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Schnelles Lesen, langsames Lesen

Publiziert am 8. Mai 2019 von Matthias Zehnder

Jede Leserin, jeder Leser kennt es: das Wunder des Lesens. Die Augen folgen ein paar Zeichen auf einem Papier und schon sitzen wir auf einem Pferd und reiten durch die Savanne, ringen in einem U-Boot nach Atem oder sitzen am Tisch von Königin Elisabeth. Lesen ist tatsächlich ein Wunder, schreibt Maryanne Wolf: Die gesprochene Sprache ist in unseren Genen verankert – das Lesen ist es nicht. Deshalb müssen die Menschen das Lesen lernen und das ist zu Beginn manchmal mühsam. Das Gehirn ist aber so plastisch, dass stetige Übung neue Schaltkreise legt, welche die Zentren für Sehen, Sprache und Kognition höchst effizient verschalten und den Menschen mit der Zeit befähigen, so selbstverständlich zu lesen wie zu sprechen. Dabei entsteht im Gehirn ein eigentliches Lesenetzwerk und es kommt sogar zu zellulärer Spezialisierung. Auf diese Weise eignet sich der Mensch das Lesen so sehr an, dass es zu selbstvergessenem Lesen kommen kann: Der lesende Mensch vergisst, dass er liest, er erlebt, was er liest. Das ist das Lesewunder. Genau dieses Lesen aber ist in Gefahr, weil kaum mehr jemand wirklich selbstvergessen in ein Buch blickt. Die Aufmerksamkeit wird geteilt zwischen verschiedenen technischen Geräten und ihren Programmen. Der Geist hüpft von Attraktion zu Attraktion (vulgo: er surft), statt dass er sich selbstvergessen vertieft. Die erste Befürchtung lautet: Das Herumgehüpfe ist tiefergehenden Gedanken abträglich. Information, welche die Menschen unablässig als oberflächliche Unterhaltung berieselt, bleibt an der Oberfläche und steht wahrem Denken eher entgegen, statt es zu vertiefen. Es gibt aber noch eine zweite Befürchtung. Lesen ist nicht genetisch verankert, sondern angelernt. Wenn unsere Kinder nicht mehr lesen lernen, nicht mehr lernen, sich in ein Buch zu vertiefen, dann werden sie andere Gehirne entwickeln. Gehirne, die mehr für das flüchtige Verarbeiten vieler Reize gemacht sind. Davor warnt Maryanne Wolf eindringlich und plädiert dafür, Kindern das Papier nicht vorzuenthalten, sondern sie im Gegenteil weiterhin auf Papier schreiben und richtig lesen zu lehren. Denn wer lernt, langsam zu lesen, kann später schneller denken. Ganz nebenbei erläutert Maryanne Wolf spannende Zusammenhänge zwischen Lesen, Denken und Schreiben und gibt Einblick in die Leseforschung. Ein Buch, für das es nur ein mögliches Verdikt gibt: lesen!

Maryanne Wolf: Schnelles Lesen, langsames Lesen. Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen. Penguin Verlag, 304 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-328-60099-2

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783328600992

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Buchtipp zum Wochenkommentar vom 3. Mai 2019: Die 100 besten Romane

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps samt Link auf den zugehörigen Wochenkommentar finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/