Charles Liebherr: «Medien sind schlechte Aufklärer»

Publiziert am 14. Juli 2022 von Matthias Zehnder

Das 185. Fragebogeninterview über Mediennutzung – heute mit Charles Liebherr, der als Korrespondent von Radio SRF aus Brüssel über die EU und die Benelux-Länder berichtet. Er sagt, die Informationsquellen vieler staatliche Organisationen in der Schweiz seien immer noch nicht zeitgemäss. «Da würde der Schweiz ein Schub Europa guttun.» Liebherr warnt vor Fake News und Desinformation: «Wer regelmässig die Berichte von DisInfoEU liest, kann sich ein Bild davon machen, was uns noch bevorsteht.» Er selbst schwört auf Podcasts: «Es kann kein Leben ohne gute Geschichten im Ohr geben.» Die Hörgeschichten von  Radio France oder RTBF/Auvio seien so gut, dass «Storytelling» ein französischer Begriff sein müsste. Liebherr befürchtet, dass in der Schweiz «zu viele Medien offensichtlich ungelesen und ungehört bleiben, weil sie anspruchslos geworden sind.» 

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Vor dem Frühstück: «La Matinale» von Le Monde. Das ist Weltwissen im Tinderformat. Café und Müesli geniesse ich mit der Familie am Tisch ohne Ablenkung.

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram? 

In der Welt der Europäischen Union kreist viel um Twitter. Facebook nutze ich unter einem Pseudonym, was sinnlos und anachronistisch ist, also passend. Instagram macht mir mehr Mühe als Freude.

Wie hat das Corona-Virus Deinen medialen Alltag verändert?

Das Home-Studio ist technisch noch raffinierter geworden. Ich arbeite im Büro, zuhause oder unterwegs ohne Einschränkungen. Das ist befreiend, zumal fast alle Medienanlässe in der EU nun hybrid durchgeführt werden. Wo ich früher physisch dabei sein musste, habe ich heute zwei Optionen. (Virtuelle) Ortswechsel sind ein Zeitgewinn. Das erweitert den Horizont merklich.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter? 

Arbeitstechnisch war die Vergangenheit eine Katastrophe. Die Informationsquellen vieler staatliche Organisationen in der Schweiz sind immer noch nicht zeitgemäss. Da würde der Schweiz ein Schub Europa guttun. Wer, wie ich, den Blick von aussen auf die Schweiz werfen darf, kann festhalten, dass qualitativ guter Durchschnitt dominiert. So wie früher. Ausserhalb der Schweiz erkenne ich heute aber mehr Ambitionen, überdurchschnittlich gut zu informieren.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Nur geschriebene Worte haben Zukunft, auch im Radio. Denken, formulieren und dann schriftlich etwas festhalten – das schafft Struktur. Das erleichtert unabdingbare Differenzierung.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Bücher, so viele wie nur möglich.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Ein schlechtes Buch lege ich weg. Ein Buch, das mir Mühe macht, versuche ich zu bewältigen, in der Hoffnung, etwas Überraschendes zu finden. Vieles verdient eine zweite Chance, aber nicht drei. Es gibt zu viele hervorragende Bücher.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Im Kino, in Museen, in Ausstellungen bei Begegnungen, im Zug und gelegentlich eine musikalische Empfehlung bei Spotify, oder bei Castro eine Podcast-Suggestion.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Nicht mehr lange.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Fake-News sind eine Gefahr, weil sie sie immer häufiger gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden, auch von Medienschaffenden. Wer regelmässig die Berichte von DisInfoEU liest, kann sich ein Bild davon machen, was uns noch bevorsteht. Medien sind schlechte Aufklärer. Den Geist der Aufklärung sollten Schulen vermitteln.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen? 

Ich nutze meine Zeit lieber gezielt, nunmehr seit Jahrzehnten. 

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Es kann kein Leben ohne gute Geschichten im Ohr geben. Radio France oder RTBF/Auvio bemühen sich seit immer, mich mit Nachschub zu überraschen. Wortgeschichtlich müsste «Storytelling» ein französischer Begriff sein. Das beweist «L’incroyable expédition de Corentin Tréguier au Congo».

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 55 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehört?

Das bedeutet, dass in Schulen falsch unterrichtet wird und zu viele Medien offensichtlich ungelesen und ungehört bleiben, weil sie anspruchslos geworden sind. Wenn ich das Informations-Angebot für junge Menschen in den Service-Public Angeboten in Belgien und den Niederlanden sehe, vermute ich aber, dass die Zahl der Deprivierten tiefer liegt. 

