Buchtipp

Letzter Tipp: Das Patriarchat der Dinge

Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?

Publiziert am 8. April 2021 von Matthias Zehnder

Dieses Buch handelt nicht vom grossen depressiven Zusammenbruch, nicht von Blaulicht, Spital und Spektakel. Es handelt vom Liegenbleiben und Schämen. Von fehlender Energie und davon, es besser machen zu wollen. Sich besser fühlen zu wollen. «Und, offen gesagt», schreibt Autor Till Raether: «Das Buch handelt von mir. Also davon, wie ich mich seit zwanzig, dreissig Jahren mit der Frage herumplage, ob ich depressiv bin oder ob das einfach nur das Leben ist.» Raether ist frei schaffender Autor. Das bedeutet: Er leidet nicht unter einer Tretmühle, unter Bürozwang und Anwesenheitspflicht. Er kann liegen bleiben. Und dafür das Wochenende durcharbeiten. Was beides nicht förderlich ist für die Stimmung. Trotzdem hat er es jahrelang gemacht. Er war ein «hochfunktionaler Depressiver»: Er hat es gerade noch geschafft, seine Depression zu überspielen. Der hohe Energieaufwand, den ihn das kostet, führte durchaus auch dazu, dass er als fleissig und erfolgreich galt. Dazu gehörte auch der Zweifel an der Depression. Es könnte ja auch «einfach das Leben» sein.

«Mein Grossvater aus Ostholstein pflegte scheinbar scherzhaft, aber in Wahrheit tief empfunden zu sagen: ‹Das Leben ist eines der schwersten.› Und das gilt trotz unterschiedlicher Lebensumstände und Persönlichkeiten für alle Menschen, vermute ich.» Till Raether beschreibt, wie er als «funktionierender Depressiver» mit seiner Depression umging, wie er sich immer wieder aufraffte – und damit nur tiefer in die Depression sank. Was nicht Einsicht auslöste, sondern Scham – kulturell erklärbar, aber auch nicht hilfreich. Bis er sich dazu durchrang, sich helfen zu lassen. Und Stärke in seiner Schwäche fand: Schwäche sei seine neue Superkraft, schreibt Till Raether. «Weil sie mir erlaubt, vieles einfach nicht zu tun. Weil sie mir, seit ich sie wahrnehme und nicht mehr niederkämpfe, die Erlaubnis gibt, Dinge zu lassen, bestimmte Situationen und manche Menschen zu meiden.» Beim Lesen dieses Buches habe ich mich immer wieder ertappt gefühlt: So geht es mir auch – und ich gehe auch so mit Müdigkeit, Schwäche und Leere um. Das Buch hilft, sich mit dieser eigenen Leere zu konfrontieren, weil Till Raether schonungslos ehrlich von sich erzählt. Spannend – und hilfreich.

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783499005305

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Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps samt Link auf den zugehörigen Wochenkommentar finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/