Die Newsroom-Diskussion: Eine Antwort an Alexandra Stark

Alexandra Stark hat auf ihrem Blog Reloaded meinen letzten Wochenkommentar über die Industrialisierung des Journalismus kritisiert. Ich erlaube mir, Alexandra auf diesem Weg zu antworten, mit dem Ziel, die Diskussion darüber zu vertiefen. Auch aufgrund vieler anderer Reaktionen von Kolleginnen und Kollegen scheint mir, dass das Thema aktuell und wichtig ist (und dass wir Journalisten und Autoren die Diskussion darüber nicht bloss den Medienmanagern überlassen dürfen). Also: Hier meine Antwort an Alexandra Stark.

Liebe Alexandra, ja, Du hast recht. Meine Kritik war sicher nicht ausgewogen. Vielleicht ist der Kommentar auch verunglückt, weil sich zwei Themen vermischten, die Beschäftigung mit der Industrialisierung des Journalismus einerseits und eine abwehrende Haltung gegen eine Zentralisierung der Radioredaktion Bern in Zürich andererseits. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Themen zu trennen.

Mein Ausgangspunkt (nicht des Textes, sondern meiner Beschäftigung mit dem Thema) war ursprünglich nicht der Newsroom, sondern die Industrialisierung des Journalismus und die Frage, wie weit sich Journalismus (nicht Informationsproduktion) automatisieren und industrialisieren (also in Einzelteile zerlegen) lässt. Ich glaube, im Moment sind zwei grosse Entwicklungen sichtbar: Die Tendenz zur «Grossfabrik» à la Tamedia und die Tendenz zur Einzelmanufaktur (wie ich das im Kleinen betreibe, wie Christian Keller das völlig anders mit PrimeNews jetzt macht, wie andere das versuchen). In meiner Wahrnehmung (und nach meiner Erfahrung) pflegen Medienmanager die integrierte und industrialisierte Produktion aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht zu betrachten. Sie messen den Journalismus mit Excel und vernachlässigen dabei, dass Journalismus (nicht Informationsproduktion) eine Stimme, Auktorialität braucht.

Algorithmen für die Datenproduktion

Bei der reinen Informationsproduktion (oder vielleicht besser: Datenproduktion) ist das anders. Wenn es darum geht, möglichst effizient und korrekt Börsenkurse abzubilden, Temperaturangaben, den Zwischenstand eines Fussballspiels oder einen Stau auf der Autobahn zu melden, sind Algorithmen, ist eine automatisierte Informationsproduktion nicht zu schlagen. Da ist Industrialisierung angesagt. Am anderen Ende der Skala befindet sich der Kommentar, der Leitartikel, die Einordnung. Da braucht es Auktorialität, eine Stimme, persönliche Bewertung. Die Frage ist, wo sich der Übergang zwischen den beiden Extremen befindet.

Einige Kritiker, etwa auf Twitter, haben mir unterschoben, ich hätte halt von Algorithmen und Computern im Journalismus keine Ahnung und kritisiere deshalb den Einsatz von Maschinen. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil ich mich seit den 90er Jahren sehr intensiv mit der Digitalisierung im Allgemeinen und von Medienproduktion im Speziellen beschäftigt habe, bin ich kritisch eingestellt. Das hängt sicher auch mit einem persönlichen Schlüsselerlebnis zusammen.

Wie ich einmal beinahe Millionär wurde

In den 90er Jahren wäre ich einmal beinahe Millionär geworden (naja, sagen wir: beinahe für meine damaligen Verhältnisse vermögend). Ich hatte ein Datenbanksystem programmiert, mit dessen Hilfe ich in der Lage war, sehr rasch und effizient Hintergrundtexte über Digitalthemen für Tageszeitungen zu produzieren. Das funktionierte so: Ich schrieb jeden Tag etwa ein Dutzend Meldungen über Ereignisse und neue Entwicklungen in der digitalen Welt sowie kurze Erklärtexte über Begriffe in eine Datenbank. Jeder Text wurde mit Tags versehen (die damals noch nicht so hiessen, es waren einfach Schlagworte und Namen). Auf Knopfdruck konnte ich zu jedem beliebigen Thema Erklärungen und Ereignisse sortiert auf eine spezielle Art in ein Word-Dokument exportieren. Ich musste nur noch eine Einleitung und ein paar Überleitungen schreiben und fertig war ein interessanter Hintergrundtext. Ich praktizierte Lego-Journalismus.

