Die «Republik» ist da. Grund zum Jubeln?

Am Sonntag ist die «Republik» endlich online gegangen. Endlich, weil seit Monaten auf allen Kanälen in den höchsten Tönen vom Medien-Start-up die Rede ist. Im Frühjahr 2017 hat das «Project R» die erfolgreichste Crowdfunding-Kampagne aller Zeiten hingelegt. Mit Hilfe von 3000 Vorab-Abonnenten wollten die Initianten rund um Constantin Seibt und Christof Moser 750’000 Franken aufnehmen – dieses Ziel war bereits am ersten Tag erreicht. Am Ende der Sammelfrist hatten sich fast 14’000 Interessenten eingeschrieben und der Plattform vorab sagenhafte 3,4 Millionen Franken überwiesen. Laut Branchendienst Persoenlich.com hat die «Republik» bis zum Start über 1000 weitere Abonnenten gewonnen und zählt heute über 15’500 «Verlegerinnen und Verleger», wie das Projekt seine Abonnenten nennt. Zusammen mit dem Geld von Investoren hat das Projekt jetzt 7,7 Millionen Franken zur Verfügung. Die Finanzierung sei damit für zwei Jahre gesichert.

Die «Republik» hat sehr hohe Ambitionen: Das Magazin will nichts geringeres, als die Demokratie retten: Ohne Journalismus keine Demokratie. Und ohne Demokratie keine Freiheit. So steht es im Manifest der Republik. Diese hohen Ambitionen und der Grosserfolg im Crowdfunding haben die Erwartungen an die «Republik» ins Unermessliche steigen lassen. Kann das Magazin diese Erwartungen erfüllen?

Unüblich solide für ein Onlineprojekt

Das Magazin macht auf den ersten Blick einen sehr soliden Eindruck. Seibt hatte im Vorfeld versprochen, die «Republik» wolle jeweils nicht den ersten Text zu einem Thema schrieben, sondern den letzten. Solche Texte sind nun tatsächlich online. Etwa ein Text über Facebook als Manipulationsmaschine, der mit einer Länge von über 6000 Wörtern das sprengt, was in einer normalen Zeitung möglich ist. Ein spannendes Interview mit der Linguistin Elisabeth Wehling über politisches Framing. Ein Stück über Angela Merkel als Verhandlerin. Ein Text von Daniel Binswanger, der so (vielleicht etwas kürzer) auch im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» hätte stehen können. Überhaupt erinnern der journalistische Duktus, die grafische Sprache und die Themen an das «Magazin», an die «Süddeutsche» und an die «Zeit». Übrigens auch die Qualität: Die Texte sind (eher unüblich für ein Onlineprodukt) sehr sorgfältig aufgemacht und produziert.

Die Leserinnen und Leser werden trotzdem mit leiser Enttäuschung feststellen, dass auch die vielgelobte Revolution des Journalismus, die doch Freiheit und Demokratie retten soll, wie jede Zeitung vor allem aus viel Text besteht. Es sind gute Texte, kein Zweifel, aber es ist keine Onlinerevolution, die da über die Bildschirme flimmert. Technisch ist das Magazin sehr sauber gemacht, es sieht auf allen Bildschirmgrössen gut aus, ob kleines Handy oder iPad pro, ob Macbook oder Superbreitbildschirm im Büro – eine saubere Sache. Aber keine Revolution. Zum Glück nicht. Denn genau das haben wir von der «Republik» erwartet: Lesestoff, Denkstoff, aber keine Kinkerlitzchen.

Das wirklich Revolutionäre an der «Republik»

Das wirklich Revolutionäre an der «Republik» ist nämlich nicht der hochstehende Inhalt oder die funktionierende Technik, sondern die Finanzierung. Das Projekt ist unabhängig. Es ist nicht abhängig von den Launen der Werbekunden oder den verzweigten geschäftlichen Interessen eines Verlegers. Es ist nicht dazu verdammt, auf Teufel komm raus möglichst viel Aufmerksamkeit für jeden Text zu ergattern. Es kann sich auf gute Inhalte beschränken. Das Revolutionäre der «Republik» ist das Businessmodell: In einem ehemaligen Puff will eine verschworene Truppe von Journalisten beweisen, dass man sich nicht prostituieren muss, um Journalismus machen zu können.

Das ist in einer Zeit, da die NoBillag-Initiative der Schweiz den öffentlich-rechtlichen Rundfunk streichen will und alle grossen Medienhäuser verzweifelt vor allem ihre eigenen Geschäftsinteressen verteidigen, schon sehr viel. Inhaltlich wird der Weg für die «Republik» nicht einfach. Der Schritt von der Vorfreude auf ein vielversprechendes, aber noch nebulöses Projekt hin zur Auseinandersetzung mit dessen konkreter Realisierung wird hart. So mancher Verleger wird hämisch feststellen, dass auch die «Republikaner» nur mit Wasser kochen. Das Spezielle an diesem Wasser ist aber, dass es niemandes Mühle betreiben muss.

Deshalb heisse ich die «Republik» im Internet herzlich willkommen und wünsche ihr alles Gute. Und ich hoffe, dass sie nach dem 4. März nicht das einzige, unabhängige Medium in der Schweiz ist. Denn dass das Businessmodell eines Onlinemediums zur Retterin der Schweizer Demokratie werden könnte, zeigt eindrücklich, wie schlecht es um das Mediengeschäft in der Schweiz bestellt ist – und wie wichtig es ist, das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Schweiz zu erhalten.

Basel, 15. Januar 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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