So punktet der Papagei – #5: Varianten schlagen All in One

Publiziert am 28. Juli 2026 von Matthias Zehnder

Wer eine Medienmitteilung, einen Artikel oder eine Rede zu schreiben hat, kennt das: Die KI liefert ein solides Resultat, aber irgendetwas stimmt nicht. Es ist wie Kleider anprobieren im Warenhaus: Alles sieht ordentlich aus, aber wenn man es anzieht, sieht man aus, wie wenn man die Kleider ausgeliehen hätte. Der Einstieg zieht nicht. Der Ton ist leicht daneben. Die Schlussformel wirkt nicht gerade abgedroschen, aber doch reichlich generisch. Was machen wir? Wir überarbeiten den Prompt und schicken ihn erneut ab. Aber das ist, wie wenn wir Kleider im nächsten Warenhaus anprobieren würden: Wir erhalten wieder etwas Solides, das wieder nicht ganz stimmt. Das Problem ist meistens nicht der Prompt: Es ist die Erwartung, dass eine einzige Ausgabe das Optimum liefert. In der fünften Folge meiner Sommerserie geht es deshalb um Varianten: Wer die KI parallel denken lässt, kommt schneller ans Ziel als wer einen einzigen perfekten Text anstrebt.

Ein Sprachmodell generiert Text faszinierend schnell. Das ist sein grösster Vorteil gegenüber einem menschlichen Texter. Aber wir nutzen diesen Vorteil oft nicht wirklich, weil wir die KI nutzen wie einen menschlichen Assistenten. Dem geben wir auch immer nur einen Auftrag und dann feilen wir so lange daran, bis es stimmt. Das ist ineffizient – und es ist die falsche Denklogik für die Arbeit mit KI.

Mit der KI können Sie anders umgehen: Sie können bei der Maschine beliebig viele Varianten anfordern. Anders als ein menschlicher Assistent ist sie nie beleidigt, wenn sie in neun von zehn Fällen für den Papierkorb arbeitet. Bitten Sie die KI deshalb nicht um eine Antwort, sondern um drei oder fünf. «Schreibe drei Varianten des Titels: eine sachlich-informativ, eine provokativ, eine als Frage.» «Formuliere fünf verschiedene Einstiegssätze für diesen Artikel.» «Entwirf zwei Versionen dieses Absatzes: eine für ein Fachpublikum, eine für ein breites Publikum.» Oder auch: «Schlag mir zehn Varianten dieses Titels vor.» Das dauert kaum länger und Sie wählen aus konkreten Optionen statt aus abstrakten Möglichkeiten.

Dasselbe Prinzip können Sie auch auf komplexe Aufgaben anwenden. Wer den Papagei bittet, gleichzeitig zu recherchieren, zu strukturieren, zu schreiben und zu redigieren, bekommt auf allen Ebenen ein durchschnittliches Ergebnis. Besser: Die Aufgabe in Schritte zerlegen und die KI für jeden Schritt separat einsetzen, aber dafür mit Varianten. Erst die Struktur (Folge 4), dann der erste Entwurf, dann die Überarbeitung. Jeder Schritt ist fokussiert und liefert deshalb bessere Resultate als ein einziger, überforderter All-in-One-Prompt.

Varianten lohnen sich besonders am Anfang einer Arbeit, wenn noch unklar ist, wohin es gehen soll. Drei verschiedene Einstiege zeigen oft schneller, welcher Ansatz trägt, als jede Menge Überlegungen im Voraus. Eine kleine Voraussetzung sei dabei nicht unterschlagen: Damit Sie auswählen können, müssen Sie über die Kompetenz verfügen, um die Vorschläge zu beurteilen. Diese Kompetenz brauchen Sie aber ohnehin, sonst können Sie die Verantwortung für das Ergebnis nicht übernehmen.

Zum Ausprobieren

Die KI kann schnell viele Varianten produzieren. Nutzen Sie diese Fähigkeit. Statt einen einzigen perfekten Prompt zu schreiben, bestellen Sie mehrere Varianten und wählen die beste – oder kombinieren die besten Elemente aus mehreren Varianten. Und statt alles auf einmal zu verlangen, zerlegen Sie komplexe Aufgaben in Schritte. Varianten und Fokus schlagen den All-in-One-Prompt immer.

Basel, 28. Juli 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: mz/Claude/ChatGPT

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Quellen:

Steuern Sie selbst, statt sich treiben zu lassen. KI-Vorträge für Menschen, die ihre Zukunft selber gestalten wollen.

 

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