Warum die Arbeiterschaft rechts wählt, statt links

Wie kommt es, dass die Arbeiterschaft, die früher immer links wählte, plötzlich rechts wählt? Der französische Soziologe Didier Eribon gibt dazu in seinem Buch «Rückkehr nach Reims» spannende Antworten. Einige davon lassen sich auch auf die Schweiz übertragen. Vor allem die dritte Antwort ist sehr plausibel.

Es ist in ganz Europa ein ähnliches Bild: Rechtspopulistische Parteien feiern Erfolge, die linken Parteien brechen ein. Arbeiterfamilien, die jahrelang links oder kommunistisch wählten, legen plötzlich ihre Stimme für den Front National, die AfD, die FPÖ oder die SVP ein. Wie kommt es, dass der Linken die Arbeiter und Angestellten als Wähler abhandengekommen sind? Warum wählen gerade Arbeiter in der Schweiz eine Partei, die von einem Milliardär geführt wird (und oft auch im Interesse der Millionäre im Land politisiert)?

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buch1632Einige sehr interessante Antworten darauf gibt der französische Soziologe Didier Eribon in seinem Buch Rückkehr nach Reims. Die Stadt Reims liegt etwa 130 Kilometer von Paris entfernt im Département Marne im Nordosten von Frankreich. Bei den Departementalwahlen 2015 wurde der Front National in diesem Departement mit über 33% der Stimmen wählerstärkste Partei. In dieser Stadt ist Didier Eribon 1953 als Sohn eines einfachen Arbeiters geboren und da ist er auch aufgewachsen.

In seinem Buch verwebt Eribon die eigene Biographie mit einer soziologischen Betrachtung dessen, was sich in Frankreich in den letzten Jahren verändert hat. Eribon ist gelungen, was bis heute in Frankreich sehr selten (und in der Schweiz wohl ebenfalls nicht an der Tagesordnung) ist: Obwohl er in der Provinz in einer Unterschicht-Familie aufgewachsen und homosexuell (und damit gleich dreimal benachteiligt) ist, hat er es zum gefragten Intellektuellen und Philosophen in Paris geschafft. Das ist denn auch eine der Hauptfragen seines Buchs: Wie kommt es, dass bis heute nur wenigen Kindern aus Arbeiterfamilien dieser soziale Aufstieg gelingt?

Didier Eribon, 26. Juli 2016

Didier Eribon, 26. Juli 2016

Eribon selbst hat, als er 20 wurde, ganz gezielt versucht, seine Herkunft abzustreifen. Er ist nach Paris gezogen, wo er zu einem intellektuellen Leben fand (und seine Homosexualität ausleben konnte), er arbeitete an seiner Sprache, bis man ihm seine Herkunft nicht mehr anhörte, er brach den Kontakt zu seiner Familie ab. Erst, als sein Vater starb, kehrte er zurück nach Reims, sprach mit seiner Mutter und seinen Brüdern – und stellte fest, dass aus den ehemals strammen Kommunisten überzeugte Wähler des Front National geworden ist. Wie konnte das nur passieren?

Der erste Grund: der Aufstieg der Linken

Er kommt in seinem Buch immer wieder auf diese Frage zurück. Dabei diskutiert er im Verlauf seiner Erzählung drei Gründe, die auch für die Schweiz interessant sind. Der erste Grund: Die Linke hat die Sprache (und die Haltung) der Regierenden übernommen und die Sprache der Regierten abgestreift. Eribon: Sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden, sie nahmen gegenüber der Welt nunmehr einen Regierungsstandpunkt ein und wiesen den Standpunkt der Regierten verächtlich von sich. Dass die Linke also Regierungsverantwortung übernahm war der Anfang von ihrem Ende. Eribon: Nach oftmals verblüffenden Karrieren sind sie politisch, intellektuell und persönlich in der Komfortzone der sozialen Ordnung angekommen und verteidigen nunmehr den Status quo einer Welt, die ganz und gar dem entspricht, was sie selbst geworden sind.

