Fünf Tipps für Lese-Gehirnjogging

Publiziert am 19. August 2022 von Matthias Zehnder

Die Lesekompetenz nimmt ab. Immer mehr Menschen sind kaum mehr in der Lage, ganz alltägliche Texte zu verstehen. Ganz zu schweigen von Literatur oder Philosophie. Unsere geistige Welt ist so voller Rolltreppen, dass immer mehr Menschen das (geistige) Treppensteigen verlernen. Zeit, für ein paar Hürden. Ich zeige Ihnen deshalb diese Woche fünf Texte, die garantiert nicht einfach sind: Es sind Texte, die geeignet sind, Ihnen einen heissen Kopf zu verschaffen, weil sie so viel Kraft vom Leser abverlangen. Ich finde, es lohnt sich ab und zu, den Kopf an solchen geistigen Kletterwänden zu stärken. Deshalb kommen hier fünf Tipps für Lese-Gehirnjogging.

Immanuel Kant: «Kritik der reinen Vernunft»

Im Philosophiestudium haben wir manchmal aus schierer Verzweiflung Kant auf Englisch gelesen – auf deutsch sind seine Sätze oft sehr komplex. Wenn Sie Ihren Geist an Kant schärfen möchten, greifen Sie zu seinem erkenntnistheoretischen Hauptwerk, der «Kritik der reinen Vernunft». Kant stellte drei philosophische Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was kann ich hoffen? Mit der «Kritik der reinen Vernunft» beantwortet Kant also seine erste Frage. «Kritik» meint dabei nicht etwa «Beanstandung», sondern vielmehr «Analyse»: Kant setzt sich mit den Möglichkeiten und den Grenzen des Verstandes auseinander.
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Thomas Mann: «Der Zauberberg»

Wenn Sie sich lieber in einen Roman verbeissen möchten, empfehle ich Ihnen, zum «Zauberberg» von Thomas Mann zu greifen. Der junge Hans Castorp reist ins Sanatorium in die Berge und taucht in eine ganz eigene Welt ein. Er wird konfrontiert mit Politik und Philosophie, Liebe und Erotik, aber auch mit Verfall, Krankheit und Tod. Thomas Mann hat auf diese Weise den Klinikaufenthalt seiner Frau in Davos verarbeitet. Im Roman geht es weniger um die äussere Handlung als um die innere Entwicklung von Hans Castrop, die sich in vielen langen Diskussionen über Philosophie, Krankheit und Tod abspielt.
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J. W. Goethe: «Faust. Der Tragödie zweiter Teil»

Der zweite Teil von Goethes Hauptwerk, eines seiner letzten Werke, ist ein schwieriges Stück Literatur, weil Goethe so ziemlich alles darin unterbringt, was ihm wichtig ist. Das Stück enthält zum Beispiel Anspielungen auf mehr als 3000 Jahre Literaturgeschichte. Auch im zweiten Teil lädt Faust, die Hauptfigur des Stücks, grosse Schuld auf sich. Faust wird Künstler, betätigt sich als Finanzberater des Kaisers, begibt sich auf eine Zeitreise durch die Epochen von Literatur und Mystik und scheitert immer wieder. Dennoch wird Fausts Seele am Ende gerettet.
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Gedichte von Klopstock, Novalis, Hölderlin

Wenn Sie sich richtig in Sprache versenken möchten, lesen Sie Gedichte. Als besonders schwierig, besonders ausufernd oder besonders hymnisch gelten die Gedichte von Friedrich Gottlieb Klopstock, Novalis und Friedrich Hölderlin. Sie alle dichteten an der Schnittstelle zwischen Klassik und Romantik und gingen je ganz eigene Wege. Wenn Sie in die Gedichte reinlesen möchten, finden Sie sie hier: Klopstock, Novalis, Hölderlin.

Ludwig Wittgenstein: «Logisch-philosophische Abhandlung»

Wenn Ihnen das alles zu viel ist und Sie mehr nach einzelnen Gedankennuggets suchen, an denen Sie Ihren eigenen Geist veredeln können, empfehle ich Ihnen das «Tractatus Logico-Philosophicus» von Ludwig Wittgenstein. Er wird damit zu einem der Begründer der analytischen Philosophie. Er sagt darin im Prinzip, dass Philosophie letztlich Sprachkritik sei. Das Werk besteht aus einzelnen Sätzen, die so kurz und präzise wie möglich gefasst sind. Schön über den ersten Satz im Buch kann man problemlos eine Stunde nachdenken. Er lautet: Die Welt ist alles, was der Fall ist.
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Basel, 19. August 2022, mz@matthiaszehnder.ch

Matthias Zehnders «Leben digital» hilft Ihnen, mit konkreten Tipps und Tricks das digitale Leben besser zu bewältigen, damit sie mehr Zeit und Energie für jene Dinge (und Menschen) aufwenden können, die ihnen lieb und wichtig sind.

Bild: © stock.adobe.com

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