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Diagnose eines globalen Bankrotts: «Wasser – das bedrohte Element» von Mojib Latif

Publiziert am 20. Juli 2026 von Matthias Zehnder

Die Erde ist der blaue Planet: Fast drei Viertel der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt. Gerade in der Schweiz behandeln wir Wasser, als wäre es unerschöpflich. Doch der Eindruck täuscht: Nur zwei bis zweieinhalb Prozent des gesamten Wasservorkommens der Erde ist Süsswasser, und der grösste Teil davon liegt als Eis und Schnee gebunden. Wirklich nutzbar ist nur der Bruchteil eines Prozents. Dieses Trinkwasser der Erde ist in zunehmendem Masse bedroht. Das Instituts für Wasser, Umwelt und Gesundheit der Vereinten Nationen spricht sogar von einem «globalen Wasserbankrott». Das Institut schreibt: «In allen Regionen und Entwicklungsstufen stehen die Wassersysteme unter einem beispiellosen Druck. Flüsse, Seen und Feuchtgebiete verschlechtern sich, Grundwasserressourcen werden über nachhaltige Grenzen hinaus erschöpft, und Gletscher ziehen sich mit zunehmender Geschwindigkeit zurück.» Mojib Latif, Professor für Ozeanforschung in Kiel, untersucht in seinem Buch den Zustand der Wasserversorgung auf der Welt. Er schlägt dabei den Bogen von der Physik und der kosmischen Herkunft des Wassers über die Ozeane, die Verschmutzung der Süsswasserreserven und den Wasserdampf als Treibhausgas bis zu bewaffneten Konflikten um Flüsse. Mojib Latif schreibt als Wissenschaftler, der Wasser als physikalisches Wunder bewundert und der zugleich fassungslos zusieht, wie die Menschheit das Wasser bedenkenlos verschwendet, vergiftet und zur Waffe macht. «Wir stecken den Kopf in den Sand, obwohl die Anzeichen für eine nahende Wasserkrise globalen Ausmasses nicht mehr von der Hand zu weisen sind», schreibt Mojib Latif.

Aus dem Weltall gesehen mag die Erde blau wirken. Doch die Erde trocknet aus. «Die Trockengebiete nehmen jedes Jahr um fast eine Million Quadratkilometer zu», schreibt Mojib Latif. Trockengebiete sind Regionen, in denen die Verdunstung den Niederschlag im Jahresmittel deutlich übertrifft. «Wir Menschen fahren im Moment einen gefährlichen Kurs, indem wir die Natur herausfordern», schreibt er. Wie nah der Kollaps rücken kann, zeigt Mojib Latif am Beispiel von Kapstadt. Im Sommer 2017/18 liess eine Jahrhundertdürre die Stauseepegel der südafrikanischen Millionenstadt so weit absinken, dass die Verwaltung einen Stichtag festlegte, an dem sie den Bewohnerinnen und Bewohnern das Wasser hätte abstellen müssen: «Day Zero». Nur strenge Sparmassnahmen und einsetzender Regen verhinderten in letzter Minute den Ausfall. Mojib Latif war im Sommer danach selbst vor Ort und konnte kaum glauben, was ihm berichtet wurde. In seinem Buch macht er klar: Kapstadt ist kein Einzelfall. Auch Las Vegas und Phoenix könnte laut Klimamodellen dieses Schicksal schon in den kommenden Jahren ereilen.

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Seine Feststellungen untermauert er mit Zahlen: Mehr als zwei Milliarden Menschen leben ohne sichere Trinkwasserversorgung. Alle neunzig Sekunden stirbt ein Kind an einer wasserbedingten Krankheit. Fast drei Viertel der Weltbevölkerung leben in Ländern, die als «wasserunsicher» oder «kritisch wasserunsicher» eingestuft werden.

Wie schnell ein Fluss sterben kann, erzählt Latif am Grossbrand bei Schweizerhalle in Basel im November 1986. Mit Chemikalien verseuchtes Löschwasser, darunter Insektizide, Pestizide und Quecksilber, gelangte in den Rhein. Auffangbecken für einen solchen Katastrophenfall gab es damals nicht. «Auf gut vierhundert Kilometern tötete die Giftbrühe nahezu alles Leben in dem Fluss», schreibt Latif. Der Rhein färbte sich blutrot, die Trinkwasserentnahme wurde bis in die Niederlande für fast drei Wochen eingestellt. Heute, vierzig Jahre später, ist der Fluss so sauber wie seit hundert Jahren nicht mehr. Im Sommer schwimmen die Menschen im Rhein, sogar die Lachse sind zurückgekehrt. Der Rhein bei Basel ist ein seltener Beweis dafür, dass sich verlorenes Wasser erholen kann, wenn der politische Wille tatsächlich da ist.

Doch der Rhein ist die Ausnahme. An vielen Orten auf der Erde wird Wasser knapp und wird zur Waffe. Das zeigt Latif in einem der eindrücklichsten Kapitel des Buches. Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sissi nennt den Nil «eine Frage des Lebens, eine Frage der Existenz»; Indiens Wasserminister drohte nach dem Terroranschlag von Kaschmir 2025, dafür zu sorgen, «dass kein einziger Tropfen aus dem Indus-Fluss Pakistan erreicht»; die Türkei kontrolliert die Oberläufe von Euphrat und Tigris und dreht damit Irak und Syrien den Wasserhahn zu. Im Ukraine-Krieg wurde 2023 gezielt der Kachowka-Staudamm gesprengt, im Gazastreifen die Wasserinfrastruktur zerstört. «Öl ist unverzichtbar, aber Wasser ist unersetzlich», resümmiert der Bloomberg-Journalist Javier Blas. Es ist ein Satz, der die Verschiebung der geopolitischen Prioritäten zusammenfasst.

Auch die Ozeane, die mehr als neunzig Prozent der zusätzlichen Treibhausenergie aufnehmen, geraten aus dem Gleichgewicht. Der pH-Wert des Meerwassers ist von 8,11 im Jahr 1985 auf 8,04 im Jahr 2024 gesunken. Das Meer versauert damit rund zehnmal schneller als in den letzten dreihundert Millionen Jahren. In der Wissenschaft heisst die Ozeanversauerung deshalb der «böse Zwilling der Erderwärmung». Zum Säuregrad kommt die Vermüllung: «Sollten wir am Gewicht gemessen bald mehr Plastik als Fische in den Ozeanen haben?», fragt Latif.

Wasser ist dabei nicht nur Opfer der Erwärmung, sondern auch einer ihrer Treiber. Als Wasserdampf liefert es rund die Hälfte des natürlichen Treibhauseffekts, mehr als doppelt so viel wie Kohlendioxid. Wasserdampf verstärkt damit die Erderwärmung. Latif beschreibt das als eine Art Gegenschlag der Natur: «Die Natur ist unbestechlich, gnadenlos und zeigt uns Menschen die Grenzen auf. Ihr sind wir egal, egal wie es uns geht. Die Natur braucht uns nicht, wir aber sehr wohl die Natur. Sie wehrt sich gegen uns Menschen, sie schlägt zurück.»

Aus alledem leitet Latif im Schlusskapitel eine unbequeme Forderung ab: Freiwilligkeit habe historisch nie funktioniert. Also brauche es Verbote wie beim FCKW, bei der Rauchgasentschwefelung oder der Gurtpflicht. Sein eigenes Fazit bleibt trotzdem nüchtern: «Angesichts der Fakten und Zahlen sehen Sie mich ein Stück weit ratlos. Die internationalen Verhandlungen bringen es nicht, die Umweltdiplomatie ist auf der ganzen Linie gescheitert.» Was bleibt, ist die kleinste gemeinsame Forderung, mit der das Buch endet: «Lassen Sie uns wenigstens das schützen, was wir noch haben.»

Kurz gesagt

Der Sommer 2026 geht als einer der heissesten Sommer in die Geschichte ein: heiss und trocken. In vielen Gebieten Europas ist seit Messbeginn noch nie so wenig Niederschlag gefallen. Schlagartig wird uns allen bewusst, wie kostbar Wasser ist. In seinem spannenden Buch über das Wasser zeigt Mojib Latif, wie wertvoll Wasser ist und wie sorglos der Mensch dennoch damit umgeht.

Mojib Latif: Wasser – das bedrohte Element. Wie wir unsere Lebensgrundlage zerstören. Herder, 240 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-451-03701-6

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783451037016

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 20. Juli 2026, Matthias Zehnder

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