Köppel zeigt unfreiwillig, wie düster eine Zukunft ohne SRG wäre

Die «Weltwoche» hat am Montag ein eigenes Videoformat lanciert: «Weltwoche Daily» heisst der Videopodcast, den Roger Köppel in der erste Ausgabe unbescheiden als «neues Nachrichtenformat der Weltwoche» und als «Ausbalancierung der Dauerberieselung durch unser zwangsgebührenfinanziertes Fernsehen und Radio» bezeichnet. Was bietet die erste Ausgabe? Was ist davon zu halten? Bietet die «Weltwoche» der SRG die Stirn – oder ist das bloss ein weiterer Videopodcast? Eine kleine Analyse.

«Meine sehr verehrten Damen und Herren, ganz herzlich willkommen zu ‘Weltwoche Daily’, die andere Sicht, am 22. Januar 2018. Das ist die erste Sendung des neuen Nachrichtenformats der Weltwoche.» So begrüsst Roger Köppel seine Zuschauer im Video (abzurufen hier auf Youtube und hier auf der Weltwoche-Website). Köppel grinst immer mal wieder spitzbübisch, im Hintergrund läuft CNN, neben ihm steht eine halb ausgetrunkene Glastasse – es sieht nach einem Tee crème aus. Köppel fährt fort: «Ich werde ihnen ab jetzt jeden Tag – also fast jeden Tag, Montag bis Donnerstag – jeweils ab 16 Uhr 30 die wichtigsten Nachrichten des Tages ausgewählt und pointiert aus anderer Sicht nach Hause liefern … bevor dann die SRG mit ihrem zum Teil etwas eingefärbten, einseitigen Sound ihre Sicht der Dinge darstellt. Weltwoche Daily ist Ihr neues, unverzichtbares Nachrichtenformat zur Ausbalancierung der Dauerberieselung durch unser zwangsgebührenfinanziertes Fernsehen und Radio.»

Bietet die Weltwoche also jetzt der SRG die Stirn und baut ein Konkurrenzformat auf? Zeigt Köppel, dass es auch anders geht und dass man Fernsehen auch ohne Gebühren machen kann? Wohl eher das Gegenteil. Die knapp 23 Minuten lange Sendung zeigt vielmehr, was die Zuschauerinnen und Zuschauer von einem Fernsehen erwarten können, das sich nicht über Gebühren refinanzieren kann: Trashigen Talk, schlechte Bildqualität, mässigen Sound und viel einseitige Meinung. Kurz: «Weltwoche Daily» ist ein Videopodcast, teilweise interessant, ähnliche Formate gibt es im Internet viele. Eine lustige Ergänzung zur gedruckten Weltwoche – aber sicher kein Fernsehen. Und schon gar keine Konkurrenz zur SRG.

Das Setting

Köppel spricht in eine Kamera, die seitlich an seinem Schreibtisch fest montiert ist. Vor ihm befindet sich ein Schwenkarm mit einem grossen Mikrofon (samt Plopp-Schutz), wie man es etwa in Radiostudios sieht. Der Schreibtisch, an dem Köppel sitzt, ist mit Papier bedeckt, eine Tastatur ist sichtbar, im Hintergrund steht ein Radio, der Fernseher läuft, ein Büchergestell mit einigen Büchern ist sichtbar. Köppel ist schlecht ausgeleuchtet, er wirkt vor hellem Hintergrund eher dunkel. Es ist ein Setting, wie man es von Videopodcastern im Internet gewohnt ist.

Die Inhalte

Köppel spricht in der ersten Ausgabe drei Themen an: das World Economic Forum, die NoBillag-Initiative (mit Talkgast Eric Gujer) und die Grosse Koalition in Deutschland. Der «Beitrag» über das WEF ist eine Art gesprochenes Editorial. Köppel zählt die Kritikpunkte auf, die unter anderem der «Tages-Anzeiger» formuliert hat und verteidigt dann die Veranstaltung. Das zweite Thema, NoBillag, führt Köppel kurz ein. Er bezeichnet die Rhetorik der Initiativgegner als propagandistisch und findet es «grundvernünftig, zu fordern, dass man als Konsument sein Geld frei ausgeben kann.» Er habe Sympathien für die «NoBillag-Leute» weil die SRG viel zu gross geworden sei. Dann spielt Köppel ein Gespräch mit NZZ-Chefredaktor Eric Gujer ein, das er vorher per Skype aufgezeichnet hat.

