Buchtipp

Letzter Tipp: Schlank mit System

Kompass Künstliche Intelligenz

Publiziert am 5. Januar 2026 von Matthias Zehnder

Marcel Salathé kennen viele Schweizer als Epidemiologen: Während der Corona-Pandemie gehörte er zu den Wissenschaftlern, die in Funk und Fernsehen die Viruserkrankung erklärten. Heute ist er Professor und Co-Direktor des AI Center an der EPFL in Lausanne. In diesem Buch führt er in verständlichem Plauderton ein in die Grundlagen der künstlichen Intelligenz. Er beginnt dabei mit einem Phänomen, das viele Menschen kennen: dem Gefühl, dass alles immer schneller geht. «Die Welt verändert sich durch die Kombination aus Internet und KI mittlerweile so schnell, dass wir uns ständig anpassen müssen – und zwar nicht mehr über Generationen hinweg, sondern innerhalb eines einzigen Lebens», schreibt er. Nichts ist mehr sicher, alles verändert sich und das immer schneller. In seinem Buch führt Salathé verständlich ein in die Funktionsweise der KI, in maschinelles Lernen und neuronale Netze. Er pflegt dabei einen optimistischen Ton. Seine Begeisterung für die Technik dringt immer wieder durch.

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Seine eigentliche Einführung in die KI beginnt er mit der «Rohstoffen» der KI: Daten, Chips und Energie. Er führt ein in die Grundlagen neuronaler Systeme, erklärt die grosse Bedeutung der GPUs, jener Chips also, die alle rechenintensiven Aufgaben erledigen, und zeigt damit auch, warum KI-Systeme so viel Energie benötigen. Die Arbeit eines neuronalen Netzwerks erklärt er anhand der Bilderkennung. Er erzählt also, wie die Maschinen gelernt haben, zu sehen. Dabei fällt ein durchwegs positiver Grundton auf: Im Text von Marcel Salathé klingt immer wieder Bewunderung für die grosse Leistung der Maschine durch: «Lassen Sie uns hier kurz innehalten und uns bewusst machen, dass das, was ich gerade geschrieben habe, vor wenigen Jahren noch wie Science-Fiction geklungen hätte. Mit einer Maschine so zu kommunizieren, als wäre sie ein Mensch, war lange Zeit vollkommen unvorstellbar und galt als ultimatives Zeichen dafür, dass Computer menschliche Intelligenz erreicht haben.»

Er erklärt gut nachvollziehbar, wie ein Large Language Model funktioniert und warum es in der Lage ist, sinnvolle Antworten zu generieren. Insbesondere erklärt er, wie die Modelle anhand von «Wort-Landkarten» in der Lage sind, Begriffe zu verstehen. Er geht nicht darauf ein, dass die KI nur die Zeichenebene im Griff hat, weist aber darauf hin, dass die Modelle Schwächen haben und folgert: «Wir müssen lernen, damit umzugehen.» Das klingt einfach. Das Problem ist, dass dafür etwas nötig ist, das in einer sich immer schneller verändernden Welt zunehmend kostbar wird: «Zeit zum Nachdenken. Zeit, um innezuhalten und zu prüfen, ob etwas echt ist oder nicht.»

Spannend sind seine Ausführungen über die Rolle der KI in der Bildung und in der Medizin. Salathé zeigt, welche konkreten Möglichkeiten die KI für eine individuelle, medizinische Begleitung bietet. So können spezialisierte Apps schon heute die Ernährung anhand von Fotos erfassen. Noch sind die Analysen nicht perfekt, aber sie liefern bereits erstaunlich gute Annäherungen. «Wenn ich meine Ernährung über mehrere Tage hinweg so dokumentiere, kann die KI meine Essgewohnheiten analysieren und daraus lernen. Anschliessend könnte ich der KI meine Ernährungsziele mitteilen, etwa mehr Protein zu essen oder weniger Zucker zu konsumieren. Die KI vergleicht diese Ziele mit meiner tatsächlichen Ernährung und macht mir basierend darauf konkrete Empfehlungen», schreibt Salathé. Weil die KI den aktuellen Stand der Ernährungsforschung kenne, lasse sich sicherstellen, dass «die Vorschläge der KI nicht nur praktikabel, sondern auch gesundheitlich unbedenklich sind.» Er sei «optimistisch, dass wir die verbleibenden Hürden überwinden können», schreibt Salathé. Mit der Zeit könne die KI zu einem «erweitertes Bewusstsein» werden, das «uns unterstützt, im richtigen Moment die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Kontrolle bleibt dabei immer bei uns: Wir legen fest, welche Ziele wir verfolgen wollen. Die KI kann uns dann sanft an diese Ziele erinnern, uns genau dann motivieren, wenn wir es besonders brauchen, und uns für kleine Erfolge bestärken.»

Interessant ist dabei, dass die Zusammenarbeit von Mensch und KI oft keine Verbesserung gegenüber der Arbeit eines Menschen oder der KI allein bringt. Der laut Studien häufigste Grund dafür: eine falsche Aufgabenverteilung. «Wenn Mensch und KI dieselben Aufgaben bearbeiten, statt ihre jeweiligen Stärken zu nutzen, verschlechtert sich das Endresultat. Um die Vorteile der Zusammenarbeit voll auszuschöpfen, müssen Menschen daher verstehen, wie KI funktioniert und wie sie diese optimal einsetzen können», schreibt Salathé. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit KI entstehe durch praktisches Ausprobieren und Lernen. «Je besser wir verstehen, wie KI funktioniert, und je häufiger wir sie einsetzen, desto mehr profitieren wir von ihr. Technologische Offenheit bedeutet deshalb vor allem eines: den Mut zu haben, mit KI zu arbeiten und dabei ständig dazuzulernen.»

Studien zeigen, dass dabei vor allem kompetente Personen von KI profitieren: «KI scheint also eher ein Qualitätsmultiplikator zu sein als nur ein zusätzlicher Helfer.» Salathé ist deshalb überzeugt, dass «ein hohes allgemeines Bildungsniveau» sich im KI-Zeitalter besonders bezahlt machen wird. Eine breit angelegte, lebenslange Weiterbildung im Bereich KI sei von zentraler Bedeutung. «Lebenslanges Lernen wird zur Notwendigkeit. Leider wird Weiterbildung heute oft noch als rein individuelle Entscheidung gesehen. Entsprechend fehlt vielerorts eine systematische Unterstützung.» KI-Kompetenz müsse so selbstverständlich werden wie Lesen und Schreiben.

Marcel Salathé: Kompass Künstliche Intelligenz. Ein Reiseführer durch eine Welt in verrückten Zeiten. Wörterseh, 256 Seiten, 27.90 Franken; ISBN 978-3-03763-168-3

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783037631683

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 05.01.2026, Matthias Zehnder

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