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Das Krisenjahr 1933: «Amerika ’33» von Johannes Ehrmann
Als im Februar 1933 in Deutschland der Reichstag brennt, hört Kunstmaler George Grosz im amerikanischen Exil davon. Er lebt mit seiner Frau in einem winzigen Doppelzimmer im Hotel Cambridge an Manhattans Upper West Side. Keine drei Wochen vor Hitlers Machtübernahme ist ihm die Flucht aus Deutschland geglückt. «Schon am Tag nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler ist ein Trupp von SA-Männern in Grosz’ Wohnung eingebrochen», schreibt Johannes Ehrmann. Als sie in den leeren Räumen nichts mehr vorfanden, hätten sie mit Äxten bewaffnet sein Atelier gestürmt. «Dass ich da lebend davongekommen wäre», schreibt Grosz später in einem Brief aus New York, «darf ich wohl bezweifeln.»
In seinem Buch führt Johannes Ehrmann George Grosz als einen jener Menschen an, die Zeugnis ablegen über die Entwicklung. Neben Grosz lässt er Albert Einstein zu Wort kommen, der nach monatelangem Exil in Europa schliesslich in Princeton landet. Marlene Dietrich, die den Angeboten des Propagandaministers Goebbels die kalte Schulter zeigt. Und als amerikanischen Gegenpol Benjamin Roth, Anwalt in Youngstown, Ohio, der alles in ein akribisches Krisentagebuch schreibt.
Am 28. Februar 1933 also sitzt George Grosz in seinem kleinen Hotelzimmer und liest die Morgenzeitung. Er konnte nur das Nötigste aus Deutschland mitnehmen: drei Koffer und drei Kisten mit Büchern, Pinseln und Farben. Seine bedeutendsten Werke liegen versteckt auf dem Dachboden seiner Schwiegereltern am Berliner Savignyplatz, rahmenlos zusammengerollt in unverdächtigen Kartons. Nun liest Grosz vom Reichstagsbrand, «der alles schauerlich erleuchtete», wie er in seinen Memoiren schreiben wird. Er hat zwei kleine Söhne in Berlin zurückgelassen. Peter, sechs Jahre alt. Und Martin, der an genau diesem 28. Februar seinen dritten Geburtstag feiert. Mit der Frage, die den Vater in Manhattan quält, beschäftigen sich viele Menschen in diesen Tagen: Was soll man tun? Wie soll man sich verhalten zu dem, was in Deutschland vor sich geht?
Gleichzeitig schreibt Anwalt Benjamin Roth in Youngstown, Ohio, ein Tagebuch. Er hatte im Sommer 1931 damit begonnen, weil er die Mechanismen der Krise verstehen wollte. Nun, Anfang März 1933, beschränkt die örtliche Union National Bank Abhebungen auf fünf Prozent des Sparguthabens. Vor der Bank stehen 300 Menschen in der Schlange. Eine Frau bricht zusammen. Roth hat sein Auto verkauft. Er muss die Lebensversicherung beleihen, um Frau und drei Kinder zu ernähren. «Es ist die schlimmste Depression, die dieses Land je gesehen hat», schreibt er. «Das Ende ist nicht in Sicht.» Und dann dieser Satz, der, wie Ehrmann zeigt, auch auf Millionen Deutsche zutrifft, die dem neuen Regime ausgeliefert sind: «Alle sind voller Furcht vor der unmittelbaren Zukunft.»
In dieser doppelten Krise gehen Amerika und Deutschland in entgegengesetzte Richtungen. Roosevelt wird am 4. März vereidigt und stösst sofort ein massives Investitions- und Reformprogramm an. In den hundert Tagen nach seiner Amtsübernahme stabilisiert er das Bankensystem, führt Mindestlöhne ein und regt öffentliche Arbeitsprogramme an. In Deutschland geht es in die andere Richtung. Im Mai empfängt Roosevelt Hitlers Sonderbevollmächtigten Hjalmar Schacht zum Arbeitslunch im Weissen Haus. Roosevelt spricht ihn offen auf die SA-Männer an, die in deutschen Städten patrouillieren. Schacht wiegelt ab: Das seien Missverständnisse in der Aussendarstellung. Roosevelt weist ihn unmissverständlich zurecht: Deutschland sei «das einzige Hindernis auf dem Weg zu einem internationalen Abrüstungsabkommen». Das solle Herr Schacht seinem Reichskanzler bitte übermitteln.
