Claude Cueni: «Ich halte halbe Wahrheiten für die schlimmsten Fakes»

Publiziert am 26. August 2020 von Matthias Zehnder

Das Fragebogeninterview über Mediennutzung – im Sommer mit Schweizer SchriftstellerInnen. Heute: Der Basler Autor Claude Cueni. Er sagt: «Printmedien sind ein Auslaufmodell» und stellt fest: «Auch ich habe mein Vertrauen in Medien, Politik und Wissenschaft weitgehend verloren.» Er bedauert, dass der vielen Kopfblätter wegen in der Schweiz «die Meinungsdominanz der Medienhäuser und der einzelnen Redakteure zugenommen» habe. Er ist aber zuversichtlich, dass die Digitalisierung neue Wege eröffnet. «In Deutschland werden Journalisten, die sich von grossen Verlagshäusern ‹befreien› und ihre eigenen Online-Medien gründen, immer zahlreicher.

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Mein iPad. Seit zehn Jahren lese ich Zeitungen nur noch auf dem iPad. Ich beginne zwischen zwei und drei Uhr morgens mit der «South China Morning Post» und «Rappler», dem philippinischen News-Portal. Dann überfliege ich die Headlines der US-Medien und lese später europäische Zeitungen. Wenn ich gerade an einem Roman bin, kopiere ich die interessanten Artikel in ein Worddokument und lese die News vor dem Mittagessen.

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram?

Twitter und Google+ habe ich schon vor Jahren verlassen. Bei Facebook bin ich vorläufig noch dabei. Ich benützte es mittlerweile vor allem als Werbemedium für neue Bücher und um in Kontakt zu bleiben mit Freunden und Kollegen, die über den ganzen Erdball verstreut sind.

Wie hat das Corona-Virus Deinen medialen Alltag verändert?

Überhaupt nicht.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Weder noch. Ich trauere keinen vergangenen Zeiten nach. Wenn ich den Kulturteil betrachte, stelle ich fest, dass es immer weniger Buchrezensionen gibt, da die Onlinemedien mittlerweile Klickzahlen sehr genau messen können. Und die Leserschaft orientiert sich eher an den Meinungen von Leuten, die gerne lesen. Wenn heute eine Buchrezension in der «Sonntagszeitung» erscheint, wird sie auch in der «Basler Zeitung», im «Bernerobeländer», in der «Berner Zeitung», im «Bund», im «Landboten», im «Langenthaler Tagblatt», im «Tages-Anzeiger», im «Thuner Tagblatt» und in -zig anderen Onlinemedien publiziert. Die Meinungsdominanz der Medienhäuser und der einzelnen Redakteure hat zugenommen. Man muss deswegen nicht jammern, sondern nach neuen Wegen suchen.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Auch digitale Inhalte müssen geschrieben werden und es wird immer Menschen geben, die sich gerne mit einem dicken Buch zurückziehen, um in eine andere Welt abzutauchen. Aber es werden weniger sein. Es gibt immer mehr Leute, die gar keine Bücher lesen, das Unterhaltungsangebot ist einfach enorm und die Zapping-Kultur hat mittlerweile alle Bereiche erfasst. Siebenhundertseitige historische Wälzer sind Liebhaberobjekte. Mit Ausnahme von Krimis (insbesondere Regional-Krimis) und Sachbüchern nehmen die Buchumsätze kontinuierlich ab. Die Belletristik-Verlage verdienen nur noch die Hälfe, die Autoren verdienen nur noch die Hälfte, aber auch hier besteht kein Anlass zum Jammern, sondern Anlass, seine Kreativität im Buchmarkt unter Beweis zu stellen.

Was muss man unbedingt gelesen haben?

