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Wintern
Kari Leibowitz ist an der Küste von Jersey aufgewachsen, eine Stunde südlich von New York. «Den Winter konnte ich nicht ausstehen», schreibt sie. Als Psychologin beschäftigte sie sich mit Winterdepressionen, also mit saisonal-affektiven Störungen. Sie ging davon aus, dass Menschen, die hoch im Norden leben, besonders davon betroffen sein müssen und brach deshalb zu einem Forschungsaufenthalt in Tromsø auf. Hier, mehr als 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, befindet sich die nördlichste Universität der Welt. Sie nahm an, dass die langen, dunklen Winter in Tromsø gar nicht gut sind für die mentale Gesundheit der Bewohner. Sie musste ihre These aber rasch über Bord werfen: Sie fand in Tromsø nicht mehr, sondern weniger Winterdepressionen. Also untersuchte sie, warum die Menschen in Tromsø besser darin sind, die schönen Seiten dieser Jahreszeit zu erkennen und sich ihnen zuzuwenden. Sie lernte, dass die Wintermisere nicht unausweichlich ist: Es gibt einfache Massnahmen, um Freude am Winter zu erleben.
Angeregt durch die Beobachtungen, die sie in Tromsø machte, brach Kari Leibowitz zu einer Winter-Weltreise auf: «Ich habe die Gemütlichkeit Kopenhagens genossen, bin in eisigen Flüssen in Finnland geschwommen und habe Reykjavíks frostige Luft eingeatmet. Ich habe den stechenden Wind auf der Isle of Lewis vor der schottischen Küste in meinem Gesicht gespürt, bin im Regen an den Grachten Amsterdams entlanggeradelt und habe mich bis tief in die Nacht in heißen Quellen in Yamagata in Japan entspannt.» Je mehr sie über die winterlichen Traditionen und Rituale lernte, desto mehr fiel ihr auf, wie Kulturen auf der ganzen Welt diese Jahreszeit auskosten.
Im Wesentlichen sind es drei Lektionen, die Kari Leibowitz von ihrer Reise nach Hause brachte. Die erste Lektion besteht darin, den Winter zu schätzen: «Nehmen Sie den Winter als das, was er ist, und betrachten Sie ihn als eine Zeit der Entschleunigung», schreibt sie. «Passen Sie sich der Jahreszeit an; richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die schönen Seiten des Winters und finden Sie die passenden Worte für diese.» Die zweite Strategie des richtigen Winters lautet: «Versuchen Sie, den Winter zu etwas Besonderem zu machen. Stürzen Sie sich in die Aktivitäten und geben Sie sich den Stimmungen hin, die einzigartig für diese Zeit des Jahres sind. Schwelgen Sie in Gemütlichkeit; kosten Sie die Aktivitäten aus, denen man während der dunklen Zeit nachgehen kann; etablieren und zelebrieren Sie Rituale, die dieser Jahreszeit einen Sinn verleihen.» Die dritte Lektion: «Gehen Sie raus. Ziehen Sie sich warm an und erfahren Sie die Natur bei jedem Wetter, experimentieren Sie mit Winterbaden und nutzen Sie die Gelegenheiten, die Ihnen Ihr Wohnort bei seiner ganz eigenen Art, diese Jahreszeit zu begehen, bietet.» Ziel der drei Strategien ist es, den Winter zu nutzen und ihn zu verwandeln: Wir machen aus einer Jahreszeit der Einschränkungen eine Jahreszeit voller Möglichkeiten für Sinnerfahrung und Verbundenheit.
In ihrem Buch bietet sie konkrete Tipps, wie man die Freude am Winter steigern kann, und Informationen darüber, wie unsere innere Einstellung uns dabei helfen kann, durch schwierige Lebensphasen jeglicher Art zu kommen. Kari Leibowitz zeigt also über den konkreten Winter hinaus Strategien, die Sie anwenden können, ganz gleich, in welcher Form der Winter sich bei Ihnen zeigt. Spannend daran ist, dass viele der Strategien von psychologischen Untersuchungen gestützt werden.
Im Buch von Kari Leibowitz geht es nicht nur um den Winter, sondern ganz generell um das Leben und die Zukunft. «Wir haben jeden Tag die Chance, die Welt, die sich vor uns erstreckt, willkommen zu heißen. Wir können das feiern, was da ist; wir können den Genuss entdecken; wir können jede freudige Gelegenheit nutzen, ob sie gross oder klein ist», schreibt sie. Wer den Winter annehme, dem biete sich die «die Chance, mehr Freude zu empfinden». «Es ist eine gute Übung, über diese Freuden zu sprechen, es sich gemütlich zu machen, darin zu versinken und den Alltag mit Ritualen zu durchdringen.» Das könne dazu inspirieren, auf die Zukunft hinzuarbeiten, die wir uns wünschen. «Den Winter zu bejahen, bedeutet, das Leben zu bejahen: das ganze Leben, die Schatten- und die Sonnenseiten.» Denn, schreibt Kari Leibowitz: «Unsere Wintergeschichte ist zum Teil auch unsere Lebensgeschichte.»
Kari Leibowitz: Wintern. Wie wir mit der richtigen Einstellung durch die dunkle Jahreszeit kommen. Klett-Cotta, 368 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-608-96658-9
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783608966589
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 22.12.2025, Matthias Zehnder
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