Der Abschied vom Papier hat begonnen

Wer Zeitung sagt, denkt an Papier – und manchmal auch an Altpapier. Das dürfte bald vorbei sein: Auch in deutschsprachigen Raum ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Zeitungen weitgehend digital erscheinen. Der erste Titel, der öffentlich so umwälzende Pläne wälzt, ist die deutsche Tageszeitung «taz»: Zum 40. Geburtstag schaut sie vorwärts in Jahr 2022 – und sieht digital. Warum der Abschied vom Papier ausgerechnet bei der linken, kapitalismuskritischen «taz» beginnt, lesen Sie in meinem Medientipp von dieser Woche.

Was früher untrennbar zusammengehörte, geht nun getrennte Wege; das Zeitalter der gedruckten Zeitung ist zu Ende, der Journalismus lebt im Netz weiter. Das schreibt Karl-Heinz Ruch, der Geschäftsführer der deutschen Tageszeitung «taz» in der «Mitgliederinfo Nr. 28». Zwar haben die meisten Verlage heute eine Digitalstrategie. In den meisten Fällen soll das Digitale aber die gedruckte Zeitung ergänzen, nicht ersetzen. Und das gilt sowohl in publizistischer, wie in ökonomischer Hinsicht. Doch die gedruckten Zeitungen verlieren so rasch an Boden, dass die digitalen Ausgaben bald nicht mehr Ergänzung, sondern Ausweg sein werden. Als erste, deutschsprachige Zeitung hat nun die Berliner «taz» genau das angekündigt.

In seinem Artikel schreibt «taz»-Geschäftsführer Ruch weiter, der Zeitungsvertrieb sei weitgehend zu einem aufwändigen Papier-Recycling geworden: die Zeitungen würden am frühen Morgen an die Kioske ausgeliefert, um am Abend zu neunzig Prozent wieder als Altpapier dort eingesammelt zu werden. Dazu kommt, dass das Print-Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert: Die Anzeigenerlöse brechen mit einer Heftigkeit ein, die auch Fachleute überrascht. Das Problem: Den meisten Verlagen fehlt ein Geschäftsmodell, ja: ganz überhaupt eine Strategie für die Nach-Print-Zeit. Und genau diesbezüglich soll ausgerechnet die linke, kapitalismuskritische «taz» den anderen Blättern ein paar Schritte voraus sein?

So ist es. Und Ruch schreibt, das sei nichts Neues: Als in London die Setzer der «Times» noch für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze streikten, hätten die «taz»-Techniker in West-Berlin bereits moderne Workflows, die auf der Basis von Fotobelichtungen entwickelt. Wir gehörten zu den ersten, die 1994 ihre komplette Druckausgabe ins Internet stellten. Wir haben nicht nur seit langem eine digitale Publikationsstrategie, sondern mit «taz zahl ich»auch ein funktionierendes, weil solidarisches Geschäftsmodell.

Die «taz» hat gerechnet und ein «Szenario 2022» vorgelegt. Das Szenario zeigt: Wenn die gedruckte «taz» unter der Woche wegfällt, fallen auch erhebliche Kosten für Druck und Vertrieb weg. Wenn es die Zeitung schafft, bis dann die digitalen Produkte und Vertriebskanäle weiterzuentwickeln, können alle Journalisten weiter beschäftigt werden. Der Weg ins digitale Zeitalter ist kein Spaziergang, gibt auch Ruch zu. Die «taz» sei aber gut aufgestellt und gut gerüstet für eine digitale Zukunft ab 2022.

