Buchtipp

Woher kommt der Hass?

Publiziert am 10. Januar 2020 von Matthias Zehnder

Bereits seit 20 Jahren messen Sozialwissenschaftler und Sozialpsychologen in Umfragen eine höhere Bereitschaft zu nationalistischen oder rassistischen Haltungen, also eine Bereitschaft zu latent rechtsextremen Einstellungen. Stark verbreitet unter diesen Menschen ist der Hass. Laut Vorurteil sind es arme, abgehängte Menschen, Zukurzgekommene, Frustrierte. Doch das stimmt nicht: Hass und ein Hang zu Rechtsextremismus findet sich in der ganzen Gesellschaft. Die Hamburger Journalistin und Psychologin Anne Otto ist dem Phänomen in ihrem Buch über den Hass nachgegangen – mit zum Teil überraschenden Ergebnissen. Erste Erkenntnis: Gemeinsam ist den Menschen, die zu Hass und Rechtsextremismus neigen, ein Hang zu Autoritarismus, also eine Sehnsucht nach klarer Ordnung und einem starken Mann, der die Gesellschaft mit harter Hand führt und bei Bedarf durchgreift und «aufräumt». Dieser Hang zu Autoritarismus ist erschreckend weit verbreitet. Offenbar gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen autoritäre Einstellung und Hass und Rechtsextremismus: Laut Studien sagt kein anderer Faktor den Hang zu Rassismus, Menschenfeindlichkeit und rechtsextremen Einstellungen so gut voraus wie die Zustimmung zu autoritärer Aggression und autoritärem Gehorsam.

Diese Einstellung hat immer zwei Seiten: «Zum einen zeigt sie sich durch Gehorsam, durch das sich Einordnen, Ducken und Kuschen. Zum anderen durch Aggression: Autoritäten sollen unbedingt hart durchgreifen – und man ist auch selbst bereit, mit Gewalt und Unerbittlichkeit vorzugehen, wenn es sein muss», schreibt Anne Otto. Wer solche autoritären Prinzipien verinnerlicht hat, bei dem spielt sich alles in der Logik von Aggression und Gehorsam ab. Es sei «erstaunlich», dass diese Lebenshaltung in der politischen Diskussion heute «als purer Ausdruck von Angst und Sorge gewertet wird – denn hier geht es letztlich eher um Aggression, um das Kleinmachen und Unterordnen anderer», schreibt Anne Otto.

Welche Gefühle tragen zum Rechtsruck in der Gesellschaft bei? Wenn man Sozialpsychologen und politische Psychologen fragt, ist die Antwort eindeutig: An erster Stelle stehen Hass und Wut. Dazu kommt laut Anne Otto ein gekränktes Selbstwertgefühl, subjektiv erlebte Unsicherheit und manchmal auch Lust an Macht, Überlegenheit und Gewalt. Müssen wir diese Gefühle ernst nehmen, wie es die Politiker immer sagen? Nein, sagt Anne Otto. Kein Psychologe würde einem Klienten einfach recht geben, wenn er Hass und Angst äussert. Er würde die dahinterliegenden Ursachen suchen und helfen, Wut, Hass, Angst und Scham zu relativieren oder zu überwinden. Politiker dürften sich nicht «unkritisch mit den Gefühlen von wütenden Bürgern verbrüdern oder rundheraus Verständnis für oberflächliche Wut- und Angstimpulse zeigen». Es gelte, die Gefühlen wahrzunehmen, aber ihnen «keine Deutungshoheit einzuräumen». Das Buch von Anne Otto ist auch für Nicht-Psychologen gut verständlich geschrieben. Nach jedem Kapitel fasst sie das wichtigste zusammen und erklärt, was daraus folgt. Ein lesenswertes Buch, das viel zum Verständnis von Hass und rechter Gesinnung beiträgt und auch Handlungsansätze skizziert.

Anne Otto: Woher kommt der Hass? Die psychologischen Ursachen von Rechtsruck und Rassismus. Gütersloher Verlagshaus, 272 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-579-01486-9

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783579014869

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Buchtipp zum Wochenkommentar vom 10. Januar 2020: Warum nur dieser Hass?

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps samt Link auf den zugehörigen Wochenkommentar finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/