Céline Feller: «Heute erledigt eine Person den Job von gefühlt vier Menschen»

Publiziert am 22. November 2023 von Matthias Zehnder

Das 256. Fragebogeninterview über Mediennutzung – heute mit Céline Feller, Leiterin des Ressorts «Sport Basel» bei der «bzBasel». Sie sagt, die Belastung in allen Medienhäusern sei aufgrund der Sparzwänge grösser geworden. «Aber es ist nicht alles schlechter.» Die digitale Kommunikation habe ich vieles verbessert und «es gibt Medien, die nur online existieren und cool sind.» Sorgen macht ihr die Medienabstinenz der jungen Menschen. Sie findet, «dass wir uns mehr Mühe geben müssen, diese Altersgruppe mit Themen anzusprechen.» Dazu gehöre es auch, «die Themen attraktiv über Bild, Video oder Audio zu verkaufen. Diese Altersgruppe ist für die Zukunft der Medien enorm wichtig. Wir müssen sie begeistern.» Die Digitalisierung könne dabei helfen, aber Journalismus lasse sich nicht automatisieren. Ein Roboter könne «keine Hintergrundgespräche führen, keine Beziehungen aufbauen und Emotionen aufnehmen, filtern und wiedergeben.» Kurz: «weil ein Roboter sich keine Meinung bilden kann.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Zugegebenermassen: Ich frühstücke eigentlich nie, die paar Minuten Schlaf mehr sind mir wichtiger. Als erstes – auch ohne Frühstück – greife ich am Morgen aber jeweils zur «bz» und zum E-Paper der «Basler Zeitung». Ausserdem klicke ich mich durch die Push-Benachrichtigungen und lese dann jene, die meinen Job betreffen als erstes. Also meist solche vom «Blick» oder der «NZZ». An einem gemütlichen Samstag oder Sonntag, wenn mehr Zeit vorhanden ist, greife ich als erstes zur «Süddeutschen Zeitung».

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram, YouTube, TikTok und BeReal?

Die beiden letzten nutze ich gar nicht. YouTube sehr selten, meist dann, wenn ich ein Koch-Tutorial brauche oder Videos von Fussball-Spielern anschaue, die der FC Basel neu verpflichtet hat. Facebook nutze ich sporadisch, weil ich dort verschiedenen englischen Zeitungen folge. Twitter brauche ich täglich, um mich über das Weltgeschehen und über den Fussball zu informieren. An einem Arbeitstag ist das Tweetdeck immer offen. Und Instagram, da verbringe ich vielleicht sogar zu viel Zeit drauf. Ich nutze es zum Zeitvertrieb, zur Kommunikation – privat und beruflich -, als Informationsquelle, als Inspirationsquelle und auch einfach zum Spass.

Wie hat das Corona-Virus Deinen medialen Alltag verändert?

Nicht gross. Wenn, dann insofern, dass ich mehr Zeitungen via E-Paper lese, weil ich die Ausgaben nicht physisch zu Hause im Homeoffice habe.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Sofern die früheren, goldenen Jahre denn wirklich so toll waren, wie alle sagen, müsste man sagen, dass früher alles besser war. Und auch wenn man bedenkt, welche Sparzwänge alle Medienhäuser leider haben. Heute erledigt eine Person den Job von gefühlt vier Menschen. Die Belastung ist sicher höher geworden als früher.

