Hanna Wick: «Fake News ist eine Worthülse»

Publiziert am 14. August 2019 von Matthias Zehnder

Das Fragebogeninterview mit der Wissenschaftsjournalistin Hanna Wick über ihren persönlichen Mediengebrauch, ihren Umgang mit sozialen und anderen Medien sowie Zustand und Zukunft des Journalismus in der Schweiz. Sie sagt, sie möge den Begriff «Fake News» gar nicht. «Jeder verwendet den Begriff so, wie es ihm gerade in den Kram passt.» Im Wissenschaftsjournalismus hänge die Qualität der Information mit der investierten Zeit zusammen: «Informationen über Wissenschaft sind umso verlässlicher, je mehr Zeit jemand damit verbracht hat, sie zu prüfen.» Generell schwanke das Niveau bei der Berichterstattung über Wissenschaft erschreckend stark: «Schrott gibt es leider überall.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Zum Frühstück gibt’s bei mir nur Kaffee und Gespräche mit der Familie. Auf dem Weg zur Arbeit oder an die Uni lese ich dann online kurz die Schlagzeilen des Morgens auf verschiedenen Newsportalen. Ich wechsle da immer ein bisschen ab, mal «Tagi», mal «Blick», mal SRF, mal NZZ, mal «20 Minuten» etc.

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram?

Facebook nutze ich viel seltener als noch vor ein paar Jahren. Twitter auch etwas weniger, seit ich nicht mehr im Newsjournalismus bin. Instagram hingegen finde ich noch immer sehr lustig. Das ist für mich aber Freizeit, keine Arbeit.

Es passiert etwas ganz Schlimmes wie 9/11. Wie informierst Du Dich?

Twitter und Radio SRF.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Weder noch. Ein Beispiel: In den 50er Jahren druckte die NZZ Pressemitteilungen von Firmen direkt im Blatt ab. Das wäre heute undenkbar. Standards und Qualität im Journalismus sind insgesamt gestiegen. Andererseits bereitet mir der gegenwärtige Ressourcenmangel in den Medien schon Sorge. So viele Entlassungen, so viele Sparmassnahmen. So viele Menschen, die mit Selbstausbeutung die Qualität im Journalismus hochzuhalten versuchen. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Aber frag mich bloss nicht nach einer Lösung.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Ja.

Was muss man unbedingt gelesen haben?

Toni Morrison.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Ich bin Team Weglegen. Das Leben ist zu kurz für langweilige Lektüre. Aber es passiert mir zum Glück selten, dass ich ein schlechtes Buch überhaupt beginne. Ich lese vor dem Kauf jeweils die erste Seite, dann bekomme ich schon ein gutes Gespür fürs Buch.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

In Gesprächen, aus Büchern, auf Twitter. Aber zum Beispiel auch beim «Schweizer Bauer». Fachzeitschriften sind super.

Wo finden sich mehr verlässliche Informationen über Wissenschaften – in Büchern, Zeitungen oder im Internet?

Informationen über Wissenschaft sind umso verlässlicher, je mehr Zeit jemand damit verbracht hat, sie zu prüfen. Deshalb würde ich sagen: in Büchern. Populärwissenschaftliche Bücher haben meist ein solides Lektorat und gute Quellenverzeichnisse. Da kann man dann auch direkt in die Primärliteratur einsteigen, wenn man mehr oder Genaueres wissen möchte. Generell aber schwankt das Niveau bei der Berichterstattung über Wissenschaft erschreckend stark, sei das nun in Büchern, in Zeitungen oder im Internet. Schrott gibt es leider überall.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Keine Ahnung. Noch mindestens 10 Jahre? 10 Jahre klingt immer gut, nach viel und wenig gleichzeitig.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Ich tendiere eher zu Chance. Weil die Diskussion darüber die Sinne für Falschmeldungen schärft. Generell aber mag ich den Begriff «Fake News» gar nicht. Ich habe immer noch nicht verstanden, was Fake News genau sein sollen. Jeder verwendet den Begriff so, wie es ihm gerade in den Kram passt. Fake News ist eine Worthülse.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

TV konsumiere ich kaum noch linear (Ausnahme: Live-Übertragungen). Lineares Radio hingegen ist meine tägliche Znacht-Koch-Begleitung, am liebsten SRF 4 News.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ich zähle mich zu den Podcast-Fans und bin immer auf der Suche nach neuen, tollen Produkten; Tipps also gerne an mich. Mein momentanes Highlight: «Intelligence Squared». Sehr unterhaltsam und lehrreich, diese Debatten.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 53 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehört?

