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Unternehmensethik: Macht, Maßlosigkeit, Moral
Die Medien berichten zunehmend negativ über Unternehmen. Das ist kein Gefühl, sondern das Resultat einer Studie des fög: Stichworte der Berichterstattung sind etwa Dumpinglöhne, Massenentlassungen, die Boni-Kultur und Umweltschädigung. «Die Forderung nach (mehr) Corporate Social Responsibility (CSR) ist so gesehen ein Reflex auf die allgemeine Wahrnehmung einer verbreiteten Corporate Social Irresponsibility (CSI)», schreiben Thomas Kuhn und Jürgen Weibler in ihrem Buch. Schön daran ist, dass sie zunächst grundsätzlich in ethisches Denken und die Moralphilosophie einführen. Warum aber spielt Ethik in Unternehmen plötzlich eine so grosse Rolle? Sie zeigen das anhand von sechs Konflikten zwischen ethischem und wirtschaftlichem Handeln in den Bereichen Umwelt, Arbeit, Verteilung, Konsum, Information und Demokratie. Die beiden skizzieren die wichtigsten Ansätze der Unternehmensethik und unterscheiden zwischen tradierten Verständnissen wie «Ethik des Gewinns», der verbreiteten Corporate Social Responsibility und kritischen Verständnissen, die der vorherrschenden Diskussion über Unternehmensethik skeptisch gegenüber stehen und auf eine fundamentale Wende in der Unternehmensführung hoffen. Darauf basiert der Wandel der Corporate Social Responsibility, der heute zu beobachten ist. Zum Schluss schlägt das Buch die Brücke zwischen Unternehmensethik und Managementethik und damit, ein weiteres Schlagwort, zu Responsible Leadership.
Thomas Kuhn und Jürgen Weibler belassen es nicht bei ein paar Schlagworten, sondern führend profund ein in die Ethik. Sie setzen mit der Tugendethik ein, wie sie Sokrates und Aristoteles begründeten. Die Tugendethik beurteilt die Handlung. Ein Resultat der Tugendethik sind die vier Kardinaltugenden Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Mässigung. Im 19. Jahrhundert wechselten die englischen Philosophen Jeremy Bentham und John Stuart Mill den Fokus. Statt die Handlung selbst beurteilten sie die Folgen des Handelns. Das Resultat ist der Utilitarismus. Sein Ziel ist es, den grössten Nutzen für die grösste Zahl zu erzielen. Einen ganz anderen Ansatz wählte Immanuel Kant mit seiner Gewissensethik: Die wichtigste Instanz für die Beurteilung des Handelns wird das eigene Gewissen. Jürgen Habermas hat in den 1970er Jahren dieses innere Zwiegespräch mit dem Gewissen zu einem gesellschaftlichen Diskurs ausgeweitet. Seine Diskursethik ist eine Möglichkeit, mit der Komplexität moralischer Fragestellungen umzugehen. «Das moralisch Richtige ist häufig alles andere als offenkundig, sondern höchst ungewiss, weil es eben regelmässig um Werte-, Ziel-, Interessen- und andere Konflikte geht», schreiben Kuhn und Weibler. Das ist im Unternehmenskontext deshalb problematisch, weil die Betriebswirtschaftslehre davon ausgeht, «dass das moralisch Richtige eindeutig ist (Befriedigung der Ziele und Interessen aller Anspruchsgruppen) und im Übrigen auch problemlos umgesetzt werden kann».
Deshalb kommt es zwischen der ethischen Sichtweise und der betriebswirtschaftlichen Realität immer wieder zu Konflikten. Kuhn und Weibler zeigen das anhand sechs zentralen ethischen Problemfeldern des Wirtschaftens. Sie zeigen den grundlegenden Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie. Sie sie skizzieren die Probleme rund um die Arbeit anhand des Spannungsfelds zwischen Arbeitslosigkeit und unzumutbaren Arbeitsbedingungen. Sie zeigen, warum die Frage nach einer gerechten Verteilung des ökonomischen Wohlstandes ein weiteres zentrales wirtschaftsethisches Diskussionsfeld ist. Den Konsum bezeichnen sie als das «elementarste Problemfeld» der Ethik. Eher überraschend bezeichnen sie auch den Bereich Information als Problemfeld der Ethik. Sie begründen es mit dem gigantischen Machtzuwachs der US-Technologiefirmen und der riesigen Bedeutung, die die Informationswelt für die Wirtschaft heute hat.
Und wie kommt ein Unternehmen in diesen Problemfeldern dazu, sich ethisch zu verhalten? Kuhn und Weibler identifizieren zwei wichtige Beweggründe. Der erste ist die unternehmerische Umwelt. Damit meinen sie insbesondere verschiedene Formen von externem Druck und externer Anreize, die zum Business Case for Corporate Social Responsibility führen. Der zweite ist die unternehmerische «Inwelt», also etwa Managementethik und Managementphilosophie. Das sind jene Einstellungen, Überzeugungen und Wertvorstellungen, die Führungskräfte mitbringen. In ihrem Buch gehen sie vor allem auf die verantwortungsbewusste Unternehmensführung ein. Der Fachbegriff dafür lautet «Responsible Leadership». Der Begriff kombiniert die Themenfelder Ethik, Führung und CSR und fokussiert dabei vor allem auf Fragen der Verantwortung.
Das Buch von Thomas Kuhn und Jürgen Weibler führt nicht nur in die Begriffe der Unternehmensethik ein, sondern kartiert das ethische Denken anhand von übersichtlichen Grafiken. Auf diese Weise wird das Buch zu einem anregenden Werkzeug für alle, die in einem Unternehmen (oder einer Institution) Verantwortung tragen.
Thomas Kuhn, Jürgen Weibler: Unternehmensethik: Macht, Maßlosigkeit, Moral. Einsichten zum Zusammenspiel von Wirtschaft und Gesellschaft. Vahlen, 216 Seiten, 48.50 Franken; ISBN 978-3-8006-7752-8
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783800677528
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 06.11.2025, Matthias Zehnder
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