Nichts. Ich unterhalte mich gerne mit meinem Sohn und ein paar Freunden über Bücher, die wir gelesen haben, jeder teilt seinen Eindruck mit, aber keiner käme auf die Idee zu sagen, «das musst du unbedingt lesen». Ich lese gerne Bücher zur Universalgeschichte oder Spezialthemen, aber auch das sind keine Bücher, die andere unbedingt gelesen haben sollten. Ich bin nicht das Mass aller Dinge.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Ich entscheide mich nach ca. 20 Seiten, manchmal schon früher. Wieso soll ich ein Buch zu Ende lesen, wenn ich die Figuren plakativ oder die Dialoge hölzern finde? Das wird auf den nächsten 300 Seiten nicht besser.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Mein Sohn, ein paar enge Freunde, Online-Medien und soziale Netzwerke wecken mein Interesse für Unbekanntes.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Printmedien sind ein Auslaufmodell. Die älteren Abonnenten sterben aus und die jüngere Leserschaft wächst mit Handy und iPad auf. Meine Frau ist 39, sie hat noch nie eine Printzeitung gelesen und ist trotzdem sehr gut informiert. Ich hatte vor etwa zwölf Jahren die letzte Printzeitung in der Hand. Online ist stets aktueller und bietet der Leserschaft verlinkte Zusatzseiten und Videos. Auch für den Verleger gibt es Vorteile: Er spart Papier-, Druck- und Distributionskosten, das Inkasso ist sehr simpel. Das Mahnwesen fällt weg, weil der Kunde im voraus sein Abo bezahlen muss.

Wahrscheinlich werden einige Special-Interest- und Hochglanzmagazine überleben. Aber der Trend geht Richtung Online-Kiosk: ein einziges Abo erlaubt den Zugriff auf mehrere Dutzend Presseerzeugnisse. Musik- und Filmindustrie weisen den Weg.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Wenn man täglich ein breites Spektrum an Medien liest, sind Fakenews einfach zu entdecken. Ich halte halbe Wahrheiten für die schlimmeren Fakes. Man lässt einfach weg, was der eigenen Weltanschauung widerspricht, aber die Leserschaft kann nie wissen, was weggelassen wurde.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Seit 20 Jahren kein Thema mehr. Mit Youtube, Netflix und anderen Streamingdiensten bin ich ausreichend bedient.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Nein.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehört?

Seit dem Herbst 2015 ist das Vertrauen in Medien, Politik und Wissenschaft kontinuierlich gesunken. Bei jedem Thema gibt es fast so viele Meinungen wie Experten. Corona bestätigt dies erneut. Dass insbesondere die 16- bis 29-Jährigen das Interesse an News verlieren, hat sicher auch mit der narzisstischen Selfie-Gesellschaft zu tun. Nichts ist interessanter als das eigene Ich. Sobald der Wohlstand abnimmt und der eigene Lebensstandard gefährdet ist, wird sich das wieder ändern.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Teilweise ja. Aber ein News-Roboter greift natürlich stets auf einen Basis-Text zurück, den ein Mensch geschrieben hat. In den 1980er-Jahren gab es eine Software, die selbständig Gedichte schreiben konnte, aber auch hier musste man ein paar Keywords eingeben. Aber absurde Gedichte schreiben ist für einen Roboter einfacher als einen faktenbasierten Bericht über den Nahen Osten zu verfassen.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Sicher nicht zum Tod. Die Musik- und Filmindustrie haben die Digitalisierung überlebt, auch die Medien werden sie überleben. Und die Kundschaft wird ihre Gewohnheiten anpassen. Für ehrgeizige Journalisten ist es die Chance, ein eigenes Onlinemedium zu lancieren. Im Raum Basel hat zum Beispiel Peter Knechtli vor über 20 Jahren mit «onlinereports» ein national beachtetes Medium erschaffen, das sich durch viele Primeurs auszeichnet. Mit «Prime News» und «Bajour» sind zwei weitere Online-Player an den Start gegangen. In Deutschland werden Journalisten, die sich von grossen Verlagshäusern «befreien» und ihre eigenen Online-Medien gründen, immer zahlreicher.

Siehst Du für professionellen Journalismus noch eine Zukunft?

Bestimmt, aber zurzeit ist eher Meinungsjournalismus populär und fast alle Leitmedien sind zur ironiefreien Zone verkommen. Aber das ist Zeitgeist und flüchtig. Die Leute werden wieder den Wunsch nach ungeschönten Fakten haben: Lesen was ist und nicht das, was ein Journalist gerne verbreiten möchte. Professionellen Journalismus wird es immer geben, aber in einer fragmentierteren Gesellschaft werden die Zielgruppen dünner. Entscheidend wird sein, ob die Leserschaft bereit ist, dafür mehr zu bezahlen.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Nur Randnotizen und Einkaufszettel. Ich schreibe am PC und korrigiere meine Texte laufend. Von Hand schreiben oder diktieren ist bei meinem impulsiven Arbeitsstil gar nicht möglich.

