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Wie Vierzehnjährige mit Superkräften: «Mein Traumjob bei Facebook» von Sarah Wynn-Williams

Publiziert am 27. Juli 2026 von Matthias Zehnder

Im Frühling 2015 rennt Sarah Wynn-Williams mit Mark Zuckerberg in Abendgarderobe durch einen dunklen Tunnel in den Ruinen von Panama Viejo, der ältesten europäischen Siedlung an der Pazifikküste Amerikas, mitten durch eine Herde aufgescheuchter, mit Seidenbändern geschmückter Pferde. Sie sind auf der Flucht vor dem eigenen Bankett: Beim Amerika-Gipfel, zu dem sie Zuckerberg mühsam eine Einladung verschafft hat, will kein einziges Staatsoberhaupt mit ihm reden, der kanadische Premierminister Stephen Harper lässt sie mit einem knappen «Nein, würde ich nicht» abblitzen, und die Sitzordnung, die sie heimlich zu seinen Gunsten manipuliert hat, wird immer wieder zurückgetauscht. Am Ende laufen die beiden ohne Handyempfang durch die Dunkelheit, bis Zuckerberg zu lachen anfängt. Mit dieser Szene eröffnet Sarah Wynn-Williams ihr Buch, und sie zeigt Facebook in seinen naiven Anfangsjahren: ein Unternehmen, das die Weltbühne betreten will, ohne zu wissen, wie man sich dort benimmt.

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Den Job, den sie bei Facebook 2011 antritt, hat Sarah Wynn-Williams selbst erfunden: Sie hat sich so lange bei Marne Levine, der zuständigen Frau für Global Public Policy, beworben, bis die eingesehen hat, dass Facebook so etwas wie eine Diplomatin braucht. Ein Auslöser dafür war der arabische Frühling, den Facebook als soziales Netzwerk erst ermöglichte. Selbst die Manager von Facebook, die doch nur Geschäfte machen wollen, merken jetzt, dass das, was für sie nur Business ist, für andere Politik sein kann. Was bedeutet, dass sich Facebook mit Politikerinnen und Politikern auf der ganzen Welt in ein gutes Einvernehmen setzen muss. Das aber erweist sich für die junge Diplomatin als *mission impossible*, weil sich rund um sie herum niemand für Politik interessiert.

«Bei Facebook herrscht eine vollkommen andere Atmosphäre als in jedem anderen Job, den ich jemals hatte», schreibt Sarah Wynn-Williams. «Und das liegt nicht nur daran, dass es ein Technologieunternehmen ist. Auch Geld spielt dabei eine grosse Rolle.» Sie merkt rasch, dass ihr «der Bezugsrahmen für den obszönen Reichtum fehlt, der bei Facebook an allen Ecken und Enden aufscheint». Ein Kollege sagt von sich selbst, er sei «preisunsensibel». Sarah Wynn-Williams muss fragen, was er damit meint. Die Antwort von Marne: «Er hat so viel Geld, dass es ihm egal ist, was die Dinge kosten.» Dennoch arbeiten die Leute bei Facebook wie verrückt. Der Alltag, den Sarah Wynn-Williams beschreibt, erinnert an das Leben der rund um die Uhr arbeitenden Andy in «The Devil Wears Prada» – einfach mit Technologie statt Kleidern.

Rasch verflüchtigen sich die Illusionen, die sich Sarah Wynn-Williams vor ihrem Arbeitsbeginn bei Facebook gemacht hat: dass es sich dabei um ein Netzwerk handelt, das durch Kommunikation die Welt verbinden will. Facebook geht es nur um das Geschäft: «Bevor ich anfing, bei Facebook zu arbeiten, wusste ich nicht genug über das Unternehmen, um die eigentliche Wahrheit zu erkennen – dass nämlich das Wachstums-Team das Herz des Ganzen ist», schreibt sie. Die Werte des Wachstumsteams seien auch die Werte des Unternehmens: Facebook stehe «für Wachstum. Für ein immer grösseres Stück vom Kuchen.»

