Buchtipp
Letzter Tipp: Kompass Künstliche Intelligenz
Alles toxisch oder was?
Bis vor kurzer Zeit lautete die Antwort auf die Frage nach einem glücklichen und guten Leben: Es ist Schicksal. Das hat sich dramatisch verändert: Im 19. Jahrhundert brachte Ralph Waldo Emerson die Idee der Selbstverwirklichung auf. Seither gilt: jeder ist seines eigenen Glückes Schmied – man muss nur den richtigen Ratgeber lesen. Selbsthilfe ist das Zauberwort. Die sozialen Medien haben die Selbsthilfeindustrie in neue Sphären katapultiert und zu einer Popularisierung der Psychologie geführt. Die Pop-Psychologie boomt. Dabei geht es längst nicht mehr nur um blosse Lebensratgeber. Mit dem Aufkommen der Mental-Health-Bewegung sei die Entstigmatisierung bis Normalisierung psychischer Probleme in den Fokus gerückt, schreibt Esther Bockwyt. Sie selbst ist promovierte Psychologin und sieht den Trend kritisch, weil die Pop-Psychologie widersprüchliche Botschaften sendet: Selbstakzeptanz oder Selbstoptimierung? Eigenverantwortung oder Traumafokus? Authentizität oder permanenter Druck, die «beste Version» seiner selbst zu sein? In ihrem Buch nimmt sie eine kritische Bestandsaufnahme der bekanntesten Annahmen, Theorien und Mantras der Pop-Psychologie vor und ordnet sie ein. Esther Bockwyt schreibt, jede Gesellschaft erzähle sich Geschichten, um «dem Strudel der Realität Form zu geben». Die Pop-Psychologie fülle heute «womöglich jene Lücke, die die an Bedeutung verlierende Religion hinterlassen hat». Mythen hätten ihren Platz als Vehikel für tiefere Wahrheiten. «Sobald Mythen als Bedienungsanleitung fürs Leben ausgegeben werden, kippen sie in Ideologien.» Sie schreibt: «Pop-Psychologie lädt uns dazu ein, unser Leben aufzuhübschen, wie man einen Körper im Fitnessstudio modelliert. Sie verspricht Selbstoptimierung, die uns zu besseren Menschen macht. Schaut man genauer hin, ermutigen uns ihre Mantras sehr oft, zu egozentrischen Narzissten zu werden, zu ewigen Teenagern, für die die Welt kaum über sie selbst hinaus existiert.»
Konkret geht es um das «innere Kind», die Behauptung, «Mindset» sei, das «Higher Self» und die moralische Pflicht zur persönlichen Entwicklung, emotionale Unabhängigkeit und Selbstliebe, sogenannt «toxische» Menschen und Beziehungen und schliesslich um die Kardinalfrage: «Wer bin ich – und wenn ja, mit welcher Diagnose?» Im letzten Punkt geht es um Selbstdiagnosen wie ADHS oder Hochsensibilität. Esther Bockwyt prüft, was an den pop-psychologischen Konzepten wissenschaftlich fundiert ist, wo die Vereinfachungen liegen und welche Risiken die inflationäre Verwendung psychologischer Begriffe mit sich bringt.
Sie rechnet dabei nicht pauschal mit den Onlineangeboten ab, sondern nimmt eine differenzierte Bestandsaufnahme vor. So zeigt sie detailliert, dass viele dieser Konzepte einen wahren Kern haben. Der Kern wurde aber durch Social Media und die boomende Coaching-Industrie oft dermassen vereinfacht, dass die Konzepte heute mehr schaden als nützen. Esther Bockwyt geht deshalb an die Wurzel der Konzepte in der wissenschaftlichen Psychologie, erklärt die ursprüngliche Bedeutung der Begriffe und zeigt dann, inwiefern die Verkürzungen der Pop-Psychologie problematisch sind.
