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In den Echokammern des Fremden

Publiziert am 4. Dezember 2025 von Matthias Zehnder

Martin R. Dean ist ein «Farbiger». So sagt er es selbst. Er ist als Sohn einer Schweizer Mutter und eines Indisch-Trinidadeschen Vaters in Menzikon im Kanton Aargau aufgewachsen. In diesem Essay-Band hat er Texte über sein Fremdsein versammelt. Die einzelnen Essays greifen dabei so stark ineinander, dass sich das Buch liest, als wäre es aus einem Guss geschrieben. Den Auftakt macht ein Text über ein Plakat aus dem Jahr 1986, auf dem Polaroids von Schweizer Schriftstellern zu sehen sind. Zwischen diesen Portraits von Max Frisch und Peter Bichsel, Adolf Muschg und Erica Pedretti ist ein junger Mann mit Schnauz zu sehen: Martin R. Dean. «Ich war der einzige Farbige unter den Schreibenden, aber das fiel gar nicht auf, weil die meisten auf den Polaroids etwas zerzaust und bohemienhaft dreinschauten», schreibt Dean. Um sich gleich zu fragen: «Wir wird man Schriftsteller, wenn man in einem bildungsfernen Arbeiterhaus, innerhalb einer bikulturellen Einwandererfamilie aufwächst? Woher nimmt man die Disziplin, hunderte von Seiten vollzukritzeln, wenn es niemanden gibt, der es einem vormacht?» Das ist die Fremdheit, die Martin R. Dean in seinen Essays auslotet: die Herkunft aus dem Aargauer Dorf, die Stumpen rollenden Grosseltern, das Aussenseiter-sein und, immer wieder, die Hautfarbe. «Mein Werdegang erscheint mir heute wie ein einziger Zickzackweg. Aber ist er nicht vielmehr geradlinig in seiner Notwendigkeit, den Verwechslungen zu entkommen?»

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Als er ein kleiner Junge war, galten die italienischen Gastarbeiter in der Schweiz noch als fremde «Tschinggen» und das «Riz Casimir»-Rezept bei Betty Bossi als Gipfel des Exotischen. Wie fremd muss sich der dunkelhäutige Martin im Aargauer Dorf gefühlt haben. Bloss in einem Punkt war die dunkle Hautfarbe ein Vorteil: Auf dem Fussballplatz galt er als Könner. Die nicht-weissen Fussballer im Fernsehen wie der Portugiese Eusébio waren die grossen Stars. Dieses Narrativ übertrugen die Aargauer Jugendlichen auf den Bolzplatz: Der nicht-weisse Martin galt plötzlich als Ausnahmekönner Wir Leserinnen und Leser realisieren, dass auch das nichts anderes ist als Rassismus – bloss mit umgekehrten Vorzeichen. Martin R. Dean sorgt in seinen Essays immer wieder für solche Lektüremomente, indem er das gut Schweizerische, das Normale und Übliche, abklopft auf Hohlstellen, in denen der Rassismus wuchert wie ein Schimmelpilz.

Dabei macht er auch vor seinen eigenen Helden nicht Halt. Er bewundert zwar die Sprachmacht von Hermann Burgener, legt aber anhand von dessen Zigarrenkonsum schonungslos offen, wie anders, wie kolonial der grosse Schriftsteller dachte: «Für mich, der ich die ersten zwölf Monate meines Lebens auf einer ehemaligen Sklavenplantage verbracht hatte, war die Tabakpflanze keine Obsession, die den Gaumen und den Kopf reinigt, Schmerzen und Müdigkeit vertreibt, Zahnweh und andere Wehwehchen stillt, und sie war auch kein Mythos. Vielmehr war sie ein Kolonialprodukt, an dem das Blut der Sklav*innen klebte. Ich konnte das Kraut nicht vom Unrecht seiner Gewinnung trennen, geschweige denn von der Ambivalenz, die es im Leben meiner Grosseltern dargestellt hatte. Die Verarbeitung von Tubak hatte ihnen ein Auskommen ermöglicht, und zugleich war die Tabakindustrie, Burger und Villiger, der Grund für ihr lebenslanges Darben und zuletzt ihre Krankheiten.» Obwohl Hermann Burger und Martin R. Dean beide aus Menzikon im Kanton Aargau stammen, haben sie sich genau gegenläufig verhalten: Während Burger als Heimatdichter immer auch ein Heimatvernichter war, sorgt sich Dean um seine Schweizer Heimat – auch wenn er dafür manchmal zum Skalpell greifen und eine eitrige Stelle aufschneiden muss.

Er stellt zum Beispiel trocken fest, dass die Grossmutter von Thomas Mann aus Brasilien stammte und damit People of Color war – was Thomas Mann selbst zu einem PoC machte. Das wurde aber «weder im Literaturbetrieb noch in der For­schung verhandelt», schreibt Dean. «Die deutschsprachige Literatur hatte sich hauptsächlich an den Traumata des Zweiten Welt­kriegs abgearbeitet, aber vom Trauma der Migration erst unlängst Kenntnis genommen, obwohl ihre Länder eine stete Migration zu verzeichnen hatten. Jahrelang hatte man den grossen Wenderoman gefordert, aber niemand war auf die Idee gekommen, einen Migrationsroman zu fordern.» Ganz besonders gilt das für den globalen Süden: «Afrika und die Karibik waren, bis auf wenige Ausnahmen, Terra incognita.» So zog Martin R. Dean «als nicht weisser Autor in eine Literatur ein, die ihre eurozentrische Selbstbezo­gen­heit nie infrage gestellt hatte.»

Schön an den Essays von Martin R. Dean ist ihre sprachliche Präzision. Viele der Texte sind zwar ursprünglich in Tageszeitungen erschienen, sie sind aber nicht in einer journalistischen Gebrauchssprache geschrieben. Das ist Literatur. Ein kleines Beispiel: «Seit Frisches Rede Die Schweiz als Heimat nimmt man das Wort Heimat nur zögerlich in den Mund, man beisst, wie schon Frisch, auf Anführungszeichen.» Oder: «Eine Stadt ist wie ein Blätterteig, der unterschiedliche Zeitschichten in sich vereint.»

Immer wieder hält Martin R. Dean uns in seinen Essays den Spiegel vor und legt mit sanfter Stimme offen, wie wir Mehrheitsweissen andersfarbige, andersdenkende und anderstickende Menschen blossstellen, negieren und ablehnen. Er selber habe, schreibt er, den gegen ihn gerichteten Rassismus wie eine Fussfessel empfunden. Wenn andere sie wahrnehmen oder gar beim Tragen helfen, seien sie nicht mehr so schwer. «Manchmal hatte ich die Fesseln kaum gespürt, dann wieder hatten sie mich nicht nur am Vorankommen, sondern a aufrechten Gang gehindert. Ich war mir bewusst, dass es Millionen hab, die mit diesen Fussfesseln lebe mussten.» Und so gilt für Martin R. Dean, was er über James Baldwin und dessen Essay «Fremder im Dorf» schreibt: Er prägt der Schweizer Literaturgeschichte eine Schwarze Identitätssuche ein und sorgt auf diese Weise dafür, das die Schweiz (wenigstens ein bisschen) ihre Farbenblindheit verliert.

Martin R. Dean: In den Echokammern des Fremden. Essays. Atlantis, 192 Seiten, 24 Franken; ISBN 978-3-7152-5809-6

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783715258096

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 04.12.2025, Matthias Zehnder

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