Die «Republik»: Eine App für die Nacktschnecke

Inhaltlich hat die «Republik» von Anfang an Massstäbe gesetzt. Medientechnisch hat das digitale Magazin jedoch noch Luft nach oben. Eine grosse Lücke hat die «Republik» dieser Tage gestopft: Es gibt das Magazin jetzt als App. Bloss: Abgesehen von einem vereinfachten Anmeldeprozess bietet die App keinerlei Mehrwert. Warum ich die «Republik» als Nacktschnecke empfinde und die App trotzdem empfehle.

Die «Republik» ist ein grosser Erfolg: Das neue Internet-Magazin hat nicht nur die erfolgreichste Crowdfunding-Kampagne hingelegt, die es im Medienbereich je gab, die «Republik» hat seit dem Start auch publizistisch überzeugt. Dabei denke ich nicht einmal in erster Linie an die Artikelserie über das Bündner Baukartell, mit dem die «Republik» den Bündner Regierungsratswahlkampf aufgemischt hat. Nein: Insgesamt bietet die «Republik» viel Substanz. Sie gibt nicht nur viel (sehr viel) zu lesen, sondern auch zu denken. Bloss in einem Punkt hat mich persönlich die «Republik» enttäuscht: Sie ist eine Nacktschnecke geblieben. Es ist eine Zeitung ohne Haus.

Ich meine damit nicht die physische Adresse, sondern das Erscheinungsbild auf dem Bildschirm: Nicht nur auf dem Handy, auch auf dem iPad und dem Computer präsentiert sich die «Republik» fast ohne Rahmen, ohne Hülle, ohne editorische Geste, ohne Haus darum herum. Eine Nacktschnecke. Seit es das Feuilleton gibt, hat sich das ein kleines bisschen gebessert, weil die «Republik» die Inhalte nicht mehr nur chronologisch untereinander auf den Bildschirm aufreiht, sondern wenigstens ein kleines bisschen ordnet. Immerhin kann man oben jetzt wählen zwischen Magazin, Feuilleton, Feed und Rubriken. Man hat aber nach wie vor das Gefühl, dass die Journalisten ihren Inhalten nur die allernötigste Form geben möchten. Es ist, als möchten sie die Inhalte fluid behalten, um den Leser möglichst nicht zu beeinflussen, was er wie lesen soll. Bloss: Man kann nicht nicht kommunizieren. Auch Nichtgestaltung ist eine gestalterische Aussage.

Verstehen Sie mich recht: Mich stört das, weil ich die Inhalte so gut finde. Es einfach schade, dass die «Republik», bei dem guten Wein, den sie serviert, ihre Leserinnen und Leser quasi zwingt, ihn aus der Flasche zu trinken. Ein Vorbild, wie man das sehr zurückhalten machen kann, ist für mich «The Atlantic»: Das amerikanische Magazin beschränkt sich auf ganz wenige, grafische Elemente, setzt die aber sehr bewusst zur Leserführung ein. Wenn ich die «Republik» lade, habe ich keine Übersicht. Ich erhalte den Eindruck, dass ich eine Zeitung durch ein Schlüsselloch lese. «The Atlantic» schafft auf der Homepage Übersicht durch Gewichtung und eine sinnvolle Anordnung der Inhalte.

«The Atlantic» schafft mit einer Magazin-Oberfläche Orientierung, nimmt sich aber sonst zurück.

Die «Republik» hat quasi keine Oberfläche: Der Leser muss direkt aus der Flasche trinken.

Auch «Atlantic» hat einen chronologischen Feed, Latest wirkt aber übersichtlicher als Feed der «Republik». Die einzelnen Beiträge wirken bei beiden Magazinen äusserst aufgeräumt: Da gibt es nichts als Text und ab und zu ein gutes Bild. «Atlantic» hat darüber hinaus aber dieses kleine Etwas, das dafür sorgt, dass ich mich im Text nicht verloren fühle.

Der Feed der «Republik»: Die Artikel in chronologischer Reihenfolge,

Die Feed-Ansicht des «Atlantic»: Es wirkt angerichtet.

Und das gilt auch für die App, um zum eigentlichen Thema meines Medientipps zu kommen: Die «Republik» hat eine App kreiert und abgesehen davon, dass (endlich) das mühsame Wiedereinwählen per E-Mail entfällt, bietet die App im Vergleich zum Browser keinerlei Funktionalität. Ob ich auf meinem iPhone die «Republik» im Browser oder mit der App ansehe – es gibt keinen Unterschied. Und das ist schade. Grafisch nutzt die «Republik» auch in der App nur die Vertikale. Es gibt keine Horizontale Dimension (man kann nur nach unten wischen, es geht nie seitwärts).

Was man sich zum Beispiel wünschen könnte, wäre eine Möglichkeit, sich Artikel zu merken und in der App zu speichern (für den Fall, dass man grade keine Netzverbindung hat, wie etwa in einem Flugzeug). Ich muss nicht betonen, dass «Atlantic» genau diese Möglichkeit anbietet. Vielleicht könnte man die Möglichkeit anbieten, Themen zu abonnieren, so dass man notifiziert wird, wenn ein Artikel zu einem Thema erscheint. Oder man könnte es attraktiver machen, Artikel zu teilen.

Links die App von «Atlantic», rechts die App der «Republik».

Ich glaube, dass sich die «Republik» mit dieser hyperzurückhaltenden Gestaltung, indem sie den Leser quasi immer in den Schlüssellochmodus zwingt, Chancen vergibt: Sie verbaut dem Leser die Chance, Themen zu entdecken, die ihn nicht interessieren. Umberto Eco nennt dieses Phänomen Serendipity: das Über-die-Ränder-Lesen. Wir kennen das von der guten, alten Zeitung: Wir wollen eigentlich den Leitartikel auf seite 15 lesen, ertappen uns dann aber dabei, dass wir ein Stück über den neuen Roman von Karen Duves lesen oder einen Hintergrund über Wasserentsalzung oder eine Statistik über die Verletzungsserie beim FC Basel. In einer gedruckten Zeitung oder einem Magazin begegnet man beim Blättern Dingen, die man nicht sucht, weil man immer wieder über die Ränder schielt. Das setzt aber voraus, dass es da Ränder hat, dass die Publikation über eine editoriale Präsenz verfügt, die mich zu Dingen verlockt und verführt, von denen ich noch gar nicht weiss, dass sie mich interessieren. In diesem Sinne ist die «Republik» für mich eine Enttäuschung.

Davon abgesehen kann ich das Magazin und deshalb auch die App nur empfehlen.

Die App gibt’s kostenlos für iOS und Android an den üblichen Orten, die «Republik» gibt es hier: https://www.republik.ch/

Basel, 19. September 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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