Buchtipp

Crashed

Publiziert am 5. Oktober 2018 von Matthias Zehnder

Die Finanzkrise, die ab Herbst 2008 die Welt veränderte, steht im Zentrum dieses Buches. Für einmal ist das nicht untertrieben: Was wir aus den Medien erfahren haben, ist nur eine politisch polierte Oberfläche. Darunter brodelt es im weltweiten Finanzsystem weiterhin gefährlich. Aber lesen Sie selbst.

Vor genau zehn Jahren, im Herbst 2008, ging als Folge der amerikanischen Immobilienkrise und Subprime-Markt-Krise die Investmentbank Lehman Brothers Konkurs. Die Bilder von schockierten Bankmitarbeitern, die, eine Schachtel mit den persönlichen Gegenständen in der Hand, das Bankgebäude an der Wallstreet verlassen, sind bis heute Symbolbilder der Finanzkrise, die danach ausbrach. Heute, zehn Jahre später, zwei Jahre nach der (wirklich disruptiven) Wahl von Donald Trump zum 45. US-Präsidenten, wissen wir, dass diese Finanzkrise der Schlüssel ist für das Verständnis der heutigen Welt und ihrer Krisen und Probleme. Genau das ist die These des Buchs von Adam Tooze: Die Finanzkrise und die ökonomischen, politischen und geopolitischen Reaktionen darauf sind der Schlüssel für das Verständnis der heutigen Welt. Um die Bedeutung der Finanzkrise zu erfassen, ordnet Tooze zunächst die Bankenkrise von 2008 in einen grösseren politischen und geopolitischen Kontext ein. Das bedeutet auch: Er entschlüsselt die Ökonomie des Finanzsystems. Oder, wie Tooze selbst sagt: Er entschlüsselt die «Denkweise von Davos» und zeigt, wie der Kreislauf von Macht und Geld 2008 funktionierte – oder eben nicht mehr funktionierte. Es ist ein globaler Kreislauf. 2008 ist keineswegs nur die angloamerikanische Bankenwelt in eine Krise gestürzt – es war das weltweite Finanzsystem, das über den Abgrund taumelte. Tooze beschreibt detailliert, was dann passierte, wie Amerika und wie Europa reagierten. Dabei kommen Aspekte der Finanzkrise zur Sprache, von denen Laien wohl noch nie gehört haben. Die Staaten investierten Hunderte Milliarden Steuergelder, um habgierige Banken zu retten. Manche der Investitionen waren erfolgreich, wie etwa die Rettung der UBS durch die Schweizerische Nationalbank. Andere dieser Rettungsgeschäfte sind gescheitert: Sie liegen den Steuerzahlern in den Ländern schwer auf der Tasche.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten die Nationalstaaten dadurch in der globalisierten Welt wieder an Bedeutung gewonnen. Doch der Schein trügt. Tooze zeigt in seinem Buch, dass auf globaler Ebene haben etwa 20 bis 30 Banken das Sagen haben. Dazu kommen einige mittelgrosse Banken, die in ihren jeweiligen Ländern wichtig sind. Laut Tooze sind es weltweit maximal 100 Finanzinstitute, welche die Weltwirtschaft über die Finanzströme kontrollieren. Tooze schreibt deshalb: Wenn die Krise aus theoretischer Sicht eine Krise der makroökonomischen Wirtschaftslehre war, wenn sie praktisch betrachtet eine Krise der herkömmlichen Instrumente der Geldpolitik war, so war sie ebenso eine tiefe Krise der modernen nationalstaatlich verfassten Politik. Seine Diagnose: Wir leben in einer Welt, die von Oligopolen der Wirtschaft dominiert wird. Das sei eine Kröte mit geradezu explosivem Potenzial, an welcher sich die demokratische Politik auf beiden Seiten des Atlantiks verschluckt hat. Nein, das ist kein einfaches Buch. Aber ein nötiges.

Adam Tooze: Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben. Siedler, 800 Seiten, 51.50 Franken; ISBN 978-3-8275-0085-4

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783827500854

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Buchtipp zum Wochenkommentar vom 5. Oktober 2018: Fünf Denkanstösse an Stelle eines Wochenkommentars

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps samt Link auf den zugehörigen Wochenkommentar finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/category/buchtipp/