Buchtipp

Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert

Publiziert am 28. Juni 2019 von Matthias Zehnder

1996, als Sarah Spiekermann 22 Jahre alt war und das World Wide Web noch in den Kinderschuhen steckte, stieg sie bei der Firma 3Com ein, der damals wichtigsten Herstellerin von Netzwerkprodukten. Sie stieg rasch auf und wechselte zu einer Softwarefirma. Es hätte der Beginn einer typischen Silicon-Valley-Laufbahn werden können, wäre da nicht dieses ungute Gefühl gewesen, dass die Techniker und Ingenieure um sie herum in einem von der Welt abgeschotteten Technik-Sandkasten arbeiten und es Werte wie Wahrheit oder Nutzen für die Menschen nicht ernst nehmen. Also wechselte sie zurück in die Wissenschaft und begann, sich mit eben diesen Werten zu beschäftigen. Seit 2009 ist sie Professorin für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft an die Wirtschaftsuniversität Wien. 2016 hat sie da das Privacy & Sustainable Computing Lab gegründet. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die elektronische Privatsphäre und die digitale Ethik. Dieses Buch ist das Resultat ihrer Arbeit: eine Wertesystem für die digitale Welt.

Sarah Spiekermann sagt, digitale Systeme und ihr Output seien entschieden fehleranfälliger, als sich das der normale Manager, Politiker oder Journalist vorstellt: «Wer nicht selbst ein IT-System entworfen hat und die Datenstrukturen, Datenflüsse und Dateneigenschaften genau kennt, hat eigentlich selten eine Ahnung, was die Maschine macht.» Deshalb braucht die digitale Welt ein Wertesystem, damit der Fortschritt im digitalen Zeitalter menschengerecht ausfällt. In diesem Buch beschreibt sie die individuellen, ökonomischen und technischen Bedingungen dafür. Sie beschreibt eine Vision davon, wie wir die Kräfte der Digitalisierung nutzen könnten, um uns zu stärken, statt zu schwächen. Möglich ist das aber nur, wenn alle Beteiligten in ihren unterschiedlichen Rollen als Privatpersonen, Manager, Investoren, Unternehmer oder Politiker umdenken. Der Google-Wahlspruch «Don’t be evil» reicht nicht aus. Es muss «Be good» heissen. Ziel kann es also nicht sein, mit ein paar Tricks den Konsumenten noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Ziel muss es sein, auf allen Ebenen der Gesellschaft besser und weiser mit dem Digitalen umzugehen. «Meine Zielfunktion ist also nicht das Geld. Meine Zielfunktion ist ein gutes Leben, die Eudaimonia, bei der das Geld nur eine Randbedingung ist», schreibt Sarah Spiekermann. Gute Absichten reichen dafür nicht aus: «Man braucht einen nüchternen Verstand in der Abschätzung dessen, was das Digitale kann und was nicht – wo es guttut und wo es schädlich ist.» Genau das beschreibt Sarah Spiekermann in diesem Buch ebenso spannend, wie lehrreich. Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass es auch jene Managerinnen und Manager lesen, die an den Hebeln der Digitalisierung sitzen.

Sarah Spiekermann: Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert. Droemer/Knaur, 304 Seiten, 29.90 Franken; ISBN 978-3-426-27736-2

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783426277362

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Buchtipp zum Wochenkommentar vom 28. Juni 2019: Die Grenzen des Digitalen

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps samt Link auf den zugehörigen Wochenkommentar finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/