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This Is for Everyone

Publiziert am 15. September 2025 von Matthias Zehnder

Ende der 80er-Jahre arbeitete der britische Physiker Tim Berners-Lee in der Computerabteilung des CERN in Genf. Er ärgerte sich darüber, wie schwierig es war, sich über die vielen Projekte am CERN zu informieren. Im März 1989 verschickte er deshalb einen Vorschlag, wie das CERN den Zugang zu Informationen verbessern könnte. Dieses Paper mit dem Titel «Information Management. A proposal» beinhaltete nichts Geringeres als die Erfindung des World Wide Web. Bis dahin war das Internet ein technisches Netzwerk vor allem für Informatiker. Tim Berners-Lee wollte das ändern. Dafür griff er die Idee des Hypertext auf: Er kreierte eine Technik, die es möglich machte, Texte beliebig miteinander zu verknüpfen, ohne dass der Benutzer wissen musste, wo das Ziel dieser Verknüpfung abgespeichert war. In seinem Buch erzählt Tim Berners-Lee die Geschichte seiner Idee, wie er am CERN zunächst neben seiner eigentlichen Aufgabe das World Wide Web erdachte und wie er dafür kämpfte, dass das Web eine öffentlich zugängliche Technologie blieb, die niemandem gehörte. Er wurde dabei heftig angegriffen. Zunächst von NCSA und der Firma Netscape, die den ersten marktbeherrschenden Browser kreierte, später von Firmen wie Microsoft und Facebook, die sich alle das Internet aneignen wollten. Dabei erinnert Tim Berners-Lee immer wieder daran, dass seine Vision ein offenes Netzwerk gleichberechtigter Partner war. Er spricht von einem «skalenfreien» oder «fraktalen» Netzwerk, in dem der Traffic sich nicht auf wenige grosse Knoten konzentriert, sondern sich auf viele individuelle Websites verteilt. Ganz nebenbei erfahren wir, wie wichtig die Schweiz bei der Erfindung des World Wide Web war. Zunächst natürlich als Gastland des CERN, aber auch später. So fand ein wichtiges Treffen zwischen Tim Berners-Lee und Michael Dertouzos, dem Chef des Laboratory for Computer Science am MIT im Februar 1994 in Zürich statt «bei meinem Lieblingsgericht Zürcher Geschnetzeltes und Rösti», wie Tim schreibt.

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In seinem Buch erinnert uns Tim Berners-Lee, dass das Web für alle da sein sollte, auch wenn Staaten und Konzerne seit Jahrzehnten im Internet um Macht und Profit kämpfen. Das Web war und ist die Utopie vom freien Austausch von Informationen und Meinungen.

Tim Berners-Lee wurde 1955 geboren, im selben Jahr wie Steve Jobs und Bill Gates. «Unser Jahrgang würde auf der Welle der Computertechnologie surfen wie kein anderer davor oder danach», schreibt er in seinem Buch. Er sei ihm Gleichschritt mit der Entwicklung der Computertechnik aufgewachsen. «In gewisser Weise war es ein glücklicher Umstand, dass im Laufe dieser ganzen Entwicklung, wann immer ich ein Bauteil brauchte, das ich nicht selbst zusammenbasteln konnte – etwa einen Transistor oder nun einen Speicherchip, der die 1024 Zeichen meines neuen Displays speichern konnte –, die Industrie es zu einem Preis produzierte, den ich mir leisten konnte.» Er glaube deshalb, dass seine Generation der Menschen, die kurz vor 1955 geboren wurden «wie auf einem fliegenden Teppich auf der Welle des technischen Fortschritts gesurft sind. Ein paar Jahre früher wäre alles viel zu teuer oder nicht existent gewesen, während es ein paar Jahre später schon selbstverständlich und ein alter Hut war.»

Schon als Schüler und später als Student in England baute sich Tim Berners-Lee einen ersten Computer zusammen. Die einzelnen Bauteile dafür holte er sich auf dem Schrottplatz oder im Elektronikabfall. Als Speicher dienten im Lochstreifen, als Monitor ein ausrangierter Fernseher. Nach dem Physik-Studium an der Universität Oxford arbeitete er zunächst bei verschiedenen britischen Computerfirmen. 1984 wechselte er ans CERN in Genf. Da wurde er mit dem Chaos der Informationsablage konfrontiert.

In seinem Buch erzählt er, dass unterschiedliche Computersysteme damals nicht miteinander kommunizieren konnten. Das war für das CERN ein grosses Handicap: «Vielleicht hatte ein Wissenschaftler wichtige Informationen über den Betrieb der Beschleuniger auf Französisch in einem privaten Verzeichnis im zentralen Unix-Mainframe gespeichert; ein anderer hatte womöglich Informationen darüber, wie bestimmte Sensoren zu kalibrieren waren, in Englisch auf einer 8-Zoll-Diskette von IBM gespeichert und sie in einem abgeschlossenen Aktenschrank aus Stahl abgelegt; und vielleicht hatte ein dritter die Messergebnisse des letzten Experiments auf einem Computerausdruck in Deutsch unter seiner Kaffeetasse auf seinem Schreibtisch. Es war ein Chaos.» Die einzige Möglichkeit, eine Information zu beschaffen, bestand darin, «den Menschen zu finden, der dafür zuständig war, und ihn beim Kaffee zu fragen!»

