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Gute Nacht, Gehirn
Volker Busch ist Leiter einer neurowissenschaftlichen Arbeitsgruppe an der Klinik für Psychiatrie der Universität Regensburg. Er erforscht die psychophysiologischen Zusammenhänge von Stress, Schmerz und Emotionen. Seit 2020 erklärt er in seinem Podcast «Gehirn gehört» die Zusammenhänge zwischen dem Gehirn und dem Denken, Neurologie und Gefühlen. In diesem Buch arbeitet er die wichtigsten Themen seines Podcasts gut lesbar auf. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie unser Gehirn in der hektischen und überladenen Zeit, in der wir alle leben, zur Ruhe kommen kann. Denn Ruhe braucht es, möglichst täglich. Busch schreibt, das Gehirn brauche stille Phasen, die es für wichtige interne Aufgaben zu nutzen scheine. Busch ruft insbesondere dazu auf, vor dem Schlaf zur Ruhe zu kommen. Diese Ruhe vollziehe eine Verwandlung in uns: «Wir gewinnen Klarheit, weil wir endlich etwas Zeit finden, unsere Gedanken zu ordnen und Gefühle zu sortieren.» Klarheit etwa für Entscheidungen, aber auch Raum für Fantasie und Inspiration. Volker Busch schreibt: «Gute Gedanken am Abend schenken uns Klarheit im Kopf und Frieden im Herzen.» Spannend an seinem Buch ist, dass er das neurologisch begründen kann. Die einzelnen Kapitel über Fantasie, Intuition, Stille, Selbstliebe, Gewohnheiten, das kleine Glück, das Gift der Vergleiche und Akzeptanz bestehen jeweils aus kurzen Wissenshäppchen und einzeln ausgeführten Gedanken. Man muss das Buch deshalb nicht in langen Zügen lesen, sondern kann es häppchenweise geniessen, zum Beispiel vor dem Einschlafen.
Spannend ist dabei schon die Ausgangslage: Volker Busch plädiert für Ruhe vor der Ruhe. Also für bewusstes Herunterfahren vor dem Einschlafen. Er schreibt: «Die Gedanken vor dem Zubettgehen können Sie sich wie eine Saat vorstellen, die Sie zu später Stunde in Ihr Gehirn pflanzen.» Studien zeigen, dass «in unserem Gehirn bevorzugt jene Gedanken keimen, deren Saat wir ganz bewusst am Ende des Tages setzen». Das heisst auch: Wer voller Ängste, Selbstvorwürfen oder Traurigkeit ins Bett geht, «macht deshalb genau diese Gefühle über Nacht stark.» Wer es dagegen schafft, sich voller ruhiger und positiver Gedanken in Morpheus Arme zu begeben, lässt im Schlaf auch Positives heranwachsen, «sei es eine kluge Erkenntnis oder eine nützliche Idee».
Besonders beeindruckt hat mich das Kapitel über Stille. Nun wissen wir alle, dass unsere Welt lärmig ist und seit der Industrialisierung lärmiger geworden ist. Aber es gibt nicht nur den akustischen Lärm. Volker Busch sagt, was uns heute akustisch überreize, seien nicht nur die Geräusche: «Einen Grossteil der Lautstärke produzieren wir nämlich selbst, und zwar in unserem Kopf.» Der Grund dafür seien die vielen Informationen, die wir aufnehmen, die Tausende gelesenen oder gehörten Wörter. «Informationen transportieren nicht nur Botschaften und Nachrichten, sie werden zur Grundlage von Gedanken und Gefühlen, die mehr oder weniger lautstark durch unseren Schädel kreisen», schreibt Busch. «Viele von ihnen wühlen uns auf, machen uns unruhig und lassen uns innerlich nicht zur Ruhe kommen: Aufgaben, Verpflichtungen, Termine, aber auch Sorgen, Ängste und Selbstvorwürfe.» Das bedeutet nichts anderes, als dass die äussere Reizflut einen inneren Lärm erzeugt.
Gegen diese Form des Lärms hilft weder Dreifachverglasung noch Ohropax. Volker Busch sagt, es sei der «der Abstand, der uns die heilsamste Form der Stille» schenke. Er sagt, diese innere Stille führe dazu, dass «die Gedanken und Gefühle, die unentwegt an Aufgaben erinnern, zu mehr Leistung auffordern oder Misserfolge kritisieren» sich beruhigen. «Stille lässt sie bestenfalls gänzlich verstummen, was dazu führt, dass sich die feinen Kommunikationskanäle zu uns selbst wieder öffnen: Die sogenannte innere Stimme wird hörbar.» Im besten Fall spüren wir dann plötzlich, was wir wollen, und «wir gewinnen Gewissheit darüber, wie eine bestimme Angelegenheit zu handhaben ist. Die Verwirrung legt sich. Aus diesen Gründen sagt man auch: Stille schenkt Klarheit.»
Ein eher esoterischer Ratgeber würde es bei diesem Rat belassen. Spannend am Buch von Volker Busch ist, dass er es neurologisch und mit Studien belegen kann, warum die Still e wirkt und was dann passiert.
Volker Busch: Gute Nacht, Gehirn. Gedanken, um zur Ruhe zu kommen. Droemer/Knaur, 256 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-426-56637-4
Erhältlich ist das Buch hier: https://biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783426566374
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 13.11.2025, Matthias Zehnder
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