Ich war mit dem System sehr produktiv. Ich nannte es Database driven writing. Ende der 90er Jahre befanden wir uns auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase. Ich war deshalb sehr erfreut, als eine Firma Interesse an meinem System anmeldete und einen Kauf prüfte. Das war meine Chance, Dotcom-Millionär (oder wenigstens etwas in die Richtung) zu werden. Die Firma prüfte das System auf Herz und Nieren und war beeindruckt. Ich sah mich schon im Swimmingpool. Doch dann gab mir die Firma einen Korb. Ich hatte einen Denkfehler gemacht: Ich hatte meine Leistung als Autor unterschätzt. Die Datenbank war nur für mich sehr leistungsfähig. Entscheidend für die Qualität der Texte war aber nicht die Datenbank, sondern der menschliche Autor – ich selbst. Die Datenbank sorgte lediglich für Effizienz. So wurde nichts aus dem Deal und ich habe deshalb bis heute keinen Swimmingpool (und finde mittlerweile, dass es sowieso schöner ist, im Rhein zu schwimmen).

Wir untertechnisierten Journalisten

Ich bin auch heute noch überzeugt, dass der Journalismus (das meint: das Schreiben und Recherchieren) eher untertechnisiert ist. Viele Journalisten sind Phil-Einer, neigen zu leichter Technikphobie und sind deshalb technisch oft sehr simpel unterwegs. Ich habe aber mittlerweile gelernt, dass es für das Endprodukt, einen guten Text, eine gute Seite in der Zeitung oder im Web, vor allem auf den Erzählenden ankommt, nicht auf seine Tools – und dass es einem Text manchmal gut tut, wenn seine Autorin oder sein Autor einige Informationen vergisst. Das Hirn neigt dazu, das richtige zu vergessen.

Das war meine persönliche Erfahrung. Die Ausgangslage heute ist natürlich eine völlig andere. Die grossen Verlage stehen unter riesigem Druck. Ihre Antwort ist: Steigerung von Effizienz und Effektivität mit Hilfe der klassischen Mittel der Industrialisierung – Zentralisierung, Automatisierung und Aufteilung der Fertigung in Einzelschritte. Das bedeutet auch: Journalismus wird über Zahlen gemanagt. Zahlen heisst in vielen Fällen: Zeit (also: Aufwand) und Quote (Klicks im Internet, Zuschauerquote im Fernsehen). Das Resultat davon ist ein immer stärker aufmerksamkeitsorientierter Journalismus. Die Probleme davon habe ich in einem Buch dargestellt.

Zurück zur Verteidigung des Newsrooms durch Alexandra Stark. Du schreibst: «Im Zentrum der Newsroomlogik steht nicht mehr der Kanal, sondern das Ereignis, das Thema, das journalistisch wichtig ist und das durch journalistische Bearbeitung zu einer Geschichte verdichtet wird.» In der Logik des Newsrooms kommt also zuerst die Geschichte und dann der Kanal, nicht mehr umgekehrt.

Die zwei Haken des Newsrooms

Das klingt vernünftig: Ein kompetentes Team von Journalisten beschäftigt sich mit einem Thema, eignet sich Wissen und Informationen an und entscheidet dann, welche Teile davon auf welchem Kanal ausgeliefert werden. Auf diese Weise entstehen bessere Geschichten, als wenn der Onliner, der Zeitungsredakteur und der Radiomann je separat an der Geschichte arbeiten.

