Buchtipp

Letzter Tipp: Zukunft denken

Digitalität. Zur Philosophie der digitalen Lebenswelt

Publiziert am 22. September 2022 von Matthias Zehnder

Jeder und jede erlebt es am eigenen Leib, dass die Welt immer digitaler wird. Die Digitalisierung prägt auch das alltägliche Leben und verändert es. Mitunter entsteht eine eigene, digitale Lebenswelt. Es entsteht das, was Jörg Noller als «Digitalität» bezeichnet. Worin besteht nun aber der philosophische Unterschied zwischen Digitalität und Digitalisierung? Noller sieht drei Kategorien, welche die Digitalität auszeichnen. Da ist zuerst das, was er «Ubipräsenz» nennt. Im digitalen Raum sind Zeit und Ort aufgehoben: Ein digitales Objekt kann immer und überall sein. Es ist nicht an einen bestimmten Ort gebunden und verbraucht deshalb auch keine Zeit. Ein Beispiel dafür ist digitales Geld.

Die zweite Kategorie ist die der Interobjektivität. Noller schreibt: «Digitale Objekte stehen in viel intimeren Relationen zueinander, als es physikalische Objekte tun. Die Spaltung zwischen Subjekten und Objekten wird somit immer mehr aufgehoben.» Künstliche Intelligenz zum Beispiel führt dazu, dass in der Digitalität Objekte Beziehungen untereinander entwickeln. So wie Menschen eine Intersubjektivität pflegen, geht es dann um die Interobjektivität zwischen den digitalen Objekten. Künstliche Intelligenz ist selbst kein Lebewesen. Trotzdem lässt sie sich in «lebensweltliche Kontexte nahtlos integrieren».

Die dritte Kategorie ist die der Transsubjektivität. Die Menschen digitalisieren immer mehr Aspekte ihrer eigenen Persönlichkeit: Ideen, Gedanken, Meinungen oder Gefühle. Noller schreibt, dass sie vom Internet aufgenommen und vom Individuum, das sie hervorgebracht hat, abgelöst werden. Das führt im Extremfall dazu, dass das schwerfällige Wesen Mensch unnötig wird und die Technik nur noch von Technik gesteuert wird. 

Die drei Kategorien der Digitalität sind so neu für die Welt, dass sie zu einer neuen Ethik, einer neuen Ästhetik, einer neuen Bildung und damit auch einer neuen Aufklärung führen. Wir brauchen laut Noller eine neue ethische Perspektive, weil digitale Gegenstände eben nicht mehr nur passive Gegenstände sind, sondern selbst zu Subjekten werden können. Eine Ethik der Digitalisierung nur als Medienkompetenz zu verstehen, greift deshalb zu kurz. Anders gesagt: Das Internet ist eben nicht nur ein Informationsmedium, sondern auch ein Handlungsraum. «Das Böse im Zeitalter der Digitalität ist ein virtuelles Böses. Damit ist nicht gemeint, dass das Böse nur eine Simulation sei. Es ist genauso real wie dasjenige Böse, was uns traditionellerweise im Alltag begegnet, nur eben nicht raumzeitlich gebunden.» Auch das Böse ist digital. «Die Dezentralität des Internets führt dazu, dass sich das Böse nicht nur tarnen, sondern auch entziehen kann, indem es seine Spuren verwischt.» Wie diese Ethik der Digitalität aber aussehen soll, verrät Noller nicht. 

Genauso braucht die Digitalität eine neue Ästhetik, also ein Nachdenken darüber, was schön ist. Neu an der Ästhetik in der Digitalität ist, dass Simulation, Wirklichkeit, Illusion und Fiktion neu gefasst werden müssen, weil die Grenzen dazwischen verschwimmen. Im digitalen Raum sind zudem Original und Kopie nicht unterscheidbar. Das Individuelle als wesentliche Kategorie der Kunst verschwindet.

Zum Schluss widmet sich Noller der Aufklärung der Digitalität, also der Frage, wie Kants Aufforderung, die Vernunft ohne Anleitung eines anderen zu gebrauchen, im digitalen Raum Folge geleistet werden kann. Wenn wir das Internet und die Digitalität also blosse Technik und als Instrument verstehen, «laufen wir Gefahr, in eine rein passive Haltung zur Digitalisierung zu geraten». Aufklärung bedeutet, digitalen Inhalten gegenüber keine reine Konsumhaltung einzunehmen, sondern sich selbst aktiv einzumischen im grossen, virtuellen Dialog. 

Jörg Noller versammelt in seinem schmalen Band zur Philosophie der Digitalität spannende Gedankenanstösse und schlägt auf diese Weise die Brücke zwischen der (akademischen) Philosophie und der digitalen Lebenswirklichkeit. Denn das ist sie, die Digitalität: virtuell, aber wirklich.

Jörg Noller: Digitalität. Zur Philosophie der digitalen Lebenswelt. Schwabe Verlag, 123 Seiten, 23 Franken, ISBN 978-3-7965-4458-3

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783796544583

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