Politik aus der Tube

Immer mehr jungen Menschen sind «Tagesschau» und «10vor10» zu kompliziert und Zeitungen sind eh zu langweilig. Die Folge: Mehr als die Hälfte der jungen Schweizerinnen und Schweizer konsumieren keine Nachrichten mehr. Medien aber sind hoch im Kurs: Soziale Medien, Kommunikation per WhatsApp – und Youtube. Da boomen politische Videoformate – allerdings haben die häufig einen politischen Drall. Und häufig nach rechts. Doch es gibt Alternativen. Mein Medientipp: Politik aus der Tube – wo Politiker auf Youtube ihren Senf dazugeben.

Immer mehr junge Menschen interessieren sich nicht mehr für Nachrichten: Laut dem Zürcher Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) zählen 53 Prozent der 16- bis 29-Jährigen zur Gruppe der sogenannten News-Deprivierten, die nur sporadisch Informationen zur Kenntnis nehmen. Sie konsumieren lieber Unterhaltung. Laut der Studie hat das Fernsehen seine Vormachtstellung als Informationsmedium verloren: 43 Prozent der Schweizer Bevölkerung beziehen inzwischen die Nachrichten vor allem über digitale Kanäle. Unter den Jungen beträgt dieser Anteil sogar 75 Prozent. Siehe hier.

Digitale Kanäle, das sind die sozialen Medien Facebook, Twitter, Snapchat und Instagram – und vor allem die Videoplattform Youtube, die zum Google-Konzern gehört. Auf Youtube sind natürlich alle grossen Fernsehstationen mit Videos präsent, aus der Schweiz etwa SRF mit einem generellen Kanal (hier) und mit eigenen Kanälen für Dok-Filme, Kultur, Comedy, Musik und andere Sparten. Nur wenige Inhalte davon wurden speziell für das Web produziert. Ein Beispiel für reine Onlinevideos ist TrueTalk. Nicht präsent auf Youtube ist SRF News. Die Nachrichtenabteilung von SRF produziert zwar Newsclips für Facebook, nicht aber für Youtube.

Interessant an YouTube ist aber natürlich, dass nicht nur Fernsehstationen Videos veröffentlichen können, sondern quasi jedermann. YouTube bietet also jungen Journalisten (und anderen) die Chance, sich direkt und ohne Umweg über Fernsehsender und Senderichtlinien an ein junges Publikum zu wenden. Ein Publikum, das den arrivierten Sendern zunehmend den Rücken dreht, weil es das Interesse an den althergebrachten Politritualen verloren hat.

Jung und naiv

Ein Beispiel für einen solchen Kanal ist «Jung und naiv». Ziel: Politik für Desinteressierte. Moderator Tilo Jung nimmt für seine 160’000 Abonnenten die Rolle eines naiven, jungen Mannes ein und stellt seinen Gästen unvoreingenommene Fragen. Die Gäste werden grundsätzlich geduzt und dürfen keine Fremdwörter verwenden. Die Gespräche sind so gehalten, dass sie ein (aufgeweckter) 14jähriger versteht. Unter den Gesprächspartnern finden sich Politikerinnen und Politiker, aber auch der ehemalige, griechische Finanzminister Yanis Varoufakis oder der Philosoph Richard David Precht. Während des Bundestagswahlkampfs 2013 wurde «Jung & Naiv» mit einem Stipendium von Google unterstützt. Das Format ist gut gemacht und glaubwürdig umgesetzt.