Spannend ist, wie Esther Bockwyt die Konzepte anhand von Anna, einem fiktiven Fallbeispiel, durchdekliniert. Sie erzählt, wie Anna das innere Kind entdeckt und daran arbeitet. Wie sie begeistert die aktuellen Trends zu Achtsamkeit und Mindset-Arbeit aufnimmt. Wie Anna die Selbstliebe entdeckt. Wie sie eine Mauer um sich herum errichtet, die sie schützt, aber auch einsam macht und wie sich Anna zu guter letzt als ADHS-Betroffene diagnostiziert. Esther Bockwyt zeigt dabei, wie ihre Anna jeweils online in ein Rabbit-Hole driftet, weil sie keine fachkundige Beratung hat, die all die klugen Ratschläge relativiert.
Im zweiten Teil zeigt Esther Bockwyt, was wirklich hilft. Es gibe keinen Masterplan, schreibt sie. «Aber es gibt tragfähige Bezugspunkte – Konzepte, die in Praxis und Forschung hinreichend robust sind, ohne sich als Heilslehre auszugeben.» Konkret greift sie drei wichtige Bezugspunkte heraus. Sie zeigt, warum Wohlbefinden nicht einfach Kopfsache ist. Menschen sind komplexe, bio-psycho-soziale Wesen. Wohlbefinden umfasst alle drei Dimensionen. Der zweite Punkt: Nicht für jeden ist zu jeder Zeit alles gleich gut. Die Psychologie als Wissenschaft beschäftigt sich durchaus mit allgemeinen Gesetzmässigkeiten und erforscht fundamentale Prozesse wie Wahrnehmung, Gedächtnis, Emotionen oder Motivation. Die Menschen unterscheiden sich dennoch stark. Das hat auch mit dem dritten Prinzip zu tun: der Ambivalenz. Menschen bewegen sich oft in Polen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ich und du, passivem Erleben und aktivem Gestalten. Daraus entstehen Spannungen, die sich nicht lösen lassen. Man kann sie nur ins Gleichgewicht bringen. Anders formuliert: Die Dosis macht das Gift. Die meisten Aspekte einer Persönlichkeit sind nicht per se schädlich (oder «toxisch»). «Doch wenn sie das Gleichgewicht verlieren, wenn sie zu stark werden, sich verselbstständigen oder andere innere Anteile unterdrücken, können sie Schaden anrichten.»
Im letzten Kapitel «Das Leben ist kein Coaching-Seminar» resümiert Esther Bockwyt ihr Buch. Die Fragen «Was soll ich tun? – Wie soll ich leben? – Wer soll ich werden?» seien heute das Mantra aller Lebens- und Glücksratgeber und sie stehen auch im Zentrum der Pop-Psychologie. Die Antwort, die die Pop-Psychologie darauf oftmals gebe, laute«Folgt mir! Ich kenne den Weg.» Diese Haltung sei anmassend und irreführend: «Psychologie kann bestenfalls Vorschläge machen, was für manche Menschen unter bestimmten Umständen funktionieren kann. Letztlich kann aber nur der Einzelne der Experte dafür sein oder werden, wie er selbst sein könnte und möchte. Wer sich aber allzu sehr einer Glaubenslehre verschreibt, entfernt sich schnell von Intuition und rationalisiert das Leben.» Das therapeutische Zeitalter habe uns gelehrt, nach innen zu schauen: «Manchmal so sehr, dass es in Narzissmus oder Überforderung mündete.»
Schön an diesem Buch ist die Gelassenheit, mit der Esther Bockwyt uns durch die Psychologie führt. Sie holt uns pragmatisch auf den Boden und öffnet uns die Augen für den Alltag. Ohne verbesserungswütiges Mindset. Sie schlägt eine Brücke zwischen der wissenschaftlichen Psychologie und dem Alltagsverständnis und erklärt die theoretischen Hintergründe wie Bindungstheorie, kognitive Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Konzepte, ohne akademisch abzuheben.
Esther Bockwyt: Alles toxisch, oder was? Ein Wegweiser durch den Mental-Health-Dschungel. Hoffmann und Campe, 272 Seiten, 36.90 Franken; ISBN 978-3-455-02071-7
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783455020717
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 12.01.2026, Matthias Zehnder
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