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Praktischer Begleiter nach der Diagnose: «Diagnose ADHS – Was nun?» von Jan Kiesewetter
Etwa bei jedem zwölften Kind funktioniert das Gehirn leicht anders als bei den anderen Menschen: Die Diagnose ADHS trifft auf etwa 8 Prozent der Kinder zu. Bei Erwachsenen sind es 2,5 bis 3 Prozent. Viele von ihnen haben jahrelang darunter gelitten, dass sie anders funktionieren als ihre Kolleginnen und Kollegen. Sie haben sich unverstanden und als Aussenseiter gefühlt, kamen nicht zurecht mit Regeln und Stundenplänen oder fanden nicht aus dem Prokrastinieren hinaus. Für sie ist die Diagnose ADHS eine grosse Erleichterung: Endlich macht alles Sinn, sie wissen, dass sie nicht verrückt sind, sondern nur anders. Die grosse Frage ist, wie es nach der Diagnose weitergeht. Psychotherapeut Jan Kiesewetter diagnostiziert und behandelt in seiner Praxis jährlich über tausend Menschen mit ADHS. Sein Buch setzt an jenem Punkt nach der Diagnose an, wenn die erste Erleichterung der Frage weicht, was jetzt konkret zu tun ist. Jan Kiesewetter begreift ADHS als neurobiologische Besonderheit: eine andere, oft kreative Art, die Welt zu erleben. In seinem Buch erklärt er Diagnostik, gängige Therapieformen, ADHS bei Frauen, den ambivalenten Einfluss des Smartphones und das Konzept des Masking. Vor allem aber vermittelt er rund 150 Übungen, die Betroffenen ganz konkret dabei helfen, den Alltag zu bewältigen. Sein Buch wolle, schreibt Kiesewetter, «kein trockener Ratgeber sein, sondern eine Begleitung», eine «Einladung zum Schmunzeln, Nachdenken, Ausprobieren und zum Freundschaftschliessen mit dem eigenen ADHS-Gehirn».
ADHS galt lange als «Kinderkrankheit», als Zappelfilipp-Syndrom, das sich im Erwachsenenalter auswächst. Heute wissen wir es besser: ADHS ist eine neurobiologische Besonderheit, die auf einer veränderten Informationsverarbeitung im Gehirn beruht. Die typischen Symptome – Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität – treten unterschiedlich in Erscheinung und sie wachsen sich nicht einfach aus. Betroffene lernen, die Symptome zu maskieren. Bei vielen Erwachsenen bleibt ADHS deshalb oft lange unerkannt. Jan Kiesewetter schreibt, es sei «längst wissenschaftlich belegt: ADHS verschwindet nicht mit der Pubertät. Sie begleitet viele Menschen ins Erwachsenenalter – verändert sich jedoch in ihrer Ausprägung und Erscheinungsform.»
ADHS kommt im Erwachsenenalter anders zum Ausdruck. Ein wichtiger Punkt dabei: «Ein ADHS-Gehirn braucht oft mehr Reize, um in Gang zu kommen», schreibt Jan Kiesewetter. «Es ist nicht ständig ‹unter Strom›, wie viele denken, sondern eher unterstimuliert.» Betroffene müssen ihr Gehirn erst mal aktivieren. Was viele Menschen mit ADHS instinktiv tun, sei kurzfristig gesehen erstaunlich effektiv: «Sie bewegen sich, machen mehrere Dinge gleichzeitig, hören Musik, scrollen am Handy, kochen nebenbei.» Und dann springt das Gehirn plötzlich an: «Sie sind im Fluss, Sie funktionieren wieder. Das fühlt sich anfangs gut an.» Das Problem ist: Das Gehirn lernt, dass es extrem viele Reize braucht, um auf Touren zu kommen. Jan Kiesewetter schreibt: «So werden es immer mehr Reize, mehr Aktivitäten, mehr Aufgaben. Irgendwann wird es zu viel. Dann kippt das Ganze in Überforderung.» ADHS habe deshalb nichts mit «nicht wollen» zu tun, es sei oft «nicht können».
In seinem Buch bietet er deshalb Betroffenen jenseits von Therapie und Medikation konkrete Unterstützung mit 150 Übungen, die in sechs Kategorien geordnet sind: Struktur und Organisation, emotionale Regulation, Fokussierung und Aufmerksamkeit, Selbstwert, Achtsamkeit und Kommunikation. Jede der Übungen folgt demselben Aufbau: Ziel, Anleitung, Reflexionsfrage. Die «5-Minuten-Regel» soll Prokrastination überwinden, der «Nicht-jetzt-Stapel» hilft, ablenkende Gedanken zu parken ohne sie zu unterdrücken, die «Emotionsampel» macht Stimmungsschwankungen frühzeitig sichtbar. Besonders eindrücklich ist das Masking-Kapitel: Es beschreibt, wie viele Betroffene – besonders Frauen – ihre ADHS-Symptome jahrzehntelang hinter Perfektionismus und Überanpassung verbergen, und zeigt 25 konkrete Unmasking-Impulse, wie das schrittweise Ablegen dieser Schutzmuster gelingen kann.
Überhaupt verdient der Abschnitt zu ADHS bei Frauen besondere Aufmerksamkeit. Lange wurde die Diagnose an Symptomen orientiert, die vor allem bei Jungen auftreten: ausgeprägte Hyperaktivität, Impulsivität, störendes Verhalten. Bei Frauen zeigt sich ADHS anders: weniger äusserlich auffällig, dafür stark geprägt durch innere Unruhe, emotionale Dysregulation und Leistungsdruck. Hormonelle Schwankungen, etwa über den Menstruationszyklus oder in den Wechseljahren, können die Symptomatik erheblich verstärken; bei über 40 Prozent der Frauen mit ADHS liegt gleichzeitig eine prämenstruelle dysphorische Störung vor. Jan Kiesewetter widmet diesen Zusammenhängen ein eigenes Kapitel und liefert damit einen Überblick, der in der deutschsprachigen Ratgeberliteratur selten so ausgeführt zu finden ist.
Das Kapitel für Angehörige schliesslich verschiebt die Perspektive: ADHS betrifft nie nur die Betroffenen selbst. Partner und Familienmitglieder geraten oft in eine Eltern-Kind-Dynamik, in der sie zunehmend für beide denken und organisieren. Jan Kiesewetters Vorschlag lautet, ADHS nicht als «du gegen mich», sondern als «wir gegen das Problem» zu begreifen und führt konkrete Gesprächsregeln ein, darunter ein gemeinsames Codewort, das hitzige Diskussionen unterbricht, bevor sie eskalieren.
Sein Buch ist alltagstauglich und gut lesbar (auch für ADHS-Betroffene). Manchmal ist die Ansprache etwas gar direkt, dann wird das Buch zum typischen Selbsthilfebuch. Aber vielleicht ist es genau deshalb das, was Menschen, die nach einer ADHS-Diagnose brauchen: einfach zugängliche Tipps zur Selbsthilfe, gut organisiert, ohne viel Klimbim darum herum.
Jan Kiesewetter: Diagnose ADHS – Was nun?. Strategien, Tipps und Übungen für ein selbstbestimmtes Leben. Klett-Cotta, 240 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-608-86093-1
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783608860931
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 25.05.2026, Matthias Zehnder
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