Tim Berners-Lee wollte das ändern – und erfand dafür das World Wide Web. Seine wichtigste Idee war es, das Web auf Hypertext aufzubauen. Das ist eine Idee aus den 1960er-Jahren. Ziel war es, Texte auf nicht lineare Weise zu organisieren und zu verknüpfen, sodass der Anwender über «Hyperlinks» seinen Weg durch untereinander verknüpfte Informationen finden kann. «Im Gegensatz zu traditionellem linearem Text bietet Hypertext dem Leser die Möglichkeit, je nach seinen Interessen oder Anforderungen von einem Dokument zum anderen zu springen.» Was uns heute selbstverständlich ist, war damals radikal neu.

Aber nicht einzigartig: 1987 kreierte Bill Atkinson, ein Programmierer bei Apple, sein Programm «HyperCard». Das war eine Datenbank, die es ermöglichte, einen «Stapel» virtueller «Karten» mit Texten, Bildern und Multimedia-Objekten in einer Weise zu organisieren, die einer modernen Webseite ähnelte. Allerdings funktionierte HyperCard nur lokal auf einem Mac.

HyperCard wurde zum Vorbild für das Web. Das Kernelement davon ist uns heute so selbstverständlich, dass wir die Radikalität des Vorschlags nicht mehr verstehen. Tim Berners-Lee erfand den Hyperlink als universelle Verknüpfung. «Die Idee, dass man in einem einzigen kurzen Identifier alles kodieren kann, was man braucht, um auf ein beliebiges Objekt zu verweisen, und dass der Identifier beliebig lang sein kann, war der Kern des Konzepts. Ich kann gar nicht genug betonen, wie sehr sich das von allen damals vorhandenen Kommunikationsprotokollen im Internet unterschied, die ausnahmslos den Anwender zu spezifischen Informationskategorien führen wollten. Im Gegensatz dazu war ich davon überzeugt, dass es ein universelles Benennungssystem für das Internet geben musste», schreibt Tim Berners-Lee. «Wenn Sie sich überhaupt etwas über den Aufbau des Web merken wollen, dann bitte dies: Seine Konstruktion führt Netzwerk und Hypertext zusammen, und sie treffen sich bei der Raute. Wenn Sie das verstanden haben, dann haben Sie im Grunde genommen schon das ganze Web verstanden.»

Sein Buch ist voller wunderbarer Anekdoten über die Entstehung des Web. Zum Beispiel stellte er sich die Frage, wie er die Leute am CERN dazu bringen konnte, seine Erfindung zu nutzen. Die Lösung war so genial wie absurd: zur ersten «Killer-App» des Web wurde das Telefonbuch am CERN. «Sie gab jedem am CERN ein Motiv, um einen Webbrowser zu installieren, was allerdings auch den ungewollten Nebeneffekt hatte, dass die User Inhalte eher passiv konsumierten, als sie auch aktiv zu verfassen.»

Wichtig ist ihm, dass das Web nicht von sich aus Inhalte ordnet, sondern ganz beliebige Beziehungen und Links ermöglicht. «Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig solche unerwarteten Beziehungen waren», schreibt er. «In der Ära des Modernismus hatten Stadtplaner wie Le Corbusier ‹rationale› Städte entworfen, indem sie Stadtteile nach Funktion segmentierten und sämtliche Bauwerke von Details und Verzierungen befreiten. So fügten sie dem menschlichen Geist irreparablen Schaden zu. Ich habe das Web ganz gezielt als Fraktal konzipiert, um dieser Art von falscher ›Rationalität’ die lange Nase zu zeigen. Das – genau so gewollte – Ergebnis war ein ‹anarchisches Chaos’, aus dem alles Mögliche hervorgehen konnte. Und es funktionierte wesentlich besser, als irgendjemand erwartete, gerade weil ich keine bestimmte Struktur erzwingen wollte – also nahmen die Dinge im Web jede nur denkbare Form und Grösse an.»

Das frühe Web hatte deshalb eine diffuse, dezentrale Struktur. «Da es noch keine Giganten wie YouTube oder Facebook gab, die den Grossteil des Traffic auf sich zogen, hatte jede Website die Chance, gross rauszukommen», erzählt Tim Berners-Lee. «Zum Beispiel startete Craig Newmark, ein in San Francisco lebender Programmierer, 1996 eine webbasierte Mailingliste für lokale Events, die er ‹craigslist.org› nannte. Schon bald erweiterte er die Seite um Wohnungsanzeigen, Kontaktanzeigen, Diskussionsforen und die Rubrik ‹For Sale›. Craigslist war ein grosser Erfolg, der viral ging und sich in Städten auf der ganzen Welt verbreitete.»

Es sind diese Beispiele, die uns vor Augen führen, wie utopisch das Web damals war und heute noch sein könnte – und was auf dem Spiel steht, wenn sich einige wenige Konzerne die Macht im Netz untereinander aufteilen.

Tim Berners-Lee: This Is for Everyone. Die unvollendete Geschichte des World Wide Web. Rowohlt, 384 Seiten, 39.90 Franken; ISBN 978-3-498-00381-4

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783498003814

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 15.09.2025, Matthias Zehnder

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