Opposition zur Bürgerlichkeit, zum Establishment, macht heute nicht mehr, wer links wählt und linksintellektuell denkt, sondern wer rechts wählt. Das dürfte auch der Grund sein, warum sich die SVP in der Schweiz wie eine Oppositionspartei gebärdet und sich bewusst in einen Gegensatz zur Classe Politique setzt (obwohl ihre Vertreter längst zu dieser Classe gehören und es absolut lächerlich ist, wenn ein Alt-Bundesrat und Alt-Nationalrat auf diese Politikerklasse schimpft, der er selbst so lange angehört hat). Vielleicht ist es deshalb nicht Segen, sondern Fluch, dass die SVP so wenige Exekutivämter besetzt in der Schweiz. Sie kann sich auf diese Weise glaubwürdiger auf die Seite der Regierten schlagen.

Der zweite Grund: Popularisierung statt Klassenkampf

Im Rahmen ihres Aufstiegs von der Arbeiterpartei zur Regierungsmacht hat die Linke den Klassenkampf abgestreift. Niemand redet heute mehr von der Arbeiterklasse, keiner spricht mehr von der Bourgeoisie. Eribon: Wenn man «Klassen» und Klassenverhältnisse einfach aus den Kategorien des Denkens und Begreifens und damit aus dem politischen Diskurs entfernt, verhindert man aber noch lange nicht, dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlen, die mit den Verhältnissen hinter diesen Wörtern objektiv zu tun haben. Die Linke hat zwar das Wort Klasse zum Verschwinden gebracht, aber nicht die soziale Klasse der Arbeiter und Angestellten.

Nun kann man argumentieren, noch nie sei unsere Gesellschaft so durchlässig gewesen wie heute, noch nie sei es so einfach möglich gewesen, auf der Basis einer einfachen Berufslehre mit Weiterbildungen Karriere zu machen. Das stimmt, das unterscheidet vielleicht die Schweiz mit ihrem ausgebauten, dualen Bildungssystem von Frankreich. Eribon schreibt über sein Leben das Gegenteil: Von Geburt an tragen wir die Geschichte unserer Familie und unseres Milieus in uns, sind festgelegt durch den Platz, den sie uns zuweisen. In seinem Buch beschreibt er seinen eigenen, mühsamen Weg aus seinem Milieu heraus. Doch dass wir das nicht kennen in der Schweiz, heisst nicht, dass bei uns das Milieu (die Klasse) nicht ebenfalls ein bestimmender Faktor ist. Vielleicht ist es in der Schweiz einfach so, dass es gar keine intellektuelle Oberschicht gibt. Vielleicht ist die Schweiz ein Bauern- und Angestelltenstaat, der auch das Politische als währschaftes Handwerk versteht und nicht als intellektuelle Herausforderung. Die Opposition besteht in der Schweiz deshalb nicht zwischen den Klassen, sondern zwischen einer breiten, bürgerlichen Schicht von Angestellten und einer schmalen Oberschicht von Besitzenden. Deshalb ist in der Schweiz nicht die Klasse das Bestimmende, sondern das Populäre, Populistische, gegen das ein intellektuelles Argument nie eine Chance hat, weil unser Staat und unser Denken auf Mehrheiten beruht.

Der dritte Grund: mehr Schweizer als Arbeiter

Dann kommt Eribon zu einem Grund, der mir gerade für die Schweiz am stärksten einleuchtet: Der von den «französischen» populären Klassen geteilte «Gemeinschaftssinn» wandelte sich von Grund auf. Die Eigenschaft, Franzose zu sein, wurde zu seinem zentralen Element und löste als solches das Arbeitersein oder Linkssein ab. Die Angestellten und Arbeiter der Gegenwart erleben ein «Wir» nicht mehr in der Arbeit (auch deshalb, weil es ihre Klasse nicht mehr gibt), sondern nur noch in Opposition zu den «Anderen», den Zuwanderern. Eribon: Die entfremdete Weltanschauung (den Ausländern die Schuld geben) verdrängt den politischen Begriff (gegen die Herrschaft ankämpfen).