Die «taz» hat eine verkaufte Auflage von knapp 50’000 Exemplaren und rund 210’000 Leserinnen und Leser (IVW 2/2018). Gelesen wird die Zeitung nicht nur in Berlin. Etwa ein Viertel der Leser wohnt in Bremen, Hamburg, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein. Diese geographische Breite macht den Vertrieb teuer. Dass die «taz» aber eine überregionale Zeitung ist, macht die Digitalstrategie sinnvoll, weil die Digitalisierung zu einer Marktausweitung führt. Die «Freiburger Nachrichten», die «Basler Zeitung» oder der Winterthurer «Landbote» sind typische Lokalzeitungen. Abgesehen von ein paar Heimweh-Fribourgern, -Baslern und -Winterthurern werden diese Zeitungen nur in einer relativ kompakten Region gelesen. Bei der «New York Times» war das vor der Digitalisierung auch so: Im Wesentlichen war die NYT eine Ostküstenzeitung. Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass die «Times» in den ganzen USA, ja auf der ganzen Welt gelesen werden kann – und das wird sie auch. Es war wohl die grösste Enttäuschung für Christoph Blocher, dass die BaZ auch unter Markus Somm, der doch eine Zeitung machen wollte, die den St. Gallern und Bernern die Ohren zum Wackeln bringt, hauptsächlich in Basel gelesen wurde. Der BaZ bringt die Digitalisierung also wenig: Sie konnte ihren Markt nicht ausweiten.

Bei der «taz» ist das anders: Sie kann von der Digitalisierung profitieren. Sie kann zur linken Tageszeitung für ganz Deutschland werden. Es ist deshalb nicht ganz so überraschend, dass die «taz» auf die Digitalisierung setzt. Welche Zeitungen in der Schweiz könnten dem Beispiel folgen? Es sind meinungsstarke Blätter, Zeitungen also, die nicht einem bestimmten Ort verbunden sind, sondern einer bestimmten Ansicht oder Gestaltungsart. Die Wochenzeitung «WoZ» und die «Weltwoche» können sicher von der Digitalisierung profitieren. Unter den Tageszeitungen hat wohl nur die «NZZ» die Qualität, die es für eine überregionale Publikation braucht. Und die anderen? Die müssen sich an der «taz» ein Vorbild nehmen.

Die «taz» setzt nämlich weder auf eine Bezahlschranke, also eine Paywall, noch auf ein reines, bezahltes E-Paper. Ein Kernstück der Digitalisierungsstrategie ist das freiwillige Bezahlmodell «taz zahl ich»: Das Online-Angebot ist frei verfügbar, wer will, bezahlt eine Art Solidaritätsbeitrag. Das ist nicht nur zukunftsweisend, es hat bei der «taz» auch Tradition: 1979 bezahlten 7500 Menschen nämlich im Voraus ein Abo der «taz», damit die Zeitung überhaupt erst entstehen konnte. Das war also Crowdfunding avant la lettre. Seit 2011 appelliert die «taz» wieder an die freiwillige Solidarität und setzt statt auf die Paywall auf die «Paywahl»: Sie erinnert die Leserinnen und Leser freundlich daran, die «taz» zu unterstützen. Wieviel die Leser bezahlen, ist ihnen selbst überlassen. Über 14’000 Leserinnen und Leser haben bisher schon den «taz zahl ich»-Knopf gedrückt und zahlen regelmässig ein. Geschafft hat die «taz» das, indem sie auf eine solidarische Beziehung zu ihren Leserinnen und Lesern setzt.

Das ist etwas, was viele Schweizer Zeitungen erst wieder lernen müssen: Über Jahrzehnte war der Werbemarkt so lukrativ, dass sich die Zeitungen vor allem in den Dienst der Anzeigenkunden stellten. Jetzt müssen sie erst wieder lernen, die Leserin, den Leser ins Zentrum zu setzen und einen echten Mehrwert zu bieten.

Die «taz» gibt’s hier im Internet zu lesen: https://www.taz.de/
Informationen über «taz zahl ich» gibt es hier: http://www.taz.de/tazzahl-ich/!p4697/

Ganz nebenbei: Wie bei der «taz» können sie auch das Angebot von MatthiasZehnder.ch mit einer einmaligen (oder regelmässigen) Zahlung unterstützen. Die entsprechenden Angaben finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/spenden/

Basel, 26. September 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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