Aber es ist nicht alles schlechter. Durch die moderne Kommunikation ist auch vieles besser geworden, es gibt Medien, die nur online existieren und cool sind.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Unbedingt! Es wird immer Leute geben, die sich gerne per Zeitung über das Geschehen informieren, oder die es geniessen, in die Welt eines Buches abzutauchen. Die Liebe zum geschriebenen Wort wird, hoffe ich, nie aussterben. Dafür gibt es noch immer zu viele Menschen, die es lieben, zu lesen. Wie ich.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Den Sportteil der «bz»! Nein, Spass beiseite. Etwas spezifisches herauszupicken, finde ich schwierig. Aber ich versuche, jeden Tag mindestens ein, zwei Texte aus Ressorts zu lesen, die mich eigentlich sonst nicht speziell interessieren. So lerne ich täglich etwas dazu, entdecke vielleicht neue Interessen und eröffne mir neue Themen, über die ich reden kann.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Mittlerweile kann ich sie weglegen. Früher habe ich mich damit schwergetan. Heute weiss ich aber, dass ich in der Zeit, in der ich das schlechte Buch zu Ende lesen würde, nur ein gutes Buch verpassen würde. Mit schlechten Artikeln geht es mir übrigens mittlerweile gleich.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Im Gespräch mit anderen Menschen, beim Zeitunglesen, beim Radiohören, beim Tramfahren, beim Bier in der Lieblingsbeiz, auf Twitter. Die Quellen sind variabel, so auch die Themen, die mich dann plötzlich interessieren.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Vielleicht nicht mehr so lange, wie uns das allen lieb wäre … Ich mag gar nicht daran denken. Aber: Immerhin wird es Tagesjournalismus – und auch den anderen Journalismus – stets weiter online geben. Verloren geht diese Sparte also nicht.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Eher eine Gefahr. Ich denke dabei an ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit: Da wurde die Homepage der «bz» gefaked, mit ihrem Layout in den einschlägigen FCB-Newsplattformen Fake News gespreaded und dem Ruf der Zeitung damit unweigerlich geschadet. Und es wird, finde ich, auch immer schwieriger, zu verifizieren, was echte und was Fake News sind.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Ich höre eigentlich jeden Morgen «Radio Basilisk», um mich von mir bekannten Stimmen über die News in der Region informieren zu lassen und beim ersten Kaffee auch ein bisschen Musik im Hintergrund zu haben. Beim Autofahren läuft das Radio ebenfalls oft. Und der Fernseher, der gehört einfach dazu. Natürlich läuft da ganz, ganz viel Fussball, aber auch anderer Sport, die «Tagesschau», Filme, Serien … Mein Aufnahme-Speicher platzt bald. Schliesslich braucht es für jede Stimmung den richtigen Film oder die richtige Serie. Also ja, der TV ist hoch im Kurs zu Hause.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ich muss zugeben: Ich bin eine ganz, ganz schlechte Podcast-Hörerin. Ich weiss nicht wieso, aber es packt mich einfach kaum. Ich höre Musik und Radio, liebe es zu lesen und wie gerne ich TV schaue, habe ich ja eben offenbart. Aber Podcasts … Den Einzigen, den ich mir einigermassen regelmässig anhöre, ist «Die Dritte Halbzeit» von Tamedia, weil dort das Fussballgeschehen der Schweiz besprochen wird und ich so einen Überblick darüber habe, was abseits vom FCB passiert. Privat höre ich nur «Klick & Rush», einen Podcast über den englischen Fussball.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Dass wir uns mehr Mühe geben müssen, diese Altersgruppe mit Themen anzusprechen. Dazu gehört es auch, die Themen attraktiv über Bild, Video oder Audio zu verkaufen. Diese Altersgruppe ist für die Zukunft der Medien enorm wichtig. Wir müssen sie begeistern.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Gewissermassen sicher, ja. Auch wir bei der «bz» nutzten Schreibroboter für die Berichterstattung über untere Fussballliegen. Aber ganz lässt sich der Journalismus nicht automatisieren. Weil ein Roboter keine Hintergrundgespräche führen kann, keine Beziehungen aufbauen und Emotionen aufnehmen, filtern und wiedergeben kann. Weil ein Roboter sich keine Meinung bilden kann. Er kann Fakten analysieren und sachlich wiedergeben. Aber interpretieren und analysieren, das sind Dinge, wofür es den Menschen braucht.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Weder noch. Sie ist teilweise eine grosse Chance, aber auch eine gewisse Gefahr.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Ich denke schon, ja. Wenn wir wollen, dass am Ende nicht alles vereinheitlicht wird, sondern die Möglichkeiten da sind, die breite Masse und deren Meinung abzudecken. Vielfalt geht nur mit einer gewissen Förderung.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Sehr oft sogar, ja. Interviews bereite ich immer von Hand vor, Notizen mache ich auch oft von Hand. Nur wenn ich gegen die Uhr anschreibe, dann ist es oft unvermeidbar, direkt zum Laptop zu greifen. Aber etwas, was von Hand geschrieben ist, prägt sich mir immer besser ein. Und es ist persönlicher. Ich hatte auch ganz lange eine physische Agenda.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Schlecht.

Wem glaubst Du?

Den Leuten, die mir wichtig sind in meinem Umfeld.

Dein letztes Wort?

Adiós!


Céline Feller
Céline Feller leitet seit Dezember 2021 das Ressort Sport Basel bei der «bzBasel». Bereits 2011 absolvierte sie im Sport-Ressort der «bz» ihr erstes Praktikum und wusste schnell: «Das ist mein Traumjob». Sie hat deshalb das Studium in Deutsch und Geschichte abgebrochen und arbeitet seit zehn Jahren bei der «bz». Sie hat das MAZ absolviert, war in verschiedenen Ressorts tätig (Online, Basel-Stadt) und arbeitet seit 2016 ausschliesslich für den Sportteil. Heute berichtet sie hauptsächlich über den FC Basel und sonstige Geschichten aus dem Fussball.
https://www.bzbasel.ch/


Basel, 22. November 2023, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Seit Ende 2018 sind über 250 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/

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3 Kommentare zu "Céline Feller: «Heute erledigt eine Person den Job von gefühlt vier Menschen»"

    1. Ich gehe mit Ihnen einig, dass es nicht immer möglich ist. Siehe dazu meine Ausführungen im «Medientalk» auf SRF hier: https://www.srf.ch/audio/medientalk/medientalk-der-grosse-stellenabbau-bei-der-tx-group?id=12478338 (zweite Hälfte der Sendung). Das macht aber das Umgekehrte nicht wahr: Es heisst nicht, dass es nie möglich wäre und dass es nicht offensichtlich gefälschte Nachrichten gibt. Céline nennt als Beispiel eine gefälschte Zeitungsseite der «bz». Da müssen wir nicht darüber diskutieren, ob «es nach dem Prinzip „Entweder-Oder“ immer nur die eine Wahrheit geben würde», wie Sie schreiben. Es ist eine Fälschung, wie wir sie derzeit häufig sehen. Das untergräbt das Vertrauen in alle Medienangebote.

  1. Mit dem „Entweder-Oder-Muster“ denke ich eher an undifferenziert pauschalisierende Qualifizierungen, wo die einen das eine, und die andern das Gegenteil behaupten. – Was Wahrheiten betrifft, so gibt es nach meinem Verständnis unter anderem : 1. Lügen (bewusst in die Welt gesetzte Unwahrheiten); 2. Unwahrheiten mangels des richtigen Wissens; 3. zutreffende Wahrheiten, die gesagt oder geschrieben werden; 4. Wahrheiten, die nicht gesagt oder geschrieben werden (wenn diese Unterlassung bewusst erfolgt, finde ich es besonders verwerflich); 5. Wahrheiten, die absichtlich als Fake gestempelt werden.

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