Der «Kampf der Arbeiter» hatte immer zu tun mit Besitzstandswahrung oder Besitzvermehrung. Das kam in den Arbeitskämpfen zum Ausdruck. In der Zeit des sozialen Friedens sind es nicht mehr die Firmenchefs, die aus Sicht der Arbeiter/Angestellten den Wohlstand gefährden, sondern die Zuwanderer. Man fühlt sich einem Land zugehörig, weil man Steuern zahlt und sieht sich durch andere, die sich ins Nest setzen wollen, das man sich mit viel Mühe bereitet hat, bedroht. Eribon: Diese Form der Selbstbehauptung richtet sich gegen die, deren legitime Teilhabe an der »Nation« man bestreitet und denen man jene Rechte nicht gönnt, um deren Geltung für sich selbst man kämpft, weil sie von der Macht und den Mächtigen infrage gestellt werden.

Fassen wir zusammen:

  • Die breite Masse ist so apolitisch wie eh und je, wendet sich aber zur Opposition gegen die herrschende (linke) Klasse nach rechts.
  • In der Schweiz ist nur deshalb nicht mehr von der Klasse der Arbeiter und Angestellten die Rede, weil die Schweiz als Mehrheitenland vor allem aus dieser Klasse besteht.
  • Das Verbindende ist nicht mehr das Arbeiter-Sein, sondern das Schweizer-Sein. Verteidigt wird nicht mehr eine Lohntüte gegen Arbeitgeber, verteidigt werden Privilegien gegen Einwanderer.

Und was bedeutet das?

Es bedeutet wohl, dass «oben» und «unten» in einer Gesellschaft wirkmächtiger sind als «links» und «rechts» – und dass den Menschen ihre Privilegien wichtiger sind als die Menschlichkeit. Nun ist es nichts Neues, dass das Fressen vor der Moral kommt. Neu ist, wie unverhohlen (und unverfroren) auf das Recht, zu fressen, gepocht wird.

Und wie kommen wir weiter?

Der Kampf zwischen der Linken und der Rechten bringt nichts, wenn es doch um oben und unten geht. Was den fressenden Menschen vom fressenden Tier unterscheidet, ist nicht die Speisefolge, sondern die – ja: die Menschlichkeit.

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5 Kommentare zu Warum die Arbeiterschaft rechts wählt, statt links

  1. Markus Ehrsam sagt:

    Das ist mit zu hoch gegriffen und die Schweiz nun wirklich nicht mit Frankreich vergleichbar.
    Ich bin, war, Jahrzehnte lang treuer Wähler und Abstimmender im Sinne der SP. Nun aber scheint die SP, ausser vielleicht die Juso, zu verstummen. Gerade jetzt zu aktuellen Themen wie Entwicklung der EU, Migrationsproblematik, Stellung des Islam, Gesellschaftliche Regeln, usw. Wenn ein Mitglied wie Herr Fehr prononciert seine Meinung kund tut dafür noch gemassregelt wird ist das auch nicht förderlich für die Meinungsbildung. Dazu Herr Levrat, der in den in den Medien immer so präsent war, lässt schon gar nichts mehr von sich hören. Schade dieses verharren auf alten Themen dieser so wichtigen Partei und die Wahlergebnisse sind die Antworten dazu.