Spätestens im Oktober 2012 wird ihr das klar: Facebook feiert eine Milliarde Nutzer. Das löst auf der Führungsetage eine Krise aus: «Ich sitze in einer Konferenz nach der anderen, in der meine Bosse sich mit der Frage verrückt machen, ob wir jetzt ‹das Ende der Fahnenstange› erreicht haben.» Die Logik ist simpel: Die erste Milliarde User ist die einfachste Milliarde. «Nach dieser ersten Milliarde muss man sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man die Kinder erreicht, wie man Teile der Welt erreicht, die kein Internet haben, und wie der Eintritt in Länder wie etwa China gelingen könnte, die sozialen Netzwerken wie Facebook feindselig gegenüberstehen.» Bis dahin hatte Sarah Wynn-Williams eine untergeordnete Bedeutung. «Jetzt erlangen plötzlich die Länder ausserhalb der USA eine entscheidende Bedeutung. Vor dieser Entwicklung hat niemand meine Arbeit als etwas gesehen, das den Aktienkurs beeinflussen könnte. Aber jetzt hält man es für das Allerwichtigste, einen Weg zu finden, wie man an den ausländischen Regulierungsbehörden vorbeikommt und neue Märkte erschliesst. Plötzlich bin ich wichtig.»

Damit verliert Facebook endgültig jede Form von Unschuld. Unter dem Codenamen «Aldrin» arbeitet Facebook jahrelang daran, den chinesischen Markt zu erschliessen, und ist bereit, dafür fast alles zuzugestehen. Ein chinesischer Partner soll ein Zensurteam aufbauen, das nicht nur verbotene Inhalte löscht, sondern auch private Nachrichten überwacht und der Regierung Nutzerdaten liefert, einschliesslich eines «Notfallschalters», der ganze Regionen wie Xinjiang von der Kommunikation mit dem Rest des Landes abschneiden kann. Sarah Wynn-Williams findet Entwürfe für Zensur-Tools rund um heikle Jahrestage wie den 4. Juni, dazu einen nie abgeschickten Brief, in dem Mark Zuckerberg der chinesischen Cyberspace-Behörde anbietet, gemeinsam «Terrorismus» zu bekämpfen. Allerdings versteht diese Behörde darunter unter anderem Uiguren- und Tibet-Aktivisten. Als der chinesische Regulator Zhao Zeliang 2017 verlangt, dass Facebook die Seite des Regierungskritikers Guo Wengui sperrt, um die Kooperation nicht zu gefährden, tut Facebook genau das. Ein hoher Justiziar sagt später unter Eid im US-Senat aus, es habe keinerlei Druck aus Peking gegeben. «Diese Aussage ist alles andere als klar und deutlich», kommentiert Sarah Wynn-Williams knapp. Parallel dazu lanciert das Unternehmen unter Decknamen wie «Colorful Balloons» heimlich Apps in China, gegründet über eine Briefkastenfirma in Delaware, deren chinesische Tochterfirma ausgerechnet auf den Ehemann der zuständigen Facebook-Mitarbeiterin angemeldet ist.

Was in China aus kalkuliertem Ehrgeiz geschieht, passiert in Myanmar aus reiner Gleichgültigkeit. Als das Land 2013 als eines der letzten der Welt ins mobile Internet startet, wird Facebook dort faktisch zum Internet selbst; viele Handyverträge rechnen die Nutzungszeit gar nicht erst über Gesprächsminuten ab. Doch die Plattform gibt es jahrelang nicht auf Burmesisch, der Melde-Button für Hassreden fehlt, und ein einziger externer Mitarbeiter in Dublin soll sämtliche Beiträge aus einem Land mit über sechzig Millionen Menschen moderieren. Für China stellt Facebook zur gleichen Zeit über zweitausend Angestellte ab. Sarah Wynn-Williams warnt die Konzernspitze wieder und wieder. Aber ein Menschenrechtsexperte für Myanmar wird ihr verwehrt, weil das Land «gerade keine Priorität» habe. 2017 beginnt das Militär einen Feldzug gegen die muslimische Rohingya-Minderheit, den die Vereinten Nationen später als Völkermord einstufen; ihrem Bericht zufolge werden mindestens zehntausend Menschen getötet, mehr als siebenhunderttausend fliehen aus dem Land. Facebooks Anteil an der Verbreitung der Hassreden widmen die Ermittler über zwanzig Seiten. «Myanmar wäre es sehr viel besser ergangen, wenn Facebook dort niemals Einzug gehalten hätte», schreibt Sarah Wynn-Williams. Verantwortlich dafür macht sie nicht eine finstere Strategie, sondern schlicht Gleichgültigkeit: «Es war ihnen einfach egal.»