Jung und naiv: https://www.youtube.com/user/Nfes2005

LeFloid

Der bekannteste, deutschsprachige Newstuber und mit über drei Millionen Abonnenten einer der meistabonnierten Youtube-Kanäle Deutschlands ist «LeFloid». Tonlage: «Hallo Ihr Hübschen, schön dass Ihr alle wieder dabei seid und ein herzliches, fettes Dankeschön und Hallöchen an alle Neuen.» Naja. LeFloid trägt eine Kappe und seine News sind nicht von Pappe. Oder so. LeFloid, mit bürgerlichem Namen Florian Diedrich, hat der Berliner Humboldt-Universität Psychologie und Rehabilitationspädagogik studiert. Etwa zweimal die Woche produziert er «LeNews», eine Art Nachrichtensendung mit News aus den Themenbereichen Schule, Politik, Verbrechen, Sport und Skurilitäten. Anders als «Jung und naiv» will LeFloid nicht aufklären oder informieren, sondern unterhalten. Sein Motto: Es passiert viel in der Welt! Egal ob lustig, furchtbar, zum Schreien, oder einfach Unfassbares. Lasst uns drüber sprechen!

LeFloid: https://www.youtube.com/user/LeFloid

KenFM

Tilo Jung und LeFloid sind Youtuber, die keine eigene politische Mission haben. Ganz anders sieht das bei vielen Youtube-Kanälen aus, die sich dezidiert als Alternative zu den «gleichgeschalteten Mainstreammedien» verstehen. Ein Beispiel dafür ist «KenFM», der Youtube-Kanal von Ken Jebsen, der sich in der Rolle des friedensbewegten, amerikakritischen Schnellsprechers mit grossen Zweifeln an der offiziellen Version des 11. Septembers und anderen hegemonialen Diskursen über das Weltgeschehen (NZZ vom 11.3.2017) übt. Bis 2011 war Jebsen als Moderator beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) tätig. 2011 entliess ihn der Sender wegen Verstössen gegen journalistische Standards des rbb. Seither betreibt er die Website und den Youtube-Kanal «KenFM», macht immer mal wieder mit extremen bis abstrusen Behauptungen von sich reden und stellt sich explizit mit Donald Trump gegen die «Mainstream Medien des Establishments».

KenFM: https://www.youtube.com/user/wwwKenFMde

 

Auffallend stark präsent und gut vernetzt sind auf Youtube politisch weit rechts stehende Kanäle. Auf Youtube schafft sich die Rechte um die AfD ihr eigenes Paralleluniversum. Und Youtube hilft kräftig dabei mit. Das ist das Ergebnis einer Studie von Jonas Kaiser und Adrian Rauchfleisch. Die beiden Kommunikationswissenschaftler aus Harvard und Zürich haben untersucht, welche Kanäle Youtube den deutschen Nutzern empfiehlt. Die Kanäle von AfD, NPD, Russia Today (RT) und der identitären Bewegung seien nur einen Klick weit voneinander entfernt.

Achse des Guten

In der Tat scheinen rechte Kommentatoren auf Youtube ihr Publikum zu finden. Ein prominentes Beispiel aus Deutschland dafür ist Henryk M. Broder und seine «Achse des Guten». Das ist ein Blog, der dem Neokonservativismus nahesteht (und lange auch mit der «Weltwoche» zusammengearbeitet hat). Broder ist übrigens ein scharfer Kritiker von Ken Jebsen. Seine Kritik an Jebsens «Israel-Hass und Antiamerikanismus» war einer der Gründe für die Entlassung von Jebsen bei rbb. Auf Youtube pflegt die «Achse des Guten» den Kanal «Achgut.Pogo». Henryk M. Broder veröffentlicht darin «Broders Spiegel», Kurzkommentare, in denen er einen kleinen Spiegel befragt: Spieglein, Spieglen an der Wand, was ist los in diesem Land? und sich selbst aus dem Spiegel die Frage beantwortet.

Achgut.Pogo: https://www.youtube.com/channel/UCLkHXX5R9S_qFZuCMGHWMrQ

Teleblocher

Und Schweizer Inhalte? Präsent aber mit sehr überschaubarem Erfolg ist «Teleblocher», die Interviewsendung von Matthias Ackeret mit Alt-Bundesrat Christoph Blocher. Der Kanal hat keine 2500 Abonnenten. Das könnte darauf hindeuten, dass die Inhalte von Ackeret und Blocher vor allem ältere Menschen erreichen, welche die Videos nicht auf Youtube, sondern direkt über die BlocherTV-Website abrufen (wobei auch die Abrufzahlen der Videos sehr bescheiden sind). Ausgerechnet der Schweizer Pionier der Video-Polit-Propaganda kann also vom Boom der Politik auf Youtube nicht profitieren. Nicht auf Youtube präsent ist übrigens Roger Köppel mit «Weltwoche Daily». Das Format ist Abonnenten vorbehalten.

