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Sisyphos im Maschinenraum
Das autonome Fahren soll menschliches Versagen beseitigen und die Unfallzahlen drastisch reduzieren. In Japan freuen sich Hotelbesitzer über Empfangsroboter, weil sie viel bessere Manieren haben als Menschen. Und die Künstliche Intelligenz, die kann eh alles besser als der Mensch. Ein ehemaliger Chefentwickler von Google bezeichnete den Menschen gar «als letzten ‹Bug› im System». Sind wir auf dem Weg in eine Zukunft, die frei ist von Fehlern? Aber was heisst da schon fehlerhaft? Historikerin Martina Heßler stellt in ihrem spannenden Buch fest, dass diese Fehlerhaftigkeit des Menschen nur dann entsteht, «wenn man Menschen aus der Perspektive von Maschinen beschreibt». Aus der Sicht der Maschine verwandelte sich der als fehlerhaft charakterisierte Mensch in einen «unermüdlichen und technisierten Sisyphos, der stets neu auftauchende Defekte und Mängel von Menschen und Maschinen beseitigen und eindämmen muss». Denn das Anliegen, mit Hilfe von Maschinen eine Welt ohne Fehler zu schaffen, erweist sich als eine unendliche Spirale der Maschinisierung.
Martina Heßler schreibt deshalb: «Der moderne Sisyphos werkelt endlos im Maschinenraum.» Dabei hat sich die ganze Welt in eine maschinell gestaltete Wirklichkeit verwandelt: «Wir alle haben uns in Sisyphose verwandelt und sind dauernd damit beschäftigt, die technologische Bedingung der menschlichen Existenz funktionsfähig zu halten.» In ihrem Buch erzählt Martina Heßler von Fehlern, Mängeln und Defiziten, die aus dem Vergleich von Menschen mit Maschinen resultieren, sowie von den Bemühungen, menschliche Fehler maschinell zu beseitigen. Maschinen bringen in diesem Kontext immer das Versprechen mit sich, es besser, schneller, effizienter machen zu können. Allerdings immer nur aus der Sicht der Maschine. Denn Fehler, das zeigt Martina Heßler, gehören zur Entwicklungsgeschichte des Menschen. Die Menschen feiern sich dafür, «sie zu überwinden, aus ihnen zu lernen und somit Neues zu generieren.» Gleichwohl dominiere in der westlichen Kultur das Bestreben, keine Fehler zu machen. «Es wird über sie geklagt und lamentiert, manchmal werden sie akzeptiert, manchmal vertuscht und versteckt, es wird versucht, aus ihnen zu lernen. Vor allem aber sollen sie vermieden werden.»
Interessant ist dabei die Fixierung von uns Menschen auf das, was die Historikerin den «technological fix» nennt: die Vorstellung, dass Maschinen die Lösung seien für gesellschaftliche, ökonomische oder politische Aufgaben und Probleme. Bei genauerer Betrachtung erweisen sich die Maschinen aber nur als Lösungen für Probleme, die andere Maschinen vorher erst geschaffen haben. So wurde der Computer in den 1950er Jahren als Notwendigkeit erachtet, um die unzähligen Herausforderungen zu bewältigen, die allerdings erst aus dem Zurückbleiben der Menschen gegenüber den von ihnen konstruierten Maschinen resultierten. «Der Computer war die Rettung in einer selbstverschuldet hergestellten Situation», schreibt Martina Heßler. Technologische Lösungen dienen oft dazu, das Bisherige fortzusetzen, es wieder funktionsfähig zu machen und zu steigern. «Wenn die Informationsmenge zu gross wird, um noch von Menschen verarbeitet werden zu können, muss man technologische Mittel finden, um mehr Informationen zu verarbeiten; mehr Bürokratie soll mit KI bewältigt werden. Die vermeintlich disruptiven Technologien erweisen sich aus dieser Perspektive gar nicht als disruptiv, sondern lösen das Problem in der Logik des Problems, anstatt es kreativ völlig neu zu denken.»
Technologische Lösungen dienen oft zur Beherrschung einer Komplexität, die erst durch den Einsatz von Technik entstanden ist. Fragt sich: Wie verlässt man den Pfad der ständigen technologischen Leistungssteigerung in einer komplexen Welt, die stets komplexer wird? Wie kommen wir, statt diese Technik-Komplexität zu beherrschen, zu einer Komplexitätsreduktion?
Martina Heßler: Sisyphos im Maschinenraum. Eine Geschichte der Fehlbarkeit von Mensch und Technologie. C.H. Beck, 297 Seiten, 44.90 Franken; ISBN 978-3-406-82330-5
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783406823305
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