Gleichgültigkeit, die sich auszahlt, findet sich auch näher am eigenen Kerngeschäft. 2017 wird bekannt, dass Facebook australischen Werbekunden anbietet, dreizehn- bis siebzehnjährige Nutzer gezielt in Momenten anzusprechen, in denen sie sich «wertlos», «unsicher» oder «wie Versager» fühlen. Erkennbar ist das an ihren eigenen Fotos, Kommentaren und sogar an gelöschten Selfies. Gegenüber der Öffentlichkeit dementiert Facebook, dass es solche Werkzeuge überhaupt anbiete. Intern bestätigt die eigene Datenschutzabteilung, dass genau das möglich ist. Als Sarah Wynn-Williams ihren Kollegen Elliot fragt, warum man nicht einfach aufhöre, deprimierte Teenager als Zielgruppe zu nutzen, antwortet er nur amüsiert, wenn sie und der Werbeverantwortliche, der dieselben Dementis aus entgegengesetzten Gründen hasse, beide unzufrieden seien, habe man alles richtig gemacht. Jahre später wird bekannt, dass die britische Teenagerin Molly Russell vor ihrem Suizid Instagram-Beiträgen aus einem Account namens «Feeling Worthless» gefolgt war – genau jenem Zielsegment, das Facebook seinen Kunden verkauft hatte.

Trotz des ernsthaften und komplexen Themas ist das Buch gut lesbar, ja zuweilen selbstironisch und witzig geschrieben. Ein gutes Beispiel dafür ist das Kapitel über das WEF in Davos. «Es ist absurd, an diesem Ort überhaupt etwas zu veranstalten, ganz egal, was», schreibt Sarah Wynn-Williams. «Davos liegt weit ab vom Schuss hoch oben in den Schweizer Bergen, und das Ganze findet im tiefsten Winter statt. Man kommt dort nur hin, indem man zunächst nach Zürich fliegt und dann eine lange Autofahrt über tückische, kurvenreiche, vereiste Strassen auf sich nimmt.» Weiter lästert sie über Davos: «In diesem tristen schweizerischen Ort hat das Weltwirtschaftsforum eine byzantinisch anmutende Gesellschaftsstruktur aufgebaut, innerhalb derer es sämtliche minimale Ressourcen kontrolliert, die zur Verfügung stehen.»

Einen spannenden Link zur Gegenwart habe ich im Epilog des Buchs gefunden. Sarah Wynn-Williams schreibt: «Ähnlich wie es mir in der Anfangszeit mit Facebook erging, fühle ich mich jetzt zum Thema KI hingezogen, bei dem es vor geopolitischen und allgemeinpolitischen Problemen nur so wimmelt. Dort wird auch der nächste grosse Zusammenstoss zwischen Informationstechnik und Politik stattfinden.» Seit sie Facebook verlassen habe, habe sie sich «intensiv mit den verschiedenen Aspekten der KI-Politik beschäftigt, und am deutlichsten wird diese Problematik bei den Verhandlungen zwischen China und den USA, die zu diesem Thema stattfanden.» Sie zählt einige der Fragen auf, mit denen sich die KI-Politik beschäftigen muss: «Sollte ein Mensch daran beteiligt sein, wenn Atomwaffen ausgelöst werden? Sollten tödliche oder nicht tödliche KI-Waffen nur unter menschlicher Überwachung beziehungsweise Kontrolle eingesetzt werden? Welche Regeln müssen festgelegt werden, um eine unbeabsichtigte Eskalation bei der Nutzung von KI-gesteuerten Waffensystemen im Kriegsfall zu verhindern?» Jeder, der mit IT zu tun habe, könne «ein Lied davon singen, wie fehleranfällig sie sein kann. Wie ein harmloser Codeschnipsel ein robustes System zerstören kann.» Facebook, oder Meta, wie der Konzern mittlerweile heisst, sei bis heute «kein Jota» von der Richtung abgewichen, «die es von vornherein eingeschlagen hat. Die Welt, in der wir leben, ist von diesen Menschen und ihrer tödlichen Gedankenlosigkeit massgeblich geprägt worden.»

Kurz gesagt

Sarah Wynn-Williams berichtet, wie gedankenlos das Management in einem der mächtigsten Unternehmen der Welt arbeitet. Sie fordert dazu auf, die Augen zu öffnen: «Wenn wir uns nicht mit den Dingen auseinandersetzen, die vertuscht wurden, werden wir die Fehler wiederholen, die Facebook gemacht hat.»

Sarah Wynn-Williams: Mein Traumjob bei Facebook. und wie ich alle meine Ideale verlor. Kiepenheuer & Witsch, 496 Seiten, 29.50 Franken; ISBN 978-3-462-01460-0

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783462014600

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 27. Juli 2026, Matthias Zehnder

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