TeleBlocher: https://www.youtube.com/user/BlocherTV

Tamara Wernli

Doch die Schweiz hat auch Rising Youtube Stars, zum Beispiel Tamara Wernli. Die ehemalige Telebasel-Redaktorin Tamara Wernli hat sich als Bloggerin und Kolumnistin selbstständig gemacht und betreibt auf Youtube ihren eigenen Kanal mit ihrer Videokolumne. Darin frotzelt sie gegen #MeToo, schwärmt von ihrer Heimat (die sie auf keinen Fall in den Plural gesetzt haben will) und beschwert (will heissen: freut) sich darüber, dass sie auf der Twitter-Block-Liste von Jan Böhmermann steht. Tamara Wernli macht das frisch und fröhlich, weit entfernt von rechtem Gepolter. Ihr Lohn: Bereits über 20’000 Abonnenten.

Tamara Wernli: https://www.youtube.com/channel/UChBJrKb8HB1ViYagR7a-K4g

 

Und jetzt? Wie ist das Politik-Angebot auf Youtube zu werten? Zunächst einmal: Auf deutsch sind nicht gar so viele Inhalte verfügbar, aus der Schweiz schon gar nicht. Auffallend ist die Zurückhaltung der öffentlich-rechtlichen Anbieter. Sie überlassen das Feld derzeit weitgehend Polit-Kommentatoren mit starkem Drall (meist nach rechts). Es wäre wünschenswert, wenn SRF ihre Nachrichtenkompetenz dazu nutzen würde, auch auf Youtube ein interessantes Angebot auszurollen. Allerdings müsste es deutlich spritziger sein als die (für Youtube-Verhältnisse) altbackene «Tagesschau».

 

Drei Empfehlungen

Die «Tagesschau» der ARD ist auf Youtube mit einem umfangreichen Angebot präsent. Die Filme stammen aus der Fernseh-Tagesschau und wirken, verglichen mit Clips für Jugendliche, richtig erhaben, aber es ist eine seriöse Newsquelle auf Youtube. Immerhin. Die Videos zeigen aber auch, wie weit die Öffentlich-rechtlichen vom Youtube-Standard entfernt sind – Ballenberg-Videos statt Polit-Clips.

Tagesschau: https://www.youtube.com/user/tagesschau

 

Wesentlich zeitgemässer und spritziger informiert der französischsprachige Kanal «Data Gueule» (etwa: Datenmaul oder Datenfresse). Der Kanal produziert nicht viele Filme. Doch die, die verfügbar sind, haben es in sich. Das neuste Werl ist ein eineinhalbstündiger Film über den Zustand der Demokratie, der mit Hilfe eines Crowdfunding-Projekts finanziert wurde. Zu sehen sind aber auch kürzere Erklärvideos etwa über den Klimawandel, die weltweite Steuerflucht oder die Globalisierung des Sports. Grafisch sind die Filme top gemacht und schnell geschnitten – bestes Youtube-Futter.

Data Gueule: https://www.youtube.com/user/datagueule

Einer der spannendsten Youtube-Kanäle mit sehr guten Erklärstücken ist Vox. Selbstbeschreibung: Vox hilft Dir, Dich im Lärm zurechtzufinden und zu verstehen, was zu den Ereignissen in den Schlagzeilen und in unseren Leben geführt hat – von Steuern über Terrorismus bis Taylor Swift. Die Inhalte decken in der Tat eine breite Palette ab. Schwerpunkte gibt es zum Klimawandel, zu Wissenschaft und Technik, aber auch zu Nachrichten, Politik und Kultur auf der ganzen Welt. So stelle ich mir ein zeitgemässes Angebot auf Youtube vor.

