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Vorträge und Aufsätze 1961–1977
Hannah Arendt hat bei Martin Heidegger und Edmund Husserl Philosophie studiert und bei Karl Jaspers promoviert. Sie war also akademisch ausgebildete Philosophin. Bekannt geworden ist sie in den 1960er Jahren in der Rolle einer public intellectual: Sie beeindruckte ihre Zeitgenossen bei Auftritten mit sprödem Charme und scharfen Argumenten. Der vorliegende Essayband enthält die bekanntesten Texte von Hannah Arendt, allen voran ihr Essay über den Gerichtsprozess von Adolf Eichmann, der im April 1961 in Jerusalem begann. Ihre Eindrücke des Prozesses veröffentlichte sie 1963 im Wochenmagazin «The New Yorker». Sie bezeichnet darin die Gedankenlosigkeit als den Ursprung des Bösen. Aber auch andere Texte zeigen, dass sich Hannah Arendt den kontroversen Themen ihrer Zeit gestellt hat: den kulturrevolutionären Studierendenprotesten, der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und dem Vietnamkrieg, der Frage der Schuld in Sachen Nazi-Verbrechen, dem Wettrüsten des Kalten Krieges sowie der technologischen Entwicklungen in Raumfahrt und Atomkraft. Die in diesem Buch versammelten Texte ermöglichen es, Hannah Arendts Position als Intellektuelle in den 1960er- und 1970er-Jahren nachzuvollziehen und ihre kritische Beziehung zur Wissenschaft zu verstehen. Bemerkenswert (und beängstigend aktuell) sind etwa zwei Essays über Wahrheit und Lüge in der Politik und ihre Reflexionen über die Gewalt. Spannend sind ihre Texte über Menschen wie Bertolt Brecht und Walter Benjamin, Martin Heidegger und Rosa Luxemburg.
Das Schöne an den Texten von Hannah Arendt ist, dass man ihr durch Lesen beim Denken zuschauen kann. Sie baut keine hermetischen Gedankengebäude, sondern führt eher argumentierend durch einen Gedankengarten. Ich stelle mir vor, dass sie dabei (mit einer Zigarette in der Hand) freundlich einladend gestikuliert.
Die Zugänglichkeit soll aber nicht über die Schärfe und Kompromisslosigkeit ihres Denkens hinwegtäuschen. Etwa Sätze wie diesen: «Fortschritt kann auf keinem wissenschaftlichen Feld mehr als Massstab und Kriterium dienen, mit denen man die von uns entfesselten, reissenden Veränderungsprozesse messen oder beurteilen könnte.» Ein Satz, der heute wieder sehr aktuell ist, angesichts des rasanten Fortschritts im Bereich KI, mit dem jede Veränderung gerechtfertigt scheint.
Manchmal sind es auch nur Klammerbemerkungen, die uns heute auffallen. Etwa die Beobachtung, dass «der einzige Mensch, der wahrscheinlich ein ideales Opfer vollständiger Manipulierung darstellt, der Präsident der Vereinigten Staaten» sei. «Wegen des ungeheuren Ausmasses des Amtes muss er sich mit Beratern umgeben, den ‹Managern der nationalen Sicherheit›, wie Richard J. Barnet sie unlängst genannt hat, ‹die ihre Macht hauptsächlich dadurch ausüben, dass sie die Informationen sieben, die den Präsidenten erreichen, und die Welt für ihn interpretieren›. Fast möchte man behaupten, dass der Präsident, angeblich der mächtigste Mann des mächtigsten Landes, in den USA der einzige Mensch ist, dessen Handlungsspielraum von vornherein alternativ determiniert werden kann.»
Hannah Arendt beobachtet nüchtern, dass niemand je bezweifelt habe, dass es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt sei, niemand also je die Wahrhaftigkeit zu den politischen Tugenden gerechnet habe: «Lügen scheint zum Handwerk nicht nur des Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmannes zu gehören. Ein bemerkenswerter und beunruhigender Tatbestand», schreibt sie. Nicht aus moralischen, sondern aus logischen Gründen: «Sollte etwa Ohnmacht zum Wesen der Wahrheit gehören und Betrug im Wesen der Sache liegen, die wir Macht nennen?»
Mit ihrem radikalen Denken stiess Hannah Arendt immer wieder auf Widerspruch, ja Widerstand. So hat die Kontroverse um ihren Eichmann-Text sie sehr beschäftigt. Sie fragte sich, wann und inwiefern es richtig ist, die Wahrheit zu sagen, und welche Rolle Lügen (in der Politik) spielen. Eine Schlussfolgerung, die sie dabei zieht: Für sie ist die Universität als «wahrheitsschützende Institution» politisch unverzichtbar. Sie interpretierte deshalb die Studierendenproteste als ein Zeichen von gefährlicher Politisierung der Universität. Ein Gedanke, der heute wieder aktuell ist. 1969 stellte Hannah Arendt «den Verlust der ‹interesselosen Unparteiischkeit› fest, die sie Universitäten 1964 noch hoffnungsvoll zuschrieb, und suchte das zu verstehen: Hochschulen seien völlig durch politische Einflüsse korrumpiert», schreibt Cosima Mattner in ihrem lesenswerten Nachwort.
Wahrheit sei das Kerngeschäft der Wissenschaft, schreibt Hannah Arendt. Für das Denken dagegen sei Wahrheit nur der erste Impuls. In ihrem Denktagebuch im Mai 1968 schrieb sie: «Die Wahrheit ist nicht das Resultat des Denkens, sondern sein Anfang. Kein Argument erzielt Wahrheit. Das Argument folgt höchstens der Wahrheit.» Damit grenzt Hannah Arendt die Naturwissenschaften als «wissenschaftlich» von den Geisteswissenschaften als «Kunst» ab.
Hannah Arendt: Vorträge und Aufsätze 1961-1977. Herausgegeben von Thomas Meyer, mit einem Nachwort von Cosima Mattner. Piper, 608 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-492-32124-2
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783492321242
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 16.12.2025, Matthias Zehnder
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