Buchtipp

Diese verdammten liberalen Eliten

Publiziert am 17. Mai 2019 von Matthias Zehnder

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte der Konflikt zwischen drei Weltanschauungen die Weltpolitik: Liberalismus, Kommunismus und Faschismus kämpften in zum Teil verheerenden Kriegen um die Vorherrschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen sich über Jahre Liberalismus und Kommunismus im (kalten) Krieg gegenüber. Als 1989 die Mauer fiel, sah es so aus, als habe der Liberalismus definitiv gesiegt. Nach den Anschlägen von 9/11 kam es zum Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen, zum «Kampf der Kulturen». In jüngster Zeit ist der nationalistische Populismus, der die liberale Ordnung (meist von innen) bedroht. Das Feindbild der populistische Politiker ist die «abgehobene, liberale Elite», welche aus der Sicht der Nationalisten die historische Einheit von Volk, Sprache und Staatsgebiet auflösen will. Um diese Gruppe von Menschen geht es Carlo Strenger, Psychologieprofessor in Tel Aviv mit Wurzeln in Basel.

Diese liberalen Eliten sind keineswegs einfach reich. Sie werden nicht über ihren Wohlstand definiert, sondern über ihre globale Mobilität: Sie sind gut gebildet, vernetzt, haben meistens ein Hochschulstudium absolviert und sind in den Medien, der Kunstszene und der Wissenschaft überrepräsentiert. Es sind Experten – die laut Srenger verwirrt und schockiert waren, als sich herausstellte, dass «die Massen» ihr Fachwissen und ihre Handlungsempfehlungen zurückwiesen. Die Unabhängigkeit der liberalen Eliten, ihre Ungebundenheit und ihre Mobilität wird ihnen von «der Masse» als abgehoben und unpatriotisch ausgelegt. Strenger sagt, der populistische Nationalismus habe vielen Angehörigen sozioökonomisch schwächerer Schichten ihre Stimme und ihren Stolz zurückgegeben. «Sie müssen sich nicht länger dem ‹überlegenen Wissen› der besser Gebildeten fügen.» In seinem Buch zeichnet Strenger ein präzises Portrait der kosmopolitischen, intellektuellen Oberschicht. Er gibt dabei schon auf den ersten Seiten zu, dass er nicht neutral ist dabei, weil er selbst zu dieser Schicht gehört. Das Buch ist denn auch zu einer eigentlichen Verteidigung der von den Werten der Aufklärung geprägten Weltsicht der liberalen, gebildeten Menschen geworden. Strenger fordert denn auch, «dass wir Liberalen unser Wertesystem, dem ich mich leidenschaftlich verbunden fühle, keinesfalls ändern oder gar aufgeben sollten.» Spannend an dem buch ist, dass Strenger die liberale Oberschicht auch aus einer ganz anderen Perspektive kennt: aus der Sicht des sie behandelnden Psychoanalytikers.

Ein Fazit, das Strenger zieht: Die liberale Elite darf sich dem Diskurs nicht entziehen. «Wir müssen lernen, ein breites Publikum anzusprechen und die Irrationalität sowie die Lügen politischer Scharlatane wie Trump frontal anzugehen», schreibt Strenger. Liberale Kosmopolitinnen, ob Akademiker, Journalistinnen oder Künstler, müssten sich «aus dem Elfenbeinturm der Universitäten, Ateliers und Qualitätsmedien hinausbegeben und das Risiko eingehen, sich in den sozialen Medien und im Fernsehen mit den Populisten anzulegen, um ihre Unwahrheiten dort zu entlarven, wo sie die weiteste Verbreitung finden.» Mit seinem Buch hat er genau das gemacht.

Carlo Strenger: Diese verdammten liberalen Eliten. Wer sie sind und warum wir sie brauchen. Suhrkamp, 171 Seiten, 23,90 Franken; ISBN 978-3-518-07498-5

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783518074985

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Buchtipp zum Wochenkommentar vom 17. Mai 2019: Fakenews: Es gibt nur eine Lösung

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