Ich bin mir nicht sicher, was das genau bedeutet. Dazu müsste ich die Studie des fög erst gründlich lesen, auch auf ihre Methodik hin. In meinen Kontakten mit Jugendlichen, privat und als Lehrerin in der Schule, habe ich jedenfalls nicht das Gefühl, es mit News-Deprivierten zu tun zu haben. Die Jugendlichen kriegen viel mit von der Welt und sind durchaus informiert über wichtige Entwicklungen. Aber, was klar ist: Sie konsumieren Medien nicht gleich wie wir Älteren es tun.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Nein, nicht wirklich. Automatisch erstellte Texte sind limitiert in Form und Inhalt, und das werden sie auch noch eine ganze Weile bleiben. Aber Roboter, beziehungsweise Algorithmen können Journalisten womöglich einen Teil der Arbeit abnehmen.
Meine Frage an Herrn Supino wäre allerdings: Warum soll ein Abonnent in einer technisch fortgeschrittenen Zukunft bezahlen für ein Produkt, in dem bis zu einem Drittel der Texte komplett automatisiert erstellt sind? Da zieh ich mir doch lieber selbst die Textgenerierungs-Software vom Netz und lass mir meinen Text damit schreiben, ohne Abokosten. Wer für Journalismus zahlt, will Exklusivität, keine Dutzendware. Oder will Tamedia sich zu einem Informationsbroker entwickeln, bei dem ich quasi den Zugang zu den Daten erwerbe? Und die Textgenerierung ist dann nur noch das User-Interface?

Siehst Du für professionellen Journalismus noch eine Zukunft?

Ja. Es wird immer Menschen geben, die fundierte Hintergründe zu einem aktuellen Thema suchen oder solche, die sich journalistische Geschichten anhören möchten. Journalistinnen und Journalisten nehmen dem Publikum die Arbeit ab, selbst zu recherchieren. Sie bringen die Welt ins Wohnzimmer. Diese Serviceleistung bleibt.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Ja, gerade in den Vorlesungen an der Uni wieder sehr viel. Und Postkarten aus den Ferien.

Ist Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Diese Frage interessiert mich nicht. Ich frage mich eher, ob die Medien gut oder schlecht sind für die Medien, bei all dem Gewese, das sie um sich selbst machen.

Wem glaubst Du?

Meinem Sohn.

Dein letztes Wort?

Das hab’ ich gern.


Hanna Wick

Hanna Wick hat in Zürich Physik studiert. Nach dem Master hat sie 15 Jahre lang als Wissenschaftsjournalistin gearbeitet, erst bei der NZZ, dann bei SRF. Zurzeit macht sie die Ausbildung zur Gymnasiallehrerin für Physik und Mathematik an der Universität Zürich. Nebenbei arbeitet sie als freie Journalistin für verschiedene Medien.

https://hannawick.ch


Basel, 14. August 2019, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Ein Kommentar zu "Hanna Wick: «Fake News ist eine Worthülse»"

  1. Endlich sagt es einmal jemand: Der Begriff «Fake» ist selber ein «Fake» und sagt eigentlich nichts. Wie so vieles, was geil in die Welt gesetzt wird, um damit Aufmerksamkeit zu erregen und das grosse Geschäft zu machen. Und je besser eine Sache recherchiert ist, umso weniger Leute interessiert das Ergebnis: Auch das stimmt leider in einer Welt, wo vor allem zählt, was Profit bringt und was Spass macht.

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