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Hörensagen

Publiziert am 15. April 2021 von Matthias Zehnder

Werden die Menschen faktenresistent? Das ist die Ausgangsfrage im klugen Buch der Schwedischen Philosophin Åsa Wikforss über die Wahrheitsfindung in einer Welt, die immer faktenfeindlicher wird. Natürlich gab es schon immer Menschen, die in unterschiedlicher Weise die herkömmlichen Auffassungen von der Welt, in der wir leben, infrage stellten. Doch 2016, mit der Wahl von Donald Trump, passierte etwas völlig neues: Plötzlich schien es, als lebten wir nicht mehr alle in einer Wirklichkeit und als könnten wir uns nicht einmal mehr auf die grundlegenden Fakten darüber verständigen, wie die Welt ist. Mit der Pandemie ist es nur schlimmer geworden: Wir ertrinken in Fake News, Verschwörungstheorien und verzerrten Tatsachenberichten. Es breitet sich Widerstand gegen die Wissenschaft aus, ja es ist vom Tod des Expertentums die Rede. Politiker scheren sich zum Teil nicht im Geringsten um die Wahrheit und tragen aktiv dazu bei, zu desinformieren, zu spalten und das Vertrauen in die wissenschaftlichen Institutionen zu untergraben. «Wir leben in einer Zeit des Postfaktischen und der alternativen Fakten», schreibt Åsa Wikforss. Nach der Amtseinführung von Donald Trump am 20. Januar 2017 brach ein Streit um die Zahl der Zuschauer aus. Trumps damaliger Pressesprecher Sean Spicer behauptete, es sei das grösste Publikum, das je in Washington gewesen sei, um an einer Amtseinführung teilzunehmen. Bilder von der Amtseinführung von Barack Obama aus dem Jahr 2009 zeigten jedoch, dass damals viel mehr Menschen versammelt waren.

«Dieser dreiste Versuch, Tatsachen zu leugnen, machte mich wütend, und ich hatte den Eindruck, dass es Zeit wurde, mich als Philosophin in die Debatte einzumischen», schreibt Åsa Wikforss. Das Ergebnis ist dieses Buch. Åsa Wikforss, Professorin für theoretische Philosophie an der Universität Stockholm, erläutert darin aus philosophischer und psychologischer Perspektive die Bedrohung, der die Wissenschaft permanent ausgesetzt ist. Und sie gibt den Leser:innen Werkzeuge an die Hand, um diesen Bedrohungen zu begegnen. Ihr Ausgangspunkt liegt dabei im Philosophischen: «Es geht mir darum, begreiflich zu machen, was Wissen eigentlich ist, warum die Wahrheit so schwer zu fassen ist und weshalb es keine alternativen Fakten gibt», schreibt sie.

Zugleich zeigt sie aber auch, warum wir Menschen so anfällig für Falschaussagen sind und welche psychologischen Mechanismen dazu führen, dass wir verfügbares Wissen einfach ausblenden. Diese Mechanismen seien «eine Art innerer Feind, sie führen zu verzerrten, emotional aufgeladenen Denkmustern und spielen dadurch auf gefährliche Weise den äusseren Feinden in die Hände: bewussten Lügen, Desinformation und Propaganda». Die entscheidende Frage ist natürlich, was wir tun können, um uns vor Faktenfeindlichkeit und Lügen zu schützen. Dabei käme den Schulen eine zentrale Rolle zu. «Allerdings deutet vieles darauf hin, dass unsere Schulen schlecht dafür gerüstet sind, Angriffen auf die Wissenschaft zu begegnen», schreibt Åsa Wikforss. Die Anfeindungen gegen die Wissenschaft seien «zweifellos eine der grössten Herausforderungen der Gegenwart, und jeder Einzelne von uns muss seinen Teil dazu beitragen».

Denn Wissen ist wichtig. «Natürlich haben wir das Recht zu glauben, was wir wollen.» Wenn man aber glaube, was man will, statt das zu glauben, wofür es gute Gründe gibt, verweigere man sich «wissenschaftlichen Erkenntnissen, die es bereits gibt, und das hat Konsequenzen.» So haben Impfgegner haben dazu beigetragen, dass sich die Masern wieder in Europa ausbreiten konnten. 2018 gab es sechzigtausend Fälle, zweiundsiebzig davon führten zum Tode, und 2019 hat sich die Ansteckungsgeschwindigkeit noch verdoppelt. Das alles wäre vermeidbar gewesen. Klimaleugner im Weissen Haus haben bewirkt, dass die USA aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen sind, mit verheerenden Folgen für den Planeten. Und Forscher haben gezeigt, dass in denjenigen US-Staaten, in denen der Abstand zu Hillary Clinton besonders gering war, aller Wahrscheinlichkeit nach Fake News zum Sieg Donald Trumps geführt haben.

Natürlich, schreibt Åsa Wikforss, «fing es nicht erst mit Trump an, und es wird wohl auch nicht mit ihm enden. Dennoch personifiziert er die Ära des Postfaktischen, weil sich in ihm all dessen Komponenten vereinigen.» Trump habe offensichtlich kein Interesse an wissenschaftlichen Erkenntnissen gehabt. Er «bemühte sich bei Regierungsbeschlüssen nie darum, vorher die Faktengrundlage zu prüfen, und stellte konsequent Mitarbeiter ein, die keinerlei Expertise auf ihrem Zuständigkeitsgebiet haben.» Zu Beginn ihrer Arbeit an diesem Buch habe die Sorge gestanden, «die demokratischen Institutionen der USA könnten einer Präsidentschaft Donald Trumps möglicherweise nicht standhalten.» Das System zeigte sich jedoch widerstandsfähiger als befürchtet. Medien und Gerichte beispielsweise stellen sich Trump immer wieder entgegen. «Noch besorgniserregender erscheint mir inzwischen der Blick auf Europa, wo sich in immer mehr Ländern antidemokratische Kräfte Gehör verschaffen und sich auf geschickte Weise Desinformation unterschiedlichster Art zunutze machen.» Denn Wissen ist und bleibt für die demokratische Gesellschaft von grosser Bedeutung: «Autoritäre Herrscher beginnen immer zunächst damit, sich der Wahrheit zu bemächtigen.»

Denn die effizienteste Möglichkeit, die Menschen zu beeinflussen, besteht nicht darin, sie zu zwingen, etwas zu tun, sondern darin, sie dazu zu verleiten. «Die Desinformationskampagnen unserer Zeit sind deshalb so gefährlich, weil sie nicht als solche daherkommen. Statt die Menschen mit eindeutigen politischen Botschaften zu bombardieren, wie zu Sowjetzeiten, bringen sie Falschmeldungen und verzerrte Darstellungen in Umlauf, die darauf zugeschnitten sind, unsere Ängste und Sorgen zu bedienen und uns dazu zu bringen, sie aktiv weiterzuverbreiten.» So schleiche sich fast unbemerkt ein verzerrtes Weltbild ins unseren Gesellschaften ein. Der Kampf um die Wirklichkeit wird immer mehr zu einem Kampf um die Glaubwürdigkeit von Quellen, und es sind deutliche Tendenzen erkennbar, dass das Vertrauen immer stärker polarisiert und politisiert wird. Ein spannendes und ein wichtiges Buch, weil es die Auseinandersetzung um Fake News und Wahrheit auf eine philosophische Basis stellt.

Åsa Wikforss: Hörensagen. Wahrheitsfindung in einer faktenfeindlichen Welt. HarperCollins, 304 Seiten, 26.90 Franken; ISBN 978-3-7499-0109-8

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783749901098

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