  2. Thomas Zweidler sagt:

    Es gibt keine Arbeiter mehr. Oder die Arbeiter geben sich nicht mehr als solche aus. Sie sind Fachfrauen – Fachmänner – Spezialisten – Spezialistinnen, und sei´s auch nur in der Kanalreinigung als Beispiel (wobei dies keine Abwertung der Rohrreiniger sein soll). Die Arbeiter dürfen sich nicht mehr in der Schweiz als solche ausgeben. Sonst werden Sie belächelt, sei´s in der Schule an den Elternabenden, sie werden nicht ernst genommen am jährlichen Sommer-Garten-Miethausfest, sie werden in zahlreichen Arztpraxen zweitrangig behandelt, wenn sie aufs Personalienblatt bei Praxiseintritt Hemmschuhleger (für alle Studierten hier rasch die Erklärung = Arbeiter im Güterrangierbetrieb z.B. auf dem Rangierbahnhof Muttenz) notieren anstelle von, nehmen wir mal „Gesprächstherapeut“. Beim ersten Beruf ist ein „räusper und hüstel, hüstel“ wahrscheinlich, beim zweiten „Beruf“ ist ein „Aaah“ und „Ohhh“ sicher. Und nicht zuletzt werden auch, so kommt es mir manachmal leider vor, auf diesem Blog einfache, handfeste, realitätsnahe Kommentare, die von der fast schon phantomhaften „Arbeiterschaft“ stammen könnten, oftmals als banal degradiert, als ungehobelt oder einfach als absurd betitelt. Ja, es ist schwer, in der sich zur elitären Gesellschaft entwickelnden Schweiz (jeder meint, mehr „Sein“ als „Schein“ sei trend – und bei uns fährt man ja gut mit der Devise….the trend is my freind….). Capito?
    Zudem sind die traditionellen Arbeiterparteien wie die PdA, die Poch, die SP teils ganz von der Bildfläche verschwunden oder schauen für alles Andere gut, nur nicht für ihre Stammwählerschaft, die (ominösen) Arbeiter. Niemand der jeden Tag 9 Stunden bügelt kann sich mit einer schneewittchenhaften S. Sommaruga identifizieren, welche in Ihrer eigenen (abgehobenen) Bundesratswelt lebt, welche mit Lebenspartner kinderlos im schönen EFH mit Riesengarten und edlen Bäumen im Nobelvorort zu Bern haust, welche (im Gegensatz zu Chr. Blocher auf die Spontanfrage eines Ostschweizer Regio-TV´s „was kostet ein Liter Milch?“ mit „…das wüsst i jetzt nöd grad“ antwortete. Solch eine Antwort einer SP-Lady spricht Bände. Auch die duchwegs studierte SP-Führung kann kaum Vertrauen gewinnen. Studiosi Levrat, welcher immer an Staatsstellen oder bei Non-Profit-Organisationen wirkte, kennt die Probleme eines Bodenlegers, eines Eisenlegers oder eines Plattenlegers nimmer (wobei bei letzterem kein DJ gemeint ist). Der moralistische Budenzauber dieser ehemaligen Arbeiterparteien nervt. „Sie reden von Gott und meinen sich selbst“ – diese Aussage des grossen Karl Barth kommt mir immer in den Sinn, wenn ich am TV z.B. einen SP-Lehrstuhl-Strategen wie Roger Nordmann zu kreuze kriechen sehe.
    Das falscheste ist, Partien wie der SVP usw. Populismus vorzuwerfen. Oder aggressive Werbung. Wer dies vertritt scheint mir zu selbstgefällig und, macht es sich zu einfach!! Pardon, auch wenn unter der Leserschaft ein PR-Guru sein soll, so viel Macht haben die „Werbefritzen“ und „PR-Fritzen“ auch wieder nicht, auch wenn sie dies meinen. Auch in dieser Branche gilt wie in der ganzen „Firma“ Schweiz: „Mehr Einbildung als Ausbildung“. Und damit fährt man hierzulande immer wie besser.
    Wenn wir schon Auslandvergleiche machen (wie M. Zehnder oben mit Frankreich), passt diese Aussage von Nationalrätin E.Schneider-Schneiter (CVP, BL) gut dazu: Sie lamentierte mit krauser Stirn auf Twitter über Donald Trump: „Wer kann den denn stoppen?“ Ja, wer wohl – Frau Nationalrätin-Juristin? (Auch da – als Exempel – bei der CVP – nix von Arbeiter….). Sicher nicht Redeverbote, einseitige TV-Berichterstattung, Parlamentsausschlüsse…!! sondern – bessere, engagiertere, couragiertere und stärkere Konkurrenzparteien. Was wichtig wäre:
    Ein besserer Obama, eine bessere Clinton – welche den Arbeiter in Ohio ernst nimmt, der sagt: Mir bringen die Auslandeinsätze von Obama nix, mir bringt die Humanität in Afrika von Clinton nix, mir bringt das Handelsabkommen mit weiss ich wem nix; die glanzvollen Auftritte auf dem internationalen Edelparkett usw usw…
    Ich will einen wählen, der mich versteht, der meine Sprache spricht, der „die Einheimischen zuerst“ schreit…. Und da ist die Auswahl eben sehr begrenzt. Ich kann den als Beispiel herhalten müssenden Arbeiter in Ohio so gut verstehen!
    Um den Bogen wieder in die Schweiz zu schlagen: Der SVP durch Werbung und Plakate ihren Erfolg zuzuschreiben, ist wie oben erwähnt, falsch. Der SVP kann man ihren Erfolg daher zuschreiben, da die übrigen Parteien in der Schweiz einfach zu SCHWACH sind. Begreift das ominöse Wesen „Arbeiter“ eher die akademischen Phrasen eine A. Berset oder die klar zusammenhängenden Aussagen eines Albert Rösti? Wieso kommt kein einziger Vertreter der SP zum Sommerfest des Arbeiterschiessvereins ins Zelt, jedoch von der SVP deren 3 dort zugange sind? Wieso verteilt am Country- und Truckerfestival in Interlaken gegen die stechende Sonne die SP keine Käppi – sondern bloss die SVP?
    Wieso getraut sich keiner mehr von der SP direkt Face to Face am Fraumattschwinget über ihre Politik zu reden?
    Die Aufzählung könnte noch lange weitergehen – sie würde sich bloss wiederholen.
    Fact ist: Einfach ein Einfacher zu sein wird in der Schweiz als wie mehr zum „NoGo“. Die, welche es (noch) sind müssen sich in der Schweiz (leider vom „gehobenen“ Gesellschaftsdiktat aufoktruiert) immer wie mehr (rational natürlich völlig unbegründet) in „Grund und Boden“ schämen. Wohin man schaut, die 20-jährige Ernährungsberaterin zählt mehr als der 56-jährige Asphaltbauer….
    Und ein wesentlicher Grund: Die etablierten Establishment-Parteien wie CVP, SP, Grünliberale usw… kümmert den einfache Büezer im eigenen Land einen Dreck. Lieber auf den internationalen Parkett eine gute Falle machen, lieber von EU-Junker abgeküsst werden, lieber Frontex-Millionen aufstocken, lieber CH-Grenzwächter der EU zur Verfügung stellen (welche dann an den eigenen Landesgrenzen fehlen), lieber Entwicklungsmilliarden verteilen und im eigenen Land, bei den eigenen Leuten die Sparglocke anziehen…. Dies geht auf die Dauer nicht auf. Auch der hinterste und letzte Ziegenwirt aus dem Entlebuch (auch hier – ein Beispiel – keinenfalls abwerted gemeint) hat diese falschen Zocker-Spiele durschaut und – eben – seine Konsequenzen gezogen – welche sich beim Abstimmungsverhalten widerspiegeln.
    Das Pendel der unglaubliche Arroganz des pseudointellektuellen Erhabenseins, die der übrigen Bevölkerung die Intelligenz absprechen will, hat hier und jetzt – 2016 – zurückgeschlagen.