Ist Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Er liefert täglich ein paar Schlagzeilen. Somit ist er gut für die Medien, egal ob sie ihn mögen oder nicht. Alles was Klickzahlen generiert, ist gut für die Medien. Egal ob DonaldTrump,  Irina Beller oder welcher Penis zu welchem Sternzeichen passt.

Wem glaubst Du?

Auch ich habe mein Vertrauen in Medien, Politik und Wissenschaft weitgehend verloren. Ich vertraue meinem gesunden Menschenverstand, wobei das wohl jeder von sich behauptet. Bedingungsloses Vertrauen habe ich in meine Frau und meinen Sohn.

Dein letztes Wort?

Dafür ist es wohl noch zu früh. Aber wenn du darauf bestehst: Es gibt keinen Gott, tut Gutes und geniesst euer Leben.


Claude Cueni
Claude Cueni, geb. 13.1.1956 in Basel. Frühzeitiger Abbruch der Schule um Schriftsteller zu werden. Zahlreiche Gelegenheitsjobs, die immer auch der Stoffbeschaffung dienten. Schrieb über 50 Drehbücher für «Tatort», «Peter Strohm», «Eurocops» und «Autobahnpolizei». «Das grosse Spiel», sein historischer Roman über die Erfindung des Papiergeldes, wurde in 13 Sprachen übersetzt. In seinem 2014 erschienen, autobiographischen Roman «Script Avenue» hat er das Sterben seiner ersten Frau und seine anschliessende Erkrankung an Leukämie thematisiert. Cueni schreibt heute nur noch Romane und History-Kolumnen.
http://www.cueni.ch/

Genesis – Pandemie aus dem Eis

Soeben ist Claude Cuenis neuer Roman erschienen. Er dreht sich um eine weltweite Pandemie. Ausgelöst wird die Krankheit durch Ratten, die sich im auftauenden Eis der Antarktis mit konservierten Pest-Bakterien neu infizieren. Heldin des Buchs ist Nadi, eine indische Köchin, die vor einer Zwangsheirat in ihrer Heimat nach London flüchtet. Cueni hat den Roman natürlich vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie geschrieben. Wie der Krankheitsausbruch verläuft und was danach passiert, von der Panik bis zur Maskentragepflicht, hat Cueni erstaunlich präzis vorhergesagt. Ob das auch für das Ende der Pandemie gilt?

Claude Cueni: Genesis – Pandemie aus dem Eis. Nagel & Kimche, 304 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-312-01192-6

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783312011926


Meinen Videotipp zum Buch gibt es hier:

Basel, 26. August 2020, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

PS: Nicht vergessen – Wochenkommentar abonnieren. Kostet nichts, bringt jeden Freitag ein Mail mit dem Hinweis auf den neuen Kommentar, den aktuellen «Medienmenschen» einen Sachbuchtipp und einen Video-Buchtipp auf einen Roman. Einfach hier klicken. Videos dazu gibt es auf meinem Youtube-Kanal.

Bild: Mirko Ries

2 Kommentare zu "Claude Cueni: «Ich halte halbe Wahrheiten für die schlimmsten Fakes»"

  1. Wenn die Mehrheit vor allem wissen will, was noch mehr Profit bringt und was noch mehr Spass macht, ist Online oder Print nicht die entscheidende Frage, sondern: Was kann ich tun, um nicht zu denen zu gehören, die ins Nichts fallen?

  2. Claude Cueni, welcher meines Wissens in Neuallschwil lebt, ist ein bemerkenswerter Zeitgenosse. Geschichten werden durch ihn lebendig. Wenn er durch Kirchen oder alte Gemäuer streift, bemerkt man das wahre Interesse bei Ihm darüber.
    Auch ist er klug. Er ist seit langem der erste Interview-Gast, welcher auf die 17. Frage, jene über Trump, nicht einfach flapsig antwortet: „Diese Frage ist mit zu trumplastig“, sie also nicht beantwortet; oder pauschalisierend Antwortet „Trump ist in allem ungut“ und gar nicht erst auf die Fragestellung eingeht. Er hat Anstand seinem Gegenüber gegenüber und befasst sich mit der ihm gestellten Fragestellung. Chapeau und Danke sowie weiterhin viel Erforlg und die nötige, wichtige, grosse Portion Gesundheit.

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