Blind im Wandel

Die Schweiz befindet sich selbstverschuldet in einer Sackgasse. Das Land, so Steffen Klatt, ist satt und zufrieden geworden – und unbeweglich. Für Klatt steht die Schweiz deshalb beispielhaft für jene Staaten in Europa, die sich nicht an wandelnde Umstände anpassen können – oder nicht anpassen wollen. Stefan Klatt macht in seinem Buch rasch klar: In der Schweiz fehlt der Wille.

Denn die Voraussetzungen wären gut: Die Schweiz ist wohlhabend, ihre Bevölkerung ist gut ausgebildet und das Land hat (im Vergleich mit anderen Ländern Europas) kaum Probleme mit Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität oder Migranten. Die Schweiz, ist Klatt überzeugt, muss nur an ihre Wurzeln anknüpfen, an den liberalen Bundesstaat, der 1848 von progressiven und produktiven Politikern und Geschäftsleuten geschaffen wurde. Für Klatt steht die Schweiz vor drei Herausforderungen: Zum einen muss das Land Wege finden, wie es die Ausländer einbeziehen kann. Dabei gilt der Schlachtruf der jungen, amerikanischen Republik: «No taxation without representation» – wer Steuern zahlt, soll auch mitreden können. Die zweite Herausforderung ist die direkte Demokratie. Zu viel wird zu spät durch die Stimmbevölkerung zum Absturz gebracht. Sinnvoller wäre es, die Bevölkerung nicht erst am Schluss zu fragen, sondern am Anfang. Die digitale Kommunikation würde das heute möglich machen. Die dritte Herausforderung ist die Rolle der Kantone. Sie haben in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung verloren. Sollen sie zu blossen Verwaltungseinheiten werden oder gibt es Möglichkeiten, wieder echt kantonale Politik zu machen? Am schwierigsten ist es aber laut Klatt, wirtschaftlich wieder an die Anfänge anzuknüpfen. Aus dem damals liberalsten Staat Europas mit offenen Grenzen für Waren, Kapital und Arbeitskräften ist eine der am stärksten abgeschotteten Volkswirtschaften des Westens geworden. Damit erweist die Schweiz ihren Firmen (und damit ihren Einwohnern) einen Bärendienst. Denn die Welt ist heute so agil, dass ein direkt-demokratisch gesteuerter, abgeschotteter Staat nicht Schritt halten kann. Die Schweiz hat die Wahl: Wird sie zum Rentnerparadies für Reiche – oder wird sie wieder zu einem spannenden Ort, an dem Ideen, Mut und Pioniergeist sich auszahlt? Steffen Klatt ist in Ostberlin aufgewachsen, lebt aber seit vielen Jahren in der Schweiz. Er verbindet den kritischen Aussenblick mit viel Detailwissen – ein spannendes Buch.

Steffen Klatt: Blind im Wandel. Ein Nationalstaat in der Sackgasse. Zytglogge, 204 Seiten, 29 Franken; ISBN 978-3-7296-0986-0

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783729609860

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Buchtipp zum Wochenkommentar vom 15. Juni 2018: Keine Hauptstadt für die Schweiz – auch keine Medienhauptstadt

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps samt Link auf den zugehörigen Wochenkommentar finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/category/buchtipp/

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Ein Kommentar zu Blind im Wandel

  1. Thomas Zweidler sagt:

    Dieses Buch: Wie so vieles: Ansicht-Sache. Mein Fazit: „EU-Jean-Claude Junker, hochprozentiger Präsident der Europäischen Union, übernehmen sie! (die Schweiz).“
    NB: Auf der 4 Zeile ist ihnen ein kleines Malheur passiert: Der Autor und selbsternannter CH-Berater heisst nicht Stefan Klatt sondern eben Steffen Klatt, geb. 1966 im tiefsten marxistischen Mittelalter in Ost-Berlin (DDR).
    Stefan Klatt gibt’s auch: Ebenfalls aus deutschen Landen, selbstverständlich auch Universität, aber die in Frankfurt am Main, Infrastrukturarchitekt etc… aber noch kein Buch geschrieben.

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