das sollte uns noch mehr zu denken geben“ wird hier anhand des Medienhauses Ringer und seinen Leserschaftsführungen hier eindrücklich in Ton und Bild dokumentarisch festgehalten….
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