Die Sache hat zwei Haken. In der Praxis besteht das «kompetente Team von Journalisten» oft aus einem einzigen Menschen: Statt wie bisher nur einen Artikel zu schreiben oder einen Radiobeitrag zu machen muss unsere Frau oder unser Mann heute einfach auch noch die Vektoren Web und Social Media betreuen – und weil sich Klicks besser messen lassen als Leser, hat Online Priorität. Als Newsroom wird dann bezeichnet, wenn man viele solcher multivektoriell arbeitenden Journalisten in ein Grossraumbüro sperrt, dem man mit Grossbildschirmen den Anschein von Modernität gibt. Wäre es wirklich ein Team, das sich mit der Geschichte beschäftigen kann, sähe die Bewertung deutlich anders aus.

Der Newsroom als Medium

Der zweite Haken: Du, Alexandra, zeichnest eine Matrix mit Geschichte und Kanälen. Das bedeutet: Du gehst davon aus, dass es vormedial eine Geschichte gibt, die sich in unterschiedliche Kanäle abpacken und ausliefern lässt. Als Beispiel führst Du eine Grafik an, die sich für Mobile und Print nutzen lässt. Was natürlich möglich ist. In diesem Fall kann das Medium (die Grafik) auf beiden Kanälen (Print und Mobile) tatsächlich dasselbe sein. Die Frage ist aber: Gilt das auch für die ganze Geschichte im Radio, im Print und Online?

Die Frage ist gleich doppelt zu stellen: Muss eine Geschichte im Radio und in der Zeitung nicht völlig unterschiedlich erzählt werden – und noch grundsätzlicher: sind im Radio und in der Zeitung vielleicht völlig unterschiedliche Stoffe eine Geschichte? Mit anderen Worten: Lässt sich eine Geschichte überhaupt vormedial denken? Als Linguist habe ich erhebliche Zweifel daran. Ich glaube vielmehr: Ein Newsroom ist nur scheinbar kanalneutral. Vermutlich beinhaltet ein Newsroom durch sein Funktionieren in seiner Mechanik eine bestimmte Art von Medialisierung. Ein Newsroom befördert bestimmte Arten des Erzählens und deshalb bestimmte Geschichten. Im Sinne von Marshall McLuhan muss man vielleicht sagen: Der Newsroom ist das neue Medium. McLuhan geht davon aus, dass der Inhalt eines Mediums immer ein anderes Medium ist, insofern ist, wie er es in seinem berühmtesten Diktum formuliert, das Medium die Botschaft. So gesehen sind Newsrooms vielleicht wirkungsmächtiger als uns bewusst ist.

Das Boot, in dem wir sitzen

Als Fazit schreibst Du, Alexandra: «Wir sitzen alle im selben Boot. Und die Wahrheit ist: Wir kennen alle die Lösung nicht. Und die Lösung wird kein Zustand sein, sondern ein sich dauernd weiter entwickelnder Prozess. Im Moment ist der Newsroom meiner Meinung nach die beste Organisationsform, um solche Aufgaben zu managen.»

Mit dem ersten Teil Deines Fazits bin ich einverstanden. Den zweiten Teil würde ich relativieren: Für grössere Medienprojekte kann es sein, dass der Newsroom eine gute Organisationsform ist. Teamwork ist wichtig und im Multikanal-Zeitalter unabdingbar. Aber vergesst mir die Autorinnen und Autoren nicht. Und vergesst nicht, dass wir Journalisten den Medienmanagern, die den Journalismus bloss mit betriebswirtschaftlichen Zahlen in Excel-Tabellen messen wollen, etwas entgegenhalten müssen. Auf dieses Etwas kommt es an.

