Bruno Ziauddin: «Superlative und Absolutismen sind eine Medienkrankheit»

Publiziert am 14. Juni 2023 von Matthias Zehnder

Das 233. Fragebogeninterview über Mediennutzung – heute mit Bruno Ziauddin, Chefredaktor von «Das Magazin». Er erzählt, er habe kürzlich einen Artikel aus einem 80er-Jahre-«Tagimagi» gelesen. «Der ungelenke Text hätte heute keine Chance gedruckt zu werden, man würde den Autor in einen Schreibkurs schicken.» Was ihn heute skeptisch macht, ist «dieser Ruf nach ‹Lesernähe›.» Der grosse News-Schwall und die «Social-Media-Kakophonie» bedeuten ihm vielmehr, «dass man das Publikum mit Selektion, Klarheit, Originalität, Qualität und Haltung für sich gewinnt als mit anbiedernder Auf-Augenhöhe-Prosa.» Deshalb mag er auch den «fraternisierenden Ton nicht besonders, der mir in Podcasts begegnet» und sagt: «Ich erlebe gute Artikel als konziser, absichtsvoller, weniger mäandernd.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Ich frühstücke nicht. Aber bei einer halben Kanne Kaffee lese ich die Printausgaben von NZZ und «Tagi». Den Rest digital: FT, NYT, «Süddeutsche», «Guardian», «Le Monde», «New Yorker» und «Atlantic».

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram?

Instagram interessiert mich nicht, Twitter macht mir Angst, und zum Ü-50-Medium Facebook habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits muss ich dort miterleben, wie ein sich für progressiv haltender Medien-Szeni einen rassistischen Post zu Tina Turner absondert, derweil seine maximal undiverse CH-Blase mit Lachern und Likes reagiert. Andererseits: Wo sonst hätte ich die berührende Geschichte aus der «Nepali Times» gefunden, in der eine Journalistin über das Patriarchat in ihrem Land schreibt?

Wie hat das Corona-Virus Deinen medialen Alltag verändert?

Ich bin stur. Meinen Alltag verändert so rasch nichts.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Alles? Superlative und Absolutismen sind eine Medienkrankheit, vor der leider auch ich nicht gefeit bin. Die Wahrheit ist oft nuancierter. Neulich habe ich einen Artikel aus einem 80er-Jahre-«Tagimagi» gelesen. Ich dachte: Der ungelenke Text hätte heute keine Chance gedruckt zu werden, man würde den Autor in einen Schreibkurs schicken. Neulich habe ich auch einige Artikel aus einer 90er-Jahre-«Weltwoche» gelesen. Ich dachte: Läck, waren die gut – frech, frisch, originell.

Was mich heutzutage skeptisch macht: dieser Ruf nach «Lesernähe». Der 24/7-News-Schwall und die Social-Media-Kakophonie bedeuten möglicherweise, dass man das Publikum eher mit Selektion, Klarheit, Originalität, Qualität und Haltung für sich gewinnt als mit anbiedernder Auf-Augenhöhe-Prosa.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

[Verlässt aus Protest über die ungehörige Frage den Saal.]

Was soll man heute unbedingt lesen?

Journalistinnen und Journalisten sollten sich beim Lesen fordern, um klüger zu werden und besser zu schreiben – Romane, Weltblätter, Essays und Sachbücher von Leitintellektuellen, aussergewöhnlich geschriebene Biografien.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Ich habe Ausdauer.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Zum Beispiel über den Newsletter «The Sample». Und beim Small Talk.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

31.3.2032

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Wie könnten Verdummung, Lüge und Hetze je eine Chance sein?

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Fast nur noch für Sportübertragungen. (Bei S. Ruefer ohne Ton.)

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Bin eher ein Leser. Ich mag diesen fraternisierenden Ton nicht besonders, der mir in Podcasts begegnet («Hi Barack, schön Dich wiederzusehen; als wir 2017 zusammen im Urlaub waren, sagtest Du mir …»). Auch erlebe ich gute Artikel als konziser, absichtsvoller, weniger mäandernd. Aber klar: Ezra Klein ist stark, und im deutschen Sprachraum finde ich zum Beispiel Jagoda Marinić interessant.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 55 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Das ist jetzt wahrscheinlich eine schwache Antwort: Ich befasse mich kaum mit solchen Fragen. Ich mache möglichst kompromisslos mein Ding, so lange man mich lässt und so lange ich den Eindruck habe, dass es jemanden interessiert. Zudem: Als ich selbst zur genannten Altersgruppe gehörte, was ziemlich lange her ist, war ich im Fussballverein. Ich bin nicht sicher, ob meine damaligen Mannschaftskollegen wesentlich besser informiert waren als junge Menschen von heute.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Als Journalistenschüler besuchte ich einen Kurs bei einem dieser selbstbewussten «Spiegel»-Menschen. Ich glaube, der Kurs hiess «Die Nachrichtenmagazin-Story». Der Typ hat uns eine Regel nach der anderen diktiert, wie so eine «Story» aufgebaut zu sein hat, was wann wie drinstehen sollte. Es gab mit anderen Worten schon immer Journalismus, der automatisiert respektive schablonisiert war. Was trotzdem bleiben wird und vielleicht noch wichtiger wird: Nischen für das Individuelle, Unerwartete, Erratische, Verblüffende, Einzigartige, Lebendige.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Kommerziell sieht es für einen Mini-Markt wie die Deutschschweiz leider eher nach Agonie aus. In Bezug auf Recherchetiefe, Transparenz und Überprüfbarkeit hat die Digitalisierung viel Gutes gebracht.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Ja, sicher.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Nur so viel: Ich bin Linkshänder und wurde in der ersten Primar gezwungen, auf rechts umzustellen.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Warum sollte jemand, der den Hass auf Journalismus schürt, gut für die Medien sein?

Wem glaubst Du?

Grundsätzlich: meiner Frau. Selektiv: Jeder Person, die von einer Sache mehr versteht als ich – unserem AD bei Layoutfragen, der Digitalchefin bei Onlinestrategien, meinem Freund Michael bei der Analyse der Nati-Spiele.

Dein letztes Wort?

Als Longform-Journalist bin ich ungeeignet für Ein-Wort-Botschaften.


Bruno Ziauddin
Bruno Ziauddin, Jahrgang 1965, Sohn eines indischen Ingenieurs und einer Schweizer Krankenschwester, aufgewachsen in Zürich, Studium der Politologie, Geschichte und Volkswirtschaft in London, seit dreissig Jahren im Journalismus, zweifacher Träger des Zürcher Journalistenpreises, Autor von vier Büchern, heute Chefredaktor von «Das Magazin». Letzte Buchveröffentlichung: «Woher kommst du? Identitätsfragen und andere Zumutungen», erschienen bei essais agités 2021.
https://www.tagesanzeiger.ch/das-magazin


Basel, 14. Juni 2023, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Seit Ende 2018 sind über 200 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/

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