  3. Stephan Zürcher sagt:

    Herr Zeidler scheint die Arbeiter zu verstehen und begründet deren Sympathie für die SVP damit, dass dies Partei sich um die Arbeiter kümmert. Zumindest an Anlässen und mit Käppchen und offensichtlich in der Wortwahl. Diese vor allem muss offensichtlich den Unterschied ausmachen zwischen den Studierten der SVP und den Studierten der übrigen Parteien. Denn alle Führungsriegen der Parteien weisen einen sehr hohen Anteil an Studierten aus, hier bildet keine Partei eine Ausnahme – nicht einmal die SVP. Dies stellt Herr Zeidler ausführlich an vielen Beispielen dar.
    Der Frage, welche Matthias Zehnder aufwirft und aufgrund des Buches von Didier Eribon diskutiert weicht Herr Zeidler mit einer eleganten Pirouette aus. Warum eigentlich stimmen die Mehrheiten aus Arbeitenden und Angestellten für die rechten politischen Konzepte? Hoffentlich nicht wegen der Wortwahl. Es müssen also die Inhalte sein. Und in diesem Sinne scheint mir die Erklärungsstrategie von Herr Eribon und Matthias Zehnder ein ernsthafte Antwort zu versuchen, die mir durchaus plausibel erscheint. Es sind also nicht die Plakate an und für sich, sondern deren Botschaften. Diese lauten etwas verkürzt tatsächlich: Wir zuerst und das Eigene immer vor dem Fremden!
    Dass dabei grundsätzliche rechtsstaatliche Prinzipien und somit Grundlagen unserer Demokratie verletzt oder sogar ausser Kraft gesetzt werden sollen ist das Problem. Entweder wir landen in einer Apartheitsgesellschaft oder wir setzen die Demokratie ausser Kraft. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich gilt auf jeden Fall nicht mehr.
    Somit ergibt sich neben dem Spannungsfeld oben und unten auch noch eine Achse zwischen Demokratie für alle und Herrschaft der Eigenen für wenige.

