Buchtipp

Was ist so schlimm am Kapitalismus?

Publiziert am 22. März 2019 von Matthias Zehnder

Das neue Buch von Jean Ziegler ist kein Manifest, sondern ein Erklärbuch: In einem fiktiven Gespräch mit seiner Enkelin Zohra erklärt Ziegler, wie der Kapitalismus funktioniert und was ihn (aus seiner Sicht) so zerstörerisch macht. Das ist grundsätzlich lehrreich bis unterhaltend, denn Ziegler wettert nicht einfach gegen Oligarchen und Grosskapital, sondern erklärt gut verständlich die Geschichte der kapitalistischen Ordnung – aus Linker Sicht natürlich. Schritt für Schritt führt Ziegler seine Zohra von der Feudalwirtschaft über das Aufkommen des Bürgertums und die industrielle Entwicklung zu den Ideen von Karl Marx und gibt auf wenigen Seiten eine konzise Einführung in den Marxismus. Das ist lesenswert, auch wenn man anderer Meinung ist, weil es selten so verständlich beschrieben wurde. Vom Aufkommen des Marxismus ist es ein kleiner Schritt zur Schilderung, wie die erste Welt die dritte Welt ausbeutete, wie die Spanier den Indios Gold abpressten, wie die Franzosen und die Engländer ihre Kolonien ausbeuteten und wie die Bürger in der französischen Revolution selbst nach der Macht griffen.

Ziegler gibt aber nicht nur Geschichtslektionen, er erzählt auch aus seiner eigenen Arbeit, etwa, wie er als Sonderberichterstatter der UNO eine Bodenreform in Guatemala bewirken wollte. Die Reform kam aber nicht zustande, denn, wie Ziegler schreibt: Jede Agrarreform ist für Kapitalisten ein rotes Tuch, eine unverzeihliche Verletzung der sakrosankten Freiheit des Marktes und des Privateigentums. Er erzählt seiner Enkelin, wie im Kongo von Kindersklaven Coltan abgebaut wird, das für die Herstellung von Mobiltelefonen benötigt wird. Ziegler erzählt, wie die Konsumgesellschaft funktioniert, was programmierte Obszoleszenz ist und was Nylonstrümpfe und Handys gemeinsam haben. Typisch für Ziegler zitiert er dabei viele Zahlen. Etwa dass die 85 reichsten Milliardäre der Welt 2017 genauso viele Vermögenswerte besassen wie 3,5 Milliarden Personen. Oder dass die Finanzmacht der 562 reichsten Personen der Welt zwischen 2010 und 2015 um 41 Prozent angewachsen, während der Besitz der 3,5 Milliarden ärmsten Menschen um 44 Prozent abgenommen hat.

Ziegler folgert daraus: Der Kapitalismus lässt sich nicht reformieren. Man muss ihn zerstören. Vollkommen, radikal, damit sich eine neue soziale und wirtschaftliche Weltordnung errichten lässt. Und was dann? Mit was will Ziegler den Kapitalismus ersetzen? Das weiss er selber nicht. Seine Enkelin fragt ihn am Schluss: Du weisst also nichts über das gesellschaftliche und wirtschaftliche System, das den Kapitalismus ersetzen soll? Und Ziegler gibt zu: Überhaupt nichts, zumindest nichts Genaues. Aber das hindert mich nicht, darauf zu hoffen, dass deine Generation den Kapitalismus stürzen wird. Das macht das Buch zu einer Utopie ohne utopische Aussicht. Trotzdem: Ziegler referiert gut verständlich und erklärt viele Zusammenhänge. Das Buch ist deshalb unbedingt lesenswert – auch und gerade für Menschen, die nicht mit Ziegler einverstanden sind.

Jean Ziegler: Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin. C. Bertelsmann, 128 Seiten, 22.90 Franken; ISBN 978-3-570-10370-8

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783570103708

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Buchtipp zum Wochenkommentar vom 22. März 2019: Pulverdampf und Pistolenrauch

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps samt Link auf den zugehörigen Wochenkommentar finden Sie hier:

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