Medienbildung — eine Aufgabe der Schule oder der Eltern?
31.Oktober 2009
Was ist Medienbildung? Was ist das Bildungsziel einer Medienbildung – und ist es die Aufgabe der Schule oder die der Eltern? Mit welchen Mitteln muss moderner Unterricht ausgestattet sein? Wieviel Medien sind zu viel? Zu diesem Thema haben an der jährlichen UNM-Tagung der Pädagogischen Hochschule Zürich auf dem Podium diskutiert:
Jacqueline Fehr, Nationalrätin (SP ZH) mit Schwerpunkten Sozial- und Bildungspolitik sowie Autorin des Buchs «Schule mit Zukunft»
Beat W. Zemp, Zentralpräsident LCH, Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer
Prof. Dr. Thomas Merz, Fachbereichsleiter Medienbildung, PHZH
Ich habe die Podiumsdiskussion moderiert.
Thomas Merz plädiert für eine Medienbildung im Sinne der Aufklärung: Ziel der Medienbildung ist also ein hinsichtlich Medien mündiger Mensch, der einerseits über die für die Mediennutzung nötigen Skills verfügt und Medientechnologien bis zu einem gewissen Grad auch produktiv nutzen kann, andererseits aber auch über das nötige Know-How verfügt, um sich den Verführungstechniken der Medien zu entziehen und bewusste Entscheide über seine eigene Mediennutzung zu fällen im Stande ist. Merz plädiert deshalb nicht nur für die Einbettung von neuen Medientechnologien im Unterricht, sondern auch für eine explizite Medienbildung im Sinne von Medienkunde. Die zentrale These lautet: “Die Herausforderungen der Medien- und Informationsgesellschaft gehören heute zu den zentralen Aufgaben von Schule und Erziehung. Medienbildung vermittelt die Kompetenzen, um sich in dieser Medien- und Informationsgesellschaft sachgerecht, selbstbestimmt, kreativ und sozial verantwortlich zu verhalten.”
Beat W. Zemp kritisiert, dass die Schule immer mehr Erziehungsaufgaben übernehmen muss. «Politische Bildung oder Pornografie auf dem Handy. Alles und jedes wird an die Schule delegiert», sagte er. Die Anliegen der Medienpädagogen seien sinnvoll und verständlich, er habe mit seinem Engagement für die Public Private Partnership von Bund, Kantonen und Swisscom sich ja auch vehement für entsprechende Infrastruktur eingesetzt. Allerdings hätten, gerade im Hinblick auf den Lehrplan 21, viele Gruppen Anliegen an die Schule. Medienpädagogen wollen mehr Medienbildung, Musiklehrer mehr Musik (Musik macht klug), Turnlehrer wollen mehr Bewegung und das bewegte Klassenzimmer (Bewegung macht gesund), Sprachlehrer wollen mehr und früher Fremdsprachen (das erschliesst einem die Welt), Naturwissenschaftler wollen mehr Naturwissenschaften, weil die Schweiz da ein Defizit hat. Die Schule kann nicht allen gerecht werden.
Die zentrale These von Jacqueline Fehr lautet: “Viele Kinder erreichen nicht das, was sie aufgrund ihres Potenzials könnten. Herkunftsunterschiede und Vorurteile schränken den Schulerfolg ein.” Das gilt auch und gerade im Hinblick auf die Medienbildung. Aufgabe der Schule ist es deshalb, die unterschiedlichen Voraussetzungen zu egalisieren. Medienbildung hat dabei aber nicht ex cathedra zu erfolgen. Die Kinder wissen selbst viel besser Bescheid über Medien als ihre Lehrer und sie wissen auch genau, was sie brauchen und was ihnen gut tut. Deshalb sollten nicht die Kinder den Lehrern zuhören, sondern umgekehrt die Lehrer mal den Kindern. Wenn sie Hausaufgaben machen, setzen Kinder neue Medien sehr eloquent ein: Sie chatten miteinander, surfen im Netz, verschicken Mails mit Recherchen und alarmieren sich per SMS. Genau diese Arbeitsweise gilt es, in die Schule zu tragen.
Im anschliessenden Kolloquium (das ich ebenfalls moderierte), kreiste die Diskussion interessanterweise sehr schnell um die Frage, was Schule eigentlich soll. Frau Fehr sagte es plakativ: Vergesst endlich, den Kindern etwas beibringen zu wollen. Lernen kann man nur selbst. Die Schule muss aufhören, lehren zu wollen. Sie muss Lernumgebungen schaffen, in denen die Schüler sich den Stoff selbständig aneignen können. Der Schluss lag schnell nahe: Neue Medien ermöglichen genau dieses Selbstlernen. Ob er wirklich adäquat ist, daran habe ich gewisse Zweifel.
Artikel gespeichert unter: Kinder&Medien, Vortrag








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