Buchtipp

Erbsünde

Publiziert am 5. Oktober 2018 von Matthias Zehnder

Dieses Buch ist so spannend wie ein Mafia-Thriller, doch er handelt von den Machenschaften hinter den Mauern des Vatikans. Viel zu denken gibt es dabei, ehrlich gesagt, nicht. Aber es gibt zu denken.

Der italienische Investigativjournalist Gianluigi Nuzzi ist einer der besten Kenner des Vatikans. In bisher drei Büchern hat er die schmutzigen Geschäfte der Kurie und die geheimen Abläufe hinter den Mauern des Vatikans ans Licht gebracht. In Vatikan AG (2008) hat er sich den Strömen von Schmiergeldern gewidmet, die durch die Vatikanbank IOR geschleust wurden, sowie die Verdunkelungs- und Verschleierungsstrategie des Vatikans. Mit Seine Heiligkeit (2012) hat er die Vatileaks-Affäre losgetreten. Im Buch zeigt Nuzzi, wie die Monsignori hinter den Mauern des Vatikans mit harten Bandagen gegeneinander kämpfen und wie sie Politik machen. 2015 erschien Alles muss ans Licht, ein Buch, in dem es um chaotische Buchführung, fragwürdige Einnahmen bei Selig- und Heiligsprechungen und Fälle von Bereicherung und Vertrauensbruch im Vatikan geht. Erbsünde ist sein jüngstes Buch. Nuzzi schreibt, er gehe in seinem neusten Buch sieben konkreten Fragen nach, die in meiner nunmehr zehnjährigen Arbeit als investigativer Journalist noch offen geblieben sind, und runde damit eine Recherche ab, deren Ergebnisse ich mit Vatikan AG, Seine Heiligkeit und Alles muss ans Licht schon vorlegen konnte. Die sieben Fragen lauten: Wurde Johannes Paul I. ermordet? Wer hat Emanuela Orlandi entführt? Was hat der Vatikan mit dem Entführungsfall zu tun? Warum scheitern alle Reformen, mit denen erst Papst Benedikt XVI. und nun Papst Franziskus für eine transparentere Kurie sorgen wollten? Was steht einer Veränderung im Wege? Bestimmen die Händler im Tempel, die beim Rücktritt von Benedikt XVI. eine Rolle spielten, noch immer die Geschicke der katholischen Kirche? Und schliesslich die entscheidende Frage: Gibt es ausserhalb und innerhalb des Vatikans Personen, die sich gegen Papst Franziskus stellen, die sein Reformwerk behindern und die für den aktuellen Reformstillstand verantwortlich sind? Nuzzi ging bei der Beantwortung der Fragen vor wie ein Mafia-Ermittler: Er folgte der Spur des Geldes. Das Resultat liest sich wie ein Thriller. Standesgemäss drehen sich die Recherchen um Geld, Tod und Sex. Den Vatikan umgebe ein dichtes Netz aus undurchsichtigen Interessen, Gewalt, Lügen und Erpressung, das jede Veränderung im Keim ersticke. Laut Nuzzi sind nicht spirituelle Fragen, sondern dieses undurchdringliche Gespinst für die Glaubenskrise der katholischen Kirche verantwortlich. Ein Schlüsselereignis in den Recherchen ist der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. Laut Nuzzi ist dieser Rücktritt nicht einigermassen spontan erfolgt. Der Papst, schreibt Nuzzi, habe seinen spektakulären Rücktritt vom Februar 2013 bereits im Winter 2011 geplant und detailliert vorbereitet. Genau in diese Zeit fallen die heftigsten Auseinandersetzungen im Vatikan. Benedikt XVI. wollte die Probleme angehen und seinem Nachfolger die Steine aus dem Weg räumen. Als die Kurie ihm in die Arme fiel, beschloss er, zurückzutreten. Unter Papst Franziskus, schreibt Nuzzi, wiederhole sich dasselbe. Die Massen jubelten ihm zu, die Kurie torpediere sein Handeln. Eigentlich fürchterlich. Nichtsdestotrotz: Das Buch liest sich spannend, stellenweise wie ein Agententhriller. Würden nicht Menschen wie der Kommandant der Schweizer Garde zitiert, könnte man meinen, es seien Auszüge aus einem Roman von Dan Brown. Doch die Originaldokumente im Anhang des Buches beweisen: Es ist keine Fiktion. Das sind Fakten.

Gianluigi Nuzzi: Erbsünde. Papst Franziskus einsamer Kampf gegen Korruption, Gewalt und Erpressung. Orell Füssli, 350 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-280-05685-1

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Buchtipp zum Wochenkommentar vom 5. Oktober 2018: Fünf Denkanstösse an Stelle eines Wochenkommentars

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps samt Link auf den zugehörigen Wochenkommentar finden Sie hier:

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