Buchtipp

Toleranz. Einfach schwer

Publiziert am 27. August 2019 von Matthias Zehnder

Warum ist Intoleranz heute so attraktiv? Was macht Toleranz aus und was macht sie notwendig? Diesen Fragen geht Joachim Gauck in seinem neusten Buch nach. Der Text, der aus diesen Fragen und Sorgen entstanden sei, diene durchaus auch der Selbstvergewisserung, schreibt der elfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. In seinem Buch denkt er über Toleranz nach, versucht, sich die Geschichte des Begriffs zu erschliessen und verbindet dies mit den aktuellen Auseinandersetzungen. Die Vorstellung von Toleranz sei lange wie ein altes Familienschmuckstück in seinem Besitz geblieben, schreibt Gauck: «geschätzt, aber wenig beachtet». Jetzt sei es Zeit, sich eingehender mit der Toleranz zu beschäftigen. «Denn etwas hat sich tiefgreifend verändert im Land. Das Klima zwischen den Menschen ist rauer geworden.» Immer häufiger werde der politische Gegner zum Feind erklärt, der mit meist moralischen Werturteilen angegriffen, ausgegrenzt und möglichst mundtot gemacht werden solle. Gleichzeitig mache sich auch falsche Toleranz breit, die «nicht frei ist von Naivität und allzu grosser Nachsichtigkeit». Einer Toleranz gegenüber allem, was divers ist, was «einigen allein schon wegen seiner Andersartigkeit als schützenswert» gelte.

In seinem Buch zeichnet er sorgfältig die Geschichte der Toleranz nach. Sie beginnt mit der Neuzeit, als die einheitliche und für alle verbindliche Sicht der Welt an ihr Ende kam. Denn Toleranz ist nur dann erforderlich, wenn eine Differenz gegenüber einem anderen vorhanden ist, die so verbindlich ist, dass sie stört. Tioleranz ist für Joachim Gauck deshalb zunächst «eine Zumutung. Denn das Toleranzgebot fordert mich auf, zu ertragen, zu erdulden, zu respektieren, was ich nicht oder nicht vollständig gutheisse.» Gauck macht aber auch die Grenzen der Toleranz klar: «Ich war und bin bis heute der Meinung, dass es kein Laisser-faire geben darf gegenüber jenen, die Pluralität und Toleranz mit Füssen treten. Toleranz, die Nachsicht und Duldsamkeit preist gegenüber den Verächtern der Toleranz, hilft den Tätern und nicht den Opfern. Intoleranz gegenüber einer Intoleranz, die Menschen unterdrückt und verachtet, ist eine Haltung von Demokraten im Namen der Menschenwürde.» Toleranz ist deshalb, wenn sie sich schützen will, zur Inkonsequenz verurteilt: Sie muss intolerant sein gegenüber jenen, die die Toleranz abschaffen wollen.

Das Buch von Joachim Gauck über die Toleranz ist reich an klugen Gedanken, die aber so formuliert sind, dass sie den Leser packen. Das Buch ist keine intellektuelle Übung, sondern eine lebenspraktische Meditation über jenen Wert, der in der westlichen Demokratie so zentral ist – und derzeit so häufig mit den Füssen getreten wird.

Joachim Gauck: Toleranz. Einfach schwer. Herder, 224 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-451-38324-3

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783451383243

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Buchtipp zum Wochenkommentar vom 23. August 2019: Warum das SVP-Plakat dumm, schlecht und einfältig ist

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps samt Link auf den zugehörigen Wochenkommentar finden Sie hier:

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