Vox: https://www.youtube.com/user/voxdotcom

Fazit: Es fehlt ein Schweizer Angebot, das Politik ohne Bullshit (auch) für junge Zuschauer so auf den Punkt bringt, dass sie sich nicht langweilen.

Kennen Sie andere, spannende, gut gemachte Youtube-Angebote über Politik oder Nachrichten? Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare.

Basel, 24. Oktober 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Ein Kommentar zu Politik aus der Tube

  1. Thomas Zweidler sagt:

    Es liegt an Vielem, dass die „klassischen“ Medien immer weniger Beachtung finden. Z.B. zu wenig „Action“ für die Jungen, zu teuer (Bezahlzeitungen, Jahresabo je rund 500 Fr. für BaZ und BZ), weniger Zeit in der Freizeit (Feizeitstress) usw… ZUDEM wurde gestern bekannt gegeben, dass die Qualität des Journalismus in den CH-Medien zurückging. Eine offizielle Studie. AUCH DAS kann und wird ein Grund sein. Die heutigen Journalisten sind (ich weiss, es ist verallgemeinert) einfach nicht mehr so gut wie die früheren. Heute will jedes Arzt-Töchterli Journalistin werden. Jeder total unbegabte Maturand will scheiben oder zum SRF… (weil jeder weiss, wie schön die es dort haben…). Jeder politisch ideologisch gefärbte Jungspund will zu den Medien, um seine persönliche Meinung insgeheim einfliessen zu lassen….. -MINU (Hans-Peter Hammel) schrieb einmal, als ER noch die Journalistenschule besuchte, wurde ihnen eigetrichtert: Neutral schreiben, neutral schreiben, neutral schreiben. Ausgewogen. Und immer sachlich. Eigene Meinungen sind klar abgegliedert in der Kommentarspalte niederzuschreiben. Und nur dort. Sauber getrennt. -MINU fiel auf, dass heute gemixt wird wie ein Fruchtsalat. Es wird die eigene Ansicht mit Fakten im gleichen Satz angereichert. Es wird geschüttelt und gerührt wie hinter der Bar, so seine Worte. Vielleicht sind die Journalisten somit eben auch ein bisschen selbst Schuld an dieser Entwicklung…. (nebst anderen Faktoren).
    Auf die früheren Werte besinnen wäre durchaus wieder angesagt.
    ZUDEM – aber das weiss der geneigte Leser ja schon längst – interessiert der CH-Medien-Einheitsbrei heute niemand mehr… Und es wird immer einheitsbreiger. Zur Zeit wird die BaZ in Tamedia-Konzern einverleibt. Die selben Texte in Zürich, Bern und Basel. Alles schön linksliberal. Immer nett. Immer (pseudo-)sozial. Und wenns ernst wird, wird’s trotzdem hart… Keine gute Entwicklung, schreibt auch Manfred Messmer heute auf arlesheimreloaded.ch (24. 10.2018 – Blocher, sag beim Abschied leise Servus).
    Die teils lustigen, intelligenten, teils böden und doofen You-Toube Kanäle sind da gewiss eine Bereicherung. Natürlich muss man immer an deren Wahrheitsgehalt zweifeln. Trotzdem – der neuen Technikveränderung sei Dank. Es sind neue Farb- und Lichttupfer im Medienkonsum.
    „Kennen Sie andere, spannende, gut gemachte Youtube-Angebote über Politik oder Nachrichten?“ fragten Sie am Schluss Ihres Kommentares. Ja, gerne, da hätte ich noch etwas hinzuzufügen:
    Ein sehr gut gemachtes Portal ist dies von Nationalrat Thomas Matter mit dem Titel „In den Sümpfen von Bern“. In untenstehendem Präsentations-Link greift er übrigens ein eminent wichtiges Thema unseres Landes auf: Die Selbstbestimmungsinitative. Viel Vergnügen beim Zusehen. Und viva Youtube. Die Welt ist – und bleibt bunt!

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