  4. Ueli Keller sagt:

    Es trifft zu: Auch in der Schweiz gibt es keinen Kampf zwischen «links» und «rechts». Und aber auch nicht zwischen «oben» und «unten». Zumindest nicht offen. Die Parteien, die in der Schweiz die Politik machen, sind sich im Stammhirn einig: Wer bei der Wählerschaft punkten will, muss auf den Erhalt des Volksstammes setzen. Ob dabei fehlende Menschlichkeit beispielsweise gottergeben passiv, verantwortungslos populistisch, hoffnungsfroh liberal oder antiquarisch sozialistisch begründet wird, spielt keine Rolle. – Wie viel Zeit haben wir wohl noch für einen globalen und grundsätzlichen Spurwechsel: Von Gier, Gleichgültigkeit, Hass, Konkurrenz, Materialismus und Selbstbezogenheit zu Achtsamkeit, Altruismus, Hilfsbereitschaft, Kooperation und Verzicht: 5 Jahre, 50 Jahre, 500 Jahre?

  5. Lorenz Egeler sagt:

    In einem scheint man sich einig zu sein, die Arbeiterklasse, die am Fliessband, die gibt es nicht mehr. Zumindest fühlen sich die Arbeiter, die es zwar noch gibt, keiner Arbeiterklasse mehr zugehörig, zudem sind sie meistens Ausländer ohne Stimmrecht. Man könnte meinen, es ginge allen so gut, dass man sich darauf beschränken könnte, über die Butter auf dem Brot zu debattieren und nicht mehr über das Brot selbst. Wenn sie, die wenig privilegierten Mitbürgerinnen und Mitbürger, die es eben trotz allem noch gibt, sich von der SP und den Grünen nicht mehr vertreten fühlen, werden sie verunsichert. Einige enthalten sich der Stimmabgabe, andere wandern den lautesten Versprechen nach Sicherheit und Glück in einer romantizierten Heimat nach. Naiv ist aber, wer meint, die Rattenfänger ausrotten zu können. Das Übel liegt nicht primär in der Existenz rechter populistischer Parteien, sondern in der Schwäche der Linken, der Vernachlässigung ihrer Klientel, ihrer Absenz in wichtigen politischen Themen und dem Mangel entsprechend klarer Aussagen zu diesen. Es sind übrigens nicht nur Arbeiter und sozial schwache, welchen die Politik der „Linken“ nicht mehr zusagt, ohne dass sie gleich zur SVP abwandern. Haben wir in Basel beispielsweise einen grünen Regierungspräsidenten gewählt, um via Stadtmarketing aus der Innerstadt einen Rummelplatz werden zu lassen? Wo bleibt der Fokus auf die Bewohner dieser Stadt? Eine Wiedervereinigung gibt es nicht, das wissen wir, eine Fusion auch nicht, das ist klar. Weshalb gibt sich unsere „linke“ Regierung mit einer Vertretung im Ständerat zufrieden während der Kanton Jura ganz selbstverständlich zwei erhielt? Die Nordwestschweiz ist und bleibt in Bern miserabel vertreten, auch mit einer sogenannt ständigen Vertretung beider Basel, die kaum jemand kennt.
    Ohne Mitglied einer Partei zu sein, habe ich bisher Rot-Grün gewählt. Wen soll ich im Herbst in Basel wählen, wenn ich nicht bürgerlich und schon garnicht SVP wählen mag und die Linke nichts anbietet? Ich werde natürlich wählen, vermutlich erstmals seit 50 Jahren aber leer einlegen!

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