Das Gespräch mit Gujer zeigt, wie rührend das Vorhaben ist, quasi aus dem «Hosensack» die SRG konkurrenzieren zu wollen. Gujer ist über eine Skype-Verbindung zugeschaltet, die immer mal wieder ruckelt. Er schaut nie in die Kamera, sondern ist von schräg unten, wohl von einem Notebook aus, aufgenommen. Er schaut also auf einen Punkt irgendwo rechts über dem Kopf des Zuschauers und scheint im Laufe des Gesprächs zu vergessen, dass er auf Skype ist. Dass er nicht in der Nase bohrt, ist grad alles – ein Verhalten, wie man es von Videokonferenzen kennt. Gujer sagt: «Ich bin kein Gegner des Service public, wirklich nicht, ich sehe, was der Service public alles leisten kann, aber im Moment sind wir in einer totalen Schieflage.» Die Schieflage bestehe darin, dass der private Mediensektor zunehmend mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen habe, während sich die SRG dank steigender Gebühreneinnahmen immer weiter habe ausdehnen können. Das Missverhältnis entstehe vor allem da, wo SRG und private Verleger aufeinander stossen: im Internet. Das ist lustig, weil Gujer sich in genau diesem Internet auf der privaten Website eines Verlags äussert und damit quasi den Gegenbeweis antritt.

Das dritte Thema, die Suche nach einer Regierungskoalition, bezeichnet Köppel als «mitleiderregendes Spektakel». Dazu hat Köppel mit Dirk Schümer gesprochen, Reporter für «Die Welt» in Berlin. Köppel bezeichnet ihn als glänzenden Autor, der die Wirklichkeit beschreibe und nicht nur die political Correctness bediene. Das Gespräch mit Schümer wurde per Handy geführt, entsprechend ist die Tonqualität. Dazu wird im Weltwoche-Video ein Portraitfoto eingeblendet. Der Erkenntnisgewinn des Gesprächs hält sich in Grenzen, die beiden Protagonisten bestätigen sich gegenseitig ihre Urteile über Angela Merkel.

Zum Schluss von «Weltwoche Daily» beantwortet Roger Köppe eine Leserfrage zu fremden Richtern zwischen der Schweiz und der EU (Köppel sagt, die Schweiz drohe, ihre demokratischen Rechte an Brüssel zu verlieren), dann folgt noch der Trailer zu «Darkest Hour», dem neuen Churchill-Film mit Gary Oldman. «Das müssen Sie sich anschauen».

Wertung

Was ist vom neuen Videoformat der Weltwoche zu halten? Ist es, wie Köppel es ankündet (und wie Persoenlich.com hier schreibt) ein «Gegengewicht zur SRG-Dauerbeschallung»? Bringt das Format die wichtigsten Nachrichten des Tages? Bringt es überhaupt etwas?

«Weltwoche Daily» ist ein Video-Podcast, der auf unterhaltsame Art und Weise die Sicht von Roger Köppel und seiner Weltwoche transportiert – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Natürlich bringt Köppel nicht «die wichtigsten Nachrichten des Tages», sondern redet zu drei Themen, die ihn grad interessieren. Natürlich ist das alles andere als technisch versiert oder auch nur einigermassen sauber. So ist das Internet, es reicht. Köppel zeigt, wie man im Internet mit bescheidenen Mitteln unterhaltsame Beiträge produzieren kann. Aber es ist definitiv nicht Fernsehen.

Köppel zeigt vor allem, wohl eher unfreiwillig, was auf die Schweizer Zuschauerinnen und Zuschauer zukäme, wenn die NoBillag-Initiative angenommen und so der SRG die finanzielle Basis entzogen würde: Trashiges Talk-TV. Das Problem ist dabei weniger die einseitige Sicht. Köppel bleibt Köppel – anders als die SRG ist er ja auch nicht zu Ausgewogenheit verpflichtet. So, wie das Weltwoche-Videoformat daherkommt, sieht kostengünstiges TV aus: Reden, reden, reden – so, wie man es von amerikanischen Sendern kennt. Viele US-Sender zeigen sehr wenige Beiträge – dafür lange Sequenzen, in denen Moderatoren mit Politikern, Politberatern, Politjournalisten und anderen Moderatoren reden. Genau das macht Köppel.

Fazit: «Weltwoche daily» ist nicht eine Alternative zur SRG, sondern die Warnung vor einer Zukunft ohne SRG.

Nachtrag: «Weltwoche daily» ist kostenpflichtig. Der Videopodcast allein kostet 16 Franken im Monat (Quelle: hier), macht 192 Franken im Jahr (das entspricht ab 2019 mehr als der Hälfte der Radio- und Fernsehgebühr).

Basel, 23. Januar 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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