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Ohne Automatisierung kein Buchdruck und keine Aufklärung. Distribution ersetzt aber keine Inhalte. Nur wenn geniale Fussballerinnen zum Tor «einköpfeln», lässt sich das Überbringen dieser frohen Botschaft des 1:0 automatisieren. Das ist aber nicht match-entscheidend.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Es werden heute wundervolle Romane verfasst auf Computern mit Spracherkennung. Die kritische Lektorin ist immer ein Mensch. Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Medien- oder Journalismus-Apokalypse. Auch umgekehrt nicht.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Ja, das braucht jede Demokratie. Aus dem gleichen Grund gibt es staatliche Kulturförderung. Entscheidend ist deren Organisation. Sie sollte grundsätzlich liberal sein und Wettbewerb fördern und grösstmögliche Vielfalt provozieren. Nur dann ist sie gesellschaftlich akzeptabel.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Vom Kopf über die Hand etwas auf Papier zu bringen, ist anstrengend und darum äussert nützlich, Belangloses wegzulassen. Ich versuche möglichst viel von Hand zu notieren. Dieser Fragebogen zwingt mich, eine häufige Ausnahme zu machen.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Die Chiffre «Trump» ist und bleibt entlarvend und leider keine Ausnahme. 

Wem glaubst Du?

Wenn ich meine Brille aufhabe, glaube ich meinen Augen. Auch meinen Ohren und der Nase.

Dein letztes Wort?

A-Dieu.


Charles Liebherr
Charles Liebherr studierte an den Universitäten Basel und Lausanne und absolvierte ein Nachdiplomstudium am Europa-Institut. Bei SRF arbeitet er mit Unterbrüchen seit 1995 in verschiedenen Funktionen für Radio, Fernsehen und Online. Als Korrespondent berichtete er bis 2018 von umwälzenden Jahren in Frankreich und seit Ende 2019 aus Brüssel über die Europäische Union, die Benelux-Länder und jenen Teil der Schweizer Aussenpolitik, der sich mit Europa eher schwertut.
Twitter: @srfcharlemagne
Website:
www.srfcharlemagne.eu


Basel, 14. Juli 2022, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Seit Ende 2018 sind über 180 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier:

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Bild: SRF/Severin Nowacki

Ein Kommentar zu "Charles Liebherr: «Medien sind schlechte Aufklärer»"

  1. Möge Ch. Liebherr bei der Antwort: „Gedruckte Tageszeitungen gibt es nicht mehr lange“ unrecht haben…..
    Wäre schade, das Rascheln, die Haptik, das Stromlose, die Aufmachung, die Gestaltung, das Format, der Raum, der Leerraum, die Wohltat für Augen mal ohne Display was zu lesen….
    On verra!
    Ansonsten empfinde ich die Antworten monoton, schablonenhaft, gleichförmig.
    Es ist DIE Brille für alles: Pro EU, Pro Medienförderung auf ewig, Pro SRF, Contre Trump.
    Wie praktisch – es ist DIE Mainstreamweltenbrille. Einmal aufsetzen (und nie mehr auswechseln) genügt. Andere Belichtungen, Sichtweisen, Ansichten und Ideen werden bei diesem Exemplar einfach und bequem ausgefiltert. Man sieht nur noch das, was man sehen will.
    Wo sind die kritischen, wachen, konfliktfähigen Geister der Medienschaffenden von Früher? Kämpfer fürs Andere, fürs Ver-rückte, für Eigen- und Sonderheiten. Eingeschlafen unter der Pensionskassensicherheitsdecke, unter dem SUVA-Unfalschutzkissen und weiteren Wohlfühlannehmlichkeiten der SRG-„Rundum-sorglos-Paket“-Angestellten.
    Kann man bei SRF arbeiten und kritisch über den eigenen Arbeitgeber berichten? Dilemma der Journalisten? Das Angst, Sicherheit, Frechheit, Wahrheit, Exponiertheit – Delirium beginnt sich im Kopf zu drehen – schneller und immer schneller.
    Denn beim Arbeitgeber SRF zu sein sollte heissen – zuerst mal vor der eigenen Tür den Wischmob zu schwingen bevor der Finger in Wunden anderer gelegt wird – oder reicht diese Meldung NOCH nicht heftig genug dazu aus: …. wenn im SRG-Fernsehen Hitlers SS-Horden mit der SVP gleichgesetzt werden!
    Genug ist irgendwann genug. Und das mit unser aller (Zwangs-) Gebühren, damit SRF gegen eine demokratisch gewählte Partei vorgeht (SVP) und diese mit SS-Schlächtern vergleicht? Scheusslich! Sorry Monsieur Liebherr – bei mir ist jetzt der Zapfen ab! Wollen Sie (nicht nur von mir) wieder ernst genommen werden, wechseln sie zu einem seriösen Medium – Denn bei SRF ist jetzt (so) der Zapfen ab! 3 Min. 47 Sekunden, welche es in sich haben – hier gratis und franko zu schauen.
    Trotzdem: Allen herzlichst einen schönen Sommer!

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