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Sogar Goethe war beeindruckt: «Träume aus Feuer» von Florian Illies

Publiziert am 13. Juli 2026 von Matthias Zehnder

Als Johannes Kunckel im Februar 1686 in der Morgendämmerung über die Havel rudert, liegt das Wasser vor ihm «in einem edlen Silbergrau, als hätte jemand über Nacht das flüssige Element in eine unendliche Glasplatte verwandelt». Ein schöner Einstieg für ein Buch über Glas. Florian Illies erzählt und erklärt in seinem Buch, wie es dazu gekommen ist, dass diese Pfaueninsel in der Havel zur erfolgreichsten Glasmanufaktur im Barock geworden ist. Auf seiner Insel darf Kunckel laut Urkunde Öfen bauen, so viele er braucht, um die notwendige Hitze zu erzeugen – und er darf «experimentieren, was immer er will, darf versuchen, nachzumischen, was er Aufregendes von den berühmten Glasmachern aus Murano gesehen hat, und das Rubinglas zu einem noch tieferen Leuchten bringen», schreibt Florian Illies. Natürlich muss er auch für seinen Fürsten produzieren: Kristallglas, Rubinglas und Glas-Corallen, so steht es in der Schenkungsurkunde, aber vor allem darf er seine chemischen Experimente durchführen. «Und all das ohne argwöhnische Blicke und ohne Neider, die ihm seine geheimen Rezepte stehlen wollen – deshalb hat ihm der Kurfürst eine Insel geschenkt,» die niemand anderes betreten darf als Kunckel und seine Gehilfen.

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Florian Illies schildert also in seinem Buch den Moment, in dem aus dem Traum der Alchemie die Wirklichkeit der Chemie wird. Kunckel hat tagelang Golddukaten zu feinstem Pulver gerieben, das Pulver mit Salpetersäure und Salzsäure zu einer purpurroten Flüssigkeit vermischt – «niemand ausser ihm weiss, in welchem Verhältnis genau» – und gibt dieses «Königswasser» nun «beinahe zärtlich» in die heisse Glasmasse. Die Farbe verschwindet zunächst vollständig. Dann wird gerührt. Die ausgehärtete Teekanne kommt in den Ofen – heraus kommt ein langweiliges, durchsichtiges Glas. Wieder hinein. «Es ist, als errötete es vor Scham.» Die Schamesröte wird intensiver. Beim nächsten Gang in den Ofen beginnt das Rot zu leuchten. Dann stoppt Kunckel den Glasbläser: genug. «Was für ein Rot. Es ist wie ein Sonnenuntergang, der beschlossen hat, für immer in diesem Glas zu wohnen.» Kunckel muss schmunzeln: Man hatte ihn geholt, um Gold zu machen. Stattdessen lässt er das Gold verschwinden, «um es auf ganz andere, zauberhafte Weise in Rot wiederauferstehen zu lassen». Was in Wirklichkeit passiert – die Goldkolloide in der Glasmasse, kleiner als die Wellenlängen des sichtbaren Lichts, streuen das Licht zu Rubinrot –, das, schreibt Florian Illies, «wissen wir erst heute. Für Kunckel war es nur ein Wunder.»

Ein Wunder, das Kunckel mit seinen Rezepten herbeiführen kann. All die «Quacksalber und Alchemisten um ihn herum, die glauben immer ein bisschen zu sehr daran, dass sie magische Kräfte besitzen», schreibt Illies. «Kunckel hat das nie geglaubt. Er wollte schon immer den anderen Weg gehen. Nicht über den Hokuspokus, sondern über das Experiment.» Zum Beispiel hat Kunckel das Phosphor, das ein Doktor in Hamburg durch Zufall erfunden hat, so lange nachzubauen versucht, bis er das genaue Rezept hatte. Jetzt steht es sogar als «Kunckelscher Phosphor» in den Lehrbüchern.

Auf seiner Insel ist Kunckel sicher vor Spionen, am Hof des Fürsten hat er aber viele Neider. Der Grosse Kurfürst verliert einen Sohn, kränkelt, rudert noch einmal auf die Pfaueninsel, um bei seinem Alchemisten Trost zu suchen. Dann stirbt er. Der neue Hof will Kunckel nicht. Und eines Abends brennt die Glashütte. Kunckel steht auf seinem Kahn mitten in der Havel und schaut zu, wie seine Insel in Flammen steht. Er sieht seine Arbeiter, die noch Rubingläser aus dem Feuer gerettet haben. Das, schreibt Florian Illies, «rührt ihn, in aller ausweglosen Trauer».

Johann Kunckel ist kein Erfinder, er ist ein Vollender. Florian Illies schreibt: «Kunckel hat kein Gold gemacht, sondern das Gold der Dukaten benutzt, es klein gerieben – was für ein Akt der dekadenten Verschwendung.» Er hat sogar ein ganzes Buch über die Herstellung von Gläsern geschrieben: «Ars Vitraria», also die Glasmacherkunst. Eigentlich ist es eine Übersetzung des grossen Buchs von Antonio Neri, aber «Kunckel hat nicht nur übersetzt, sondern auch nachgekocht und nachgeblasen und im Jahre 1679 also den ersten praktischen Ratgeber in deutscher Sprache veröffentlicht». Goethe sei später sehr beeindruckt gewesen. Aber das hat Kunckel nie erfahren.

Kurz gesagt

Florian Illies erzählt in seinem Buch die Geschichte von zwei Männern: die des Alchemisten Johann Kunckel und die seines Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Es ist auch die Geschichte von zwei Welten: aufkeimende Wissenschaft hier, im Niedergang begriffene Fürstenwelt da.

Florian Illies: Träume aus Feuer. Der Alchemist von der Pfaueninsel. Pfaueninsel, 144 Seiten, 29.50 Franken; ISBN 978-3-69131-005-4

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783691310054

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 13. Juli 2026, Matthias Zehnder

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