Basel, 14. August 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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5 Kommentare zu Die Newsroom-Diskussion: Eine Antwort an Alexandra Stark

  1. Lieber Matthias
    Vielen Dank für deine ausführliche und prompte Antwort. Das schätze ich sehr! Ich glaube, wir sind gar nicht weit auseinander. Das Thema ist sehr komplex und es gibt viele Einflussgrössen (z.B.: wie gross ist die Redaktion und gibt es pro Thema mehrere Leute oder nur jemanden). Ich teile deine Vorbehalte, was den Einfluss von Medienmanagern angeht. Allerdings: Das ist ihr Job und der ist im Moment auch nicht lustig… Dass sie so viel Einfluss haben, ist auch die Folge davon, dass viele Journalistinnen und Journalisten sich zu wenig aktiv einbringen (z.B. auch deshalb, weil sie mit Technik wenig am Hut haben, auch diese Einschätzung teile ich, oder weil sie sich nicht organisieren und wehren).
    Zu deiner interessanten Frage: «Lässt sich eine Geschichte überhaupt vormedial denken?» Ich glaube schon, zumindest lässt sich eine Geschichtemultimedial denken (was will ich sehen, was will ich schauen, was will ich hören, was will ich lesen?). Und parallel dazu muss man sich überlegen, welches Versprechen die Medienmarke in ihren einzelnen Kanälen abgibt. Und dann kann man schauen, welche Parallelverwendung oder Koordination der Recherche Sinn macht. Ich unterrichte am MAZ übrigens genau das im Kurs «Multimedia-Storytelling» (http://www.maz.ch/journalismus-kurse/kurs/multimedia-storytelling-konzept-planung-grundlagen-1/bereich/240/thema/einzelkurse/ansicht/show/kurse/). Wenn du magst, bist du herzlich eingeladen, da reinzuschauen. Es würde mich sehr wunder nehmen, was du dazu sagst! Und vielleicht schaffen wir es mal auf einen Kaffee für all die anderen interessanten Fragen?
    Herzliche Grüsse, danke für deine immer anregenden Gedanken und weiterhin frohes Tun, Alexandra

  2. Pingback: Hau den Newsroom! – Journalism Reloaded

  3. Pingback: Eine Newsroom-Debatte | MEDIENWOCHE

  4. Jakob sagt:

    Ist der ominöse „Newsroom“ nicht einfacher als Machtzentrum zu verstehen, genauso wie sich alle Manager am liebsten nur mit dem Thema Strategie befassen möchten?
    Beides steht für die Macht, Entwcklungen und/oder Produkte steuern zu können.
    Ich finde in einem grossen Medienhaus gehört der newsroom in die Marketing Abteilung, weil es um die Frage geht, wie eine Geschichte auf die jeweiligen Kanäle angepasst und zeitlich abgestimmt werden soll (Wieso dies eine NZZ bis heute nicht sauber hinkriegt ist mir rätselhaft).
    Kurz: Journalisten braucht es nicht im Newsroom, sie müssen in Ruhe (vom Newslärm) arbeiten können, d.h. die Chefs müssen Ihnen diese Freiräume erkämpfen (im Druck gegen die Produktivitätsmessung).
    Dies als Betrachtung eines Aussenstehenden.

  5. Lieber Jakob, entschuldigen Sie, dass ich erst jetzt antworte. Die Info, dass Sie auf meinen Kommentar geantwortet haben, ist im Spamfilter hängen geblieben. Danke für Ihren Blick von aussen, der ist sehr wichtig! Ich teile Ihre grundsätzliche Einschätzung, dass Journalisten in Ruhe arbeiten müssen. Aber nicht alle, denn die News müssen ja auch erstellt werden! Dass der Newsroom in die Marketing-Abteilung gehört, finde ich nicht. Die Entscheidung, was auf welchem Kanal erzählt wird, ist eine journalistische Aufgabe und muss, damit Ressourcen effizient eingesetzt werden können, am Anfang der Arbeit stehen. Für den schnellen Newsteil hat sich ein Grossraumbüro bewährt, für die Hintergründe nicht. Deshalb finde ich Ihren Punkt richtig: Es gibt auch Newsroom-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Ruhe haben müssen und nicht im Grossraumbüro arbeiten sollen. Aus diesem Grund sage ich ja: Newsroom kann ein grosser Raum sein, muss aber nicht. Es ist vor allem eine neue Organisationslogik. Herzliche Grüsse! Alexandra Stark

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