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Wie konnte das geschehen?

Publiziert am 25. September 2025 von Matthias Zehnder

Es ist, gerade heute, die zentrale Frage, die sich in Bezug auf den Nationalsozialismus, den Aufstieg Adolf Hitlers, die Gräuel seiner Herrschaft und den Zweiten Weltkrieg stellt: «Wie konnte das geschehen?» Diese Frage versucht Historiker Götz Ali in seinem Buch zu beantworten. Seine Antworten, schreibt er, «sollen zur Diskussion und zum weiteren Nachdenken anregen» – und das tun sie. Schonungslos zeigt er, warum es die «Stillen, die Harmlosen, die fünfzig-oder achtzigprozentigen Unterstützer» waren, die den Boden bildeten für die Herrschaft Hitlers. Diese Herrschaft war zu Beginn vor allem von Schulden geprägt: Die Nazis errichteten «mit Hilfe ungedeckter Kredite» Prunk-und Zweckbauten und streuten breit ihre sozialen Wohltaten. Das habe «schnell integrativ» gewirkt: «Sie erzeugten das bald weit verbreitete Gefühl, man gehe besseren Zeiten entgegen. Auf dem so geschaffenen, zu keinem Zeitpunkt festen Boden entwickelte sich zum einen die Staatsloyalität einer wachsenden Mehrheit, zum anderen die Politik innerer und bald nach aussen gerichteter Expansion.»

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Natürlich arbeitete das Regime mit Desinformation und Propaganda. Vor allem aber habe es einen hektischen, ja monströsen Aktionismus ausgelöst, «der Schwindelgefühle erzeugte und das Nachdenken lähmte». Eine eigentliche Ideologie hatten die Nazis nicht. Das Regime sei vielmehr inhaltlich unbestimmt gewesen. Es folgte «den Grundideen des Machtgewinns und des Machterhalts». Auch gebe es keinen genuin nationalsozialistischen Antisemitismus. Die Nazis hätten aber früh erkannt, dass der Kampf gegen Juden ihnen «eine weit über den engeren Kreis ihrer Gefolgsleute hinauswachsende Zustimmung verschaffen würde». Der Antisemitismus war weiter verbreitet als die Parteimitgliedschaft und wurde zum integrativen Faktor der Politik! Hitler und Goebbels förderten das Rauchen und die Versorgung mit Bier, erhöhten die Renten und stellten die Juden an den Pranger. Damit sicherten sie sich die Zustimmung der Mehrheit in Deutschland.

Aly spricht von einer «Verbrechensgemeinschaft»: «Auch mit Hilfe des gemeinsam begangenen und Stück für Stück gesteigerten Unrechts gelang es, die Mehrheit der eigenen Bevölkerung in die Gefolgschaft zu bugsieren, seit 1941 in eine zunehmend fester verbundene und schliesslich an die eigene Führung gekettete Gemeinschaft des Verbrechens.»

Es ist geradezu erschütternd, zu lesen, wie die Nationalsozialisten ein ganzes Volk zuerst mit Geschenken verführte, um es dann zum schweigenden Komplizen ihrer Verbrechen zu machen. Im Kern steht dabei keine Ideologie, sondern vor «ökonomisches» Handeln: Gier nach Geld und Macht.

Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945. S. Fischer, 768 Seiten, 46.90 Franken; ISBN 978-3-10-397364-8

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783103973648

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 25.09.2025, Matthias Zehnder

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