Das Jahr 1933 ist auch das Jahr des grossen Exils. Wer aus Deutschland flieht, landet oft in Amerika. Johannes Ehrmann erzählt diese Geschichte anhand vieler Einzelschicksale. Albert Einstein irrt nach seinem Weggang aus Deutschland monatelang durch Belgien und England, bevor er am 17. Oktober in New York ankommt. Er lässt sich heimlich mit einer Barkasse vom Quarantäneplatz an Land bringen, um dem Empfangskomitee des Bürgermeisters zu entgehen. Emmy Noether, «die angesehenste Frau in der Mathematik in Europa», tritt am Bryn Mawr College bei Philadelphia eine Stelle an und erhält zum ersten Mal in ihrem Leben ein adäquates Gehalt. Arnold Schönberg landet am letzten Oktobertag in New York und erklärt den wartenden Reportern in stockendem Englisch: «Innerlich war ich immer ein Jude.» All diese Menschen haben sich für Amerika entschieden, weil für sie Amerika gleichbedeutend war mit Freiheit.
Das bringt Albert Einstein am 3. Oktober in der überfüllten Londoner Royal Albert Hall auf den Punkt. Fast 10’000 Menschen drängen sich in die Halle, die eigentlich nur Platz bietet für 5500. Einstein spricht dort als «Mensch, als guter Europäer und als Jude» und redet Klartext. «Wenn wir den Kräften widerstehen wollen, die die geistige und individuelle Freiheit zu unterdrücken drohen», sagt Einstein, «müssen wir uns klar vor Augen führen, was auf dem Spiel steht und was wir jener Freiheit verdanken, die unsere Vorfahren nach harten Kämpfen für uns errungen haben. Ohne eine solche Freiheit gäbe es keinen Shakespeare, keinen Goethe, keinen Newton.» Die Menge erhebt sich. Es ist eine Abschiedsrede an Europa und zugleich ein Bekenntnis zu Amerika.
Doch Amerika war 1933 kein Paradies für Verfolgte. Das zeigt Ehrmann deutlich. Arbeitsministerin Frances Perkins kämpft vergeblich für die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge. Der Staatssekretär im Aussenministerium bremst: «Diese Leute müssen alles zurücklassen und werden dem Steuerzahler zur Last fallen. In der gegenwärtigen Krise ist das nicht zu vermitteln, wie Sie sicher verstehen werden.» Roosevelt schweigt. In 82 Pressekonferenzen des Jahres 1933 erwähnt er die Verfolgung der deutschen Juden nur einmal und auch das nur, weil er danach gefragt worden ist. Der Rabbiner Stephen Wise, Amerikas einflussreichster jüdischer Geistlicher, nennt Roosevelt am Ende «unbeweglich, unheilbar und sogar unzugänglich». Hollywood weigert sich, einen Antinazifilm zu produzieren. Der Grund: Es ist schlecht fürs Geschäft. Man will keine «schlafenden Hunde wecken», befinden die Produzenten, die ihren Absatzmarkt in Deutschland nicht aufs Spiel setzen wollen. «The Mad Dog of Europe» wird nie gedreht.
George Grosz verarbeitet seine Angst in der Kunst. 1933 entsteht das Gemälde «Fear»: ein angstvoller Mann mit Fackel, von zwei Wölfen angefallen, im Hintergrund brennt lichterloh ein Haus. Doch am Ende des Jahres streift Grosz mit seinen beiden Söhnen durch die Strassen Manhattans. Es sind Tage, die sich, wie Ehrmann schreibt, «nach Aufbruch anfühlen». Denn in Amerika, anders als in Deutschland, bleibt diese Möglichkeit des Aufbruchs bestehen. Arnold Schönberg, der an seinem ersten Abend in New York an der Upper West Side von Reportern befragt wird, hat kurz zuvor ein Gedicht von Jakob Haringer vertont, das diese Ambivalenz zwischen Dunkel und Hoffnung trägt: «Wenn du schon glaubst, / Es ist ewige Nacht, / Hat dir plötzlich ein Abend / Wieder Küsse und Sterne gebracht.»
Am Ende des Buchs klingt Trumps Zitat aus der Gegenwart nach. Was sagen die Amerikaner heute über Europa – haben sie wirklich «nichts damit zu tun»? Johannes Ehrmann beantwortet diese Frage nicht direkt. Er lässt das Jahr 1933 sprechen.
Kurz gesagt
Zwei Länder, zwei Krisen, zwei Wege: Johannes Ehrmann hat eine eindrückliche Parallelchronik des Jahres 1933 in Amerika und Deutschland vorgelegt. Zu Beginn des Buchs zitiert er Donald Trump und macht so klar: Wir sind heute (möglicherweise) wieder so weit.
Johannes Ehrmann: Amerika ’33. Die große Krise der Freiheit. Klett-Cotta, 256 Seiten, 35.90 Franken; ISBN 978-3-608-96696-1
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783608966961
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 